Facebooks Kampf gegen Trolle

Mark Zuckerberg müsste seine Plattformen mit Milliarden absichern – doch das würde den Gewinn schmälern.

Der «reale Test» stehe mit den kommenden US-Kongresswahlen bevor, sagte Konzernchef Mark Zuckerberg diese Woche. Bild: Keystone

Der «reale Test» stehe mit den kommenden US-Kongresswahlen bevor, sagte Konzernchef Mark Zuckerberg diese Woche. Bild: Keystone

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Facebook ist mit 2600 Millionen Nutzern das grösste Kommunikationsnetz der Welt und stösst an die Grenzen des Wachstums. Doch das ist weder für Mark Zuckerberg noch für die Nutzer negativ, zwingen die stagnierenden Zahlen doch endlich dazu, das Geschäftsmodell stärker gegen böswillige Akteure abzusichern.

Der «reale Test» stehe mit den kommenden US-Kongresswahlen bevor, sagte Konzernchef Mark Zuckerberg diese Woche, als er die jüngsten Geschäftszahlen kommentierte und zum ersten Mal bezifferte, was die forcierte Überwachung der Inhalte auf Facebook, Instagram und Whatsapp kosten dürfte. 18 bis 20 Milliarden Dollar sind nötig, doch auch dann wird Facebook nicht alle Hassprediger, Rassisten und Sprengköpfe der Demokratie unter Kontrolle bringen können. Selbst wenn 99 Prozent dieser Extremisten ausgeschaltet werden könnten, so genügt eben nur ein Prozent, um eine Wahl zu beeinflussen oder den Mob zu Gewalttaten gegen Minderheiten anzustacheln.

Der Weg hin zu einem sozial verantwortlichen Unternehmen werde länger dauern, so Zuckerberg, und werde schmerzen. So werden wir erst nach den US-Wahlen vom kommenden Dienstag wissen, ob ausländischen Akteuren erneut die Irreführung von Wählern gelungen ist, wovor die Nachrichtendienste seit Monaten warnen und was der Präsident systematisch herunterspielt.

 Solche Mängel zeigen, wie viel Facebook noch zu lernen hat und wie riskant die geplante Kursänderung von Zuckerberg ist.

Ein Geheimrezept hat Facebook nicht. Die Angreifer verändern ihre Taktik viel zu schnell. So überwacht Facebook in erster Linie den Newsfeed, der 2016 zu russischen Attacken auf die Wahlen benutzt wurde. Doch Internet-Sicherheitsfirmen berichten nun von einer beschleunigten Verlagerung der Attacken auf Foto- und Videoseiten wie Youtube oder Instagram. Diese Kanäle sowie Whatsapp wurden nach den Terrorbomben und Mordanschlägen in einer Synagoge in Pittsburgh missbraucht, um antisemitische Propaganda zu verbreiten und Trump-Kritiker zu verhöhnen, ohne dass Facebook dies rechtzeitig entdeckt und unterbunden hätte.

Solche Mängel zeigen, wie viel Facebook noch zu lernen hat und wie riskant die geplante Kursänderung von Zuckerberg ist. Weil die Nutzerzahlen des Newsfeed in den USA und Kanada stagnieren und in Europa bereits sinken, will Facebook die Video- und Fotoplattformen ausbauen. Von ihnen verspricht sich Zuckerberg das neue Wachstum, das er dringend braucht, um den Gewinn hoch zu halten und die vom Boom der letzten Jahre verwöhnten Anleger zufriedenzustellen.

Doch exakt auf diesen Plattformen sind nun auch die Extremisten aktiver geworden, weil sie offensichtlich nicht zu Unrecht glauben, dass die Kontrollen hier schwächer sind. Das schafft ein Dilemma. Will Zuckerberg eine vertrauenswürdigere Plattform betreiben, muss er die Inhalte auf allen Kanälen und ganz gezielt auch in politisch instabilen Ländern wie Burma, Pakistan oder Brasilien weit strikter überwachsen. Das aber drückt auf das Geschäft und macht Facebook nicht mehr zum sicheren Gewinner der nächsten 15 Jahre.

Bisher konnte sich Facebook auf Journalisten und Non-Profit-Organisationen verlassen. Oft waren sie es nämlich, die grobe Missbräuche aufgedeckt und Facebook zum Eingreifen gezwungen haben. Während sich Facebook und andere auf die Spürarbeit der Medien abstützen und so ihre Kontrollinstrumente verfeinern konnten, saugten sie ungeniert 85 bis 90 Prozent des Werbemarktes ab. Von dieser von ihm mitverursachten Schwächung der Medien freilich spricht Zuckerberg nicht.

Erstellt: 03.11.2018, 09:01 Uhr

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