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«Jetzt kommen mehrere Schocks zusammen»

Warum sinken die Aktienkurse heute weiter? Und ist dies das Ende der zehnjährigen Wachstumsphase? Christian Gattiker, Chefstratege von Julius Bär, erklärt.

«Das Verhalten der Saudis ist emotional und irrational»: Christian Gattiker (Julius Bär). Foto: PD
«Das Verhalten der Saudis ist emotional und irrational»: Christian Gattiker (Julius Bär). Foto: PD

Die Schweizer Börse hat heute beim Start 11 Prozent verloren. Der Ölpreis hat sich seit Jahresbeginn halbiert. Wie kommt es zu derart extremen Preisbewegungen? Im Moment kommen mehrere Schocks gleichzeitig zusammen. Da ist einmal die Ausbreitung des Coronavirus, die Ängste vor einer weltweiten Rezession schürt. Der Ölpreiscrash übers Wochenende schwächt die Zahlungsfähigkeit von Öl produzierenden Ländern und Unternehmen. Zusammen mit den übrigen gegenwärtigen Angstfaktoren führt das zu einem extremen Stress auf den Märkten.

Noch in den 70er-Jahren wurde eine weltweite Rezession durch zu hohe Ölpreise ausgelöst. Weshalb sind tiefe Preise jetzt ein Problem?In den 70er-Jahren sind wegen der hohen Ölpreise die Kosten stark angestiegen, was zum Giftmix von Inflation und Rezession geführt hat. Ein tieferer Ölpreis hätte damals die Konsumenten entlastet. Jetzt aber hilft das wenig, weil die Nachfrage als Folge der Krise im Zusammenhang mit dem Coronavirus einbricht und damit auch die nach Erdöl.

Welche Rolle spielt Saudiarabien als wichtigstes Ölförderland?Das Verhalten der Saudis ist emotional und irrational. Weil Russland bei einer Ölförderbeschränkung zur Stützung des Preises nicht mitmacht, wollen nun die Saudis den Ölhahn erst recht aufdrehen, das führt zu einem weiteren Preiszerfall.

«Vielen kleinen und mittleren Unternehmen droht ein Bankrott.»

Der Zerfall der Börsenkurse und des Ölpreises wird auch mit Stress an den US-Kapitalmärkten in Verbindung gebracht. Dort sollen Unternehmen Schwierigkeiten haben, noch an Geld zu kommen.Das ist in den USA besser messbar, weil dort 80 Prozent der Unternehmensfinanzierung über die Kapitalmärkte, also Anleihen, läuft. Vor allem Unternehmen aus dem Energiesektor müssen mittlerweile massive Risikoaufschläge bezahlen, um noch an Geld zu kommen. Wegen der Liquiditätssorgen an den Kapitalmärkten hat die US-Notenbank Fed am letzten Dienstag den Leitzins überraschend und ausserhalb des Fahrplans für solche Entscheide um einen halben Prozentpunkt gesenkt. Für Beruhigung hat das aber nicht gesorgt. Die Massnahme hat vielmehr den Eindruck vermittelt, auch beim Fed herrsche wegen des Virus Panik.

In Europa dominieren bei der Finanzierung der Unternehmen die Banken. Was zeigt sich hier?In Europa finanzieren sich die Firmen zu 80 Prozent über die Banken. Das erklärt, warum deren Aktien besonders stark gefallen sind. Durch den Nachfrageeinbruch und die Einschränkungsmassnahmen als Folge der Viruskrise werden vor allem viele kleine und mittlere Unternehmen stark belastet. Vielen droht ein Bankrott. Das fällt auf die Banken als Kreditgeber zurück. Und erhöht umgekehrt den Druck auf die Politik, hier endlich stabilisierend einzuschreiten.

Man findet auch die Ansicht, der Einbruch an den Aktienmärkten zeige das Platzen einer Blase, weil die Kurse seit mehr als zehn Jahren stark angestiegen sind. Was sagen Sie dazu?Dem kann ich mich nicht anschliessen. Der Grund für die Korrekturen ist ein in der Marktwahrnehmung stark steigendes Rezessionsrisiko. Was wir jetzt sehen, geht weit über eine gesunde Kurskorrektur hinaus.

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