Euphorischer NZZ-Präsident, wehmütiger AZ-Verleger

Was sich die beiden Medienhäuser von ihrem Deal erhoffen, wer welchen Schlüsselposten übernimmt und wie andere Verleger reagieren.

Spannen zusammen: CEO Axel Wüstmann mit Verleger Peter Wanner von den AZ Medien und NZZ-Präsident Etienne Jornod (von l.) an der Medienkonferenz im Landesmuseum in Zürich. (7. Dezember 2017))

Spannen zusammen: CEO Axel Wüstmann mit Verleger Peter Wanner von den AZ Medien und NZZ-Präsident Etienne Jornod (von l.) an der Medienkonferenz im Landesmuseum in Zürich. (7. Dezember 2017)) Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Normalerweise findet eine solche Pressekonferenz im Restaurant statt. Doch die NZZ Mediengruppe und die AZ Medien verkündeten ihre Pläne für ein Joint Venture im Willy Gustav Salomon Hirzel-Auditorium im schweizerischen Landesmuseum. Der Hörsaal fasst 250 Personen, die Miete beträgt ein paar Tausend Franken pro Tag. So schlecht kann es dieser Branche nicht gehen.

Je nach Perspektive ist die Zusammenlegung ein freudiges Ereignis. Allem voran für die NZZ Mediengruppe, die schon lange nach einer Möglichkeit suchte, um die Erträge ihrer Regionalmedien in der Ost- und Innerschweiz zu steigern. Diese sind ein wichtiger Posten in den Büchern des Unternehmens. Im Verbund mit den Nordwestschweiz-Medien lässt sich noch besser sparen bei Ausgaben wie Personal und Räume.

NZZ-Präsident Etienne Jornod war denn auch der bestgelaunte Teilnehmer an der Medienkonferenz. Über den neuen Partner AZ Medien sprach er euphorisch, kein anderes Unternehmen passe hinsichtlich der Strategie und Kultur so gut zur NZZ. Peter Wanner klang optimistisch, aber auch wehmütig, als er sagte, dass er sein ganzes Unternehmen in dieses Joint Venture gebe. Die Geschichte der AZ Medien reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück, als Wanners Vorfahren in Baden eine Zeitung gründeten. Während die NZZ ihre Prestige-Titel NZZ und «NZZ am Sonntag» behält, gibt die AZ Medien auch ihr Flaggschiff «Aargauer Zeitung» in das neue Unternehmen. Übrig bleiben «Watson» und vier Radio- und TV-Sender.

Dafür hat Peter Wanner als Verwaltungsratspräsident den wichtigsten Posten im neuen Unternehmen. Sein Stellvertreter Jörg Schnyder kommt dafür von der NZZ. Die AZ Medien stellen mit Axel Wüstmann den CEO, dessen Stellvertreter Jürg Weber kommt von den NZZ-Regionalmedien.

Start im Herbst 2018

So weit, so ausgeglichen. Doch die NZZ besetzt einen weiteren Schlüsselposten: Pascal Hollenstein, bisheriger Chef der NZZ-Regionalmedien, wird als publizistischer Leiter im neuen Unternehmen Chef über alle Titel. Sein Aargauer Äquivalent wäre Patrik Müller gewesen, Chefredaktor des Zeitungsverbunds «AZ Nordwestschweiz». Müller habe gegen Hollenstein verloren, sagen manche Beobachter. Müller selber sagt: «Ich habe mich nicht beworben. Ich bin mehr der Journalist, bin gern an der Blattmacher-Front.»

Noch existieren die Pläne nur auf dem Papier. Zuerst muss die Wettbewerbskommission (Weko) den Handel absegnen. Intern haben die beiden Unternehmen den Start auf den Herbst 2018 angekündigt. Noch lieber würden sie aber schon im Frühling 2018 anfangen, wie gut informierte Quellen sagen. Wenn die Weko das Dossier schnell abhandelt und im Sinne der Antragsteller entscheidet, wäre das möglich. Die Firmen sind in den Startlöchern.

Neue Achse Basel-Graubünden?

Komplizierter wird es im publizistischen Bereich. Dort gehen die Diskussionen um die künftige Zusammenarbeit der rund zwei Dutzend Zeitungstitel erst los. Angedacht ist ein gemeinsamer Mantelteil mit Inland, Ausland, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Sport für die teilnehmenden Regionalzeitungen. Zudem sollen die «Ostschweiz am Sonntag» und die «Zentralschweiz am Sonntag» auf den Samstag vorverlegt und mit der «Schweiz am Wochenende» zusammengelegt werden.

Eine Frage ist, was aus der Zusammenarbeit mit der «Südostschweiz» wird, welche die AZ Medien heute unterhält. Die «Südostschweiz» wäre beim Joint Venture wohl weiterhin willkommen, wie gestern am Rande der Medienkonferenz zu erfahren war. Doch wahrscheinlich orientiert sich «Südostschweiz»-Verleger Hanspeter Lebrument woandershin. Kürzlich wurde bekannt, dass zwischen ihm und den Herausgebern der «Basler Zeitung» Gespräche geführt werden über eine Kooperation im überregionalen Teil. Lebrument sagte auf Anfrage, er strecke seine Hand «sicher nicht» in Richtung dieses neuen Joint Ventures aus. Hingegen wolle er mit der «Basler Zeitung», deren Mantel-Teil er sehr gut finde, in irgendeiner Form zusammenarbeiten.

«Zeitungen irgendwie am Leben halten»

Die Gewerkschaften reagierten alarmiert auf die Pläne von AZ und NZZ. Erst kürzlich hatte die Tamedia, die auch den «Tages-Anzeiger» herausgibt, eine gemeinsame überregionale Redaktion für mehrere Zeitungen angekündigt. Mit dem neuen Joint Venture erreiche das «Vielfaltssterben der journalistischen Publizistik» nun einen neuen Tiefpunkt, schreibt die Journalistengewerkschaft Impressum in einer Mitteilung.

Der Verband fordert einen Verzicht auf Kündigungen, Sofortmassnahmen von Bund und Kantonen sowie ein Eingreifen der Weko. Auch «Südostschweiz»-Verleger Lebrument äussert sich pessimistisch. «Dieses Joint Venture entspricht nicht einfach strategischem Kalkül, sondern purer Not», sagt er. «Man muss die Zeitungen irgendwie am Leben erhalten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 19:21 Uhr

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