Die Airline und ihr «kollektiver Selbstmord»

Italien erkennt im Niedergang seiner Fluggesellschaft Alitalia sich selbst.

Einst «der Glanz Italiens in der Welt»: Eine Alitalia hebt vom Flughafen Rom ab. Foto: EPA, Keystone

Einst «der Glanz Italiens in der Welt»: Eine Alitalia hebt vom Flughafen Rom ab. Foto: EPA, Keystone

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Alitalia steht vor dem Aus. Wieder mal, muss man dazu sagen. Das Drama um die italienische Fluggesellschaft ist schon so reich an merkwürdigen Episoden und vermeintlichen Epilogen, dass die Italiener es mittlerweile mit Befremden verfolgen. Nur, diesmal ist die Lage dermassen prekär, dass die vielen Sinnbilder aus der Luftfahrt, die sonst in solchen Fällen bemüht werden, zu kurz greifen: Turbulenzen etwa oder Sinkflug. «Il Messaggero», die Zeitung aus Rom, schreibt von einem «kollektiven Selbstmord», den die Belegschaft von Alitalia vor einer Woche begangen habe. Das klingt definitiv und fatal.

In einem Referendum lehnte die Mehrheit der 12'000 Arbeitnehmer den jüngsten Rettungsplan des Unternehmens ab, ja sie schmetterte ihn ab: mit 67 Prozent «No». Es wäre eine relativ moderate Sanierung gewesen für eine Firma, die täglich zwei Millionen Euro verliert. 900 Mitarbeiter hätten entlassen werden, die Verbliebenen eine Lohnreduktion von durchschnittlich acht Prozent hinnehmen sollen. Im Gegenzug hatten die Investoren zwei Milliarden Euro versprochen – neues Kapital für eine letzte Chance. Vermittelt hatte den Plan die italienische Regierung; mitgetragen wurde er von allen grossen Gewerkschaften. Und so hatte es niemand für möglich gehalten, dass die Arbeitnehmer Nein sagen würden.

Verstaatlichung ausgeschlossen

Doch offenbar gaben sich viele der Hoffnung hin, dass es wieder einen Plan B geben würde, wie die linke Zeitung «La Repubblica» es nennt, eine allerletzte Chance. So war das schliesslich immer gewesen. Früher rettete der Staat die Airline jeweils mit einem satten Griff in die Steuerkasse. Seit Alitalia aber ein privates Unternehmen ist, geht das nicht mehr. Nun wird es einem Sonderkommissar der Regierung unterstellt. Der wird versuchen, einen Käufer zu finden. Findet er keinen, wird Alitalia wohl in Einzelteile zerlegt und verschwinden. Eine Verstaatlichung schliesst die Regierung aus.

«Früher war Alitalia der Glanz Italiens in der Welt», schreibt die bürgerliche Zeitung «Il Foglio», «nun ist sie die Metapher für alles, was schiefläuft in diesem Land.» Die Gesellschaft, die ihren ersten Flug vor 70 Jahren durchführte, am 5. Mai 1947, von Turin über Rom nach Catania, wurde schon bald zum Spielball von Politikern und Ministern jeder Couleur. Sie beschenkten ihre Klientel mit Posten im Unternehmen und betrieben Wahlkampf mit dem Stolz auf Alitalia.

Aussergewöhnliche Privilegien

Das ging immer. Die «Compagnia di bandiera», die Gesellschaft mit dem trikoloren Heckflügel, war nationaler Stolz und sollte das ewig bleiben. Gewerkschaften und Mitarbeiter beharrten auch dann noch auf ihren aussergewöhnlichen Privilegien, als allen längst klar war, dass sich die Firma sie nicht mehr leisten konnte.

Rentabilität schien nie ein wichtiges Argument zu sein. Die Frivolität der Spitzenmanager, die sich bei Alitalia über die Jahre abwechselten wie Coaches von Fussballvereinen, hatte System. Ihre strategischen Fehler sind ungezählt: Doppelungen im Betrieb, unterschätzte Konkurrenz von Billigfliegern und Schnellzügen, verpasste Allianzen. Die «Repubblica» schreibt von einem «typisch italienischen Schlamassel», einem «permanenten Scheitern». Alle, wirklich alle seien schuld daran.

In einer anderen Zeit

Der «Corriere della Sera» nennt die Firma den «Spiegel eines Landes, das sich auf sich selber zurückzieht». Notorisch verschlossen gegen Reformen, wie es auch die kürzliche Ablehnung einer grossen Überholung des politischen Systems zeigte. Skeptisch gegen Neuerungen, die der Globalisierung entspringen und sich national nicht mehr verhindern lassen. Um konkurrieren zu können, müsste man sich den Herausforderungen dieser Zeit stellen. Alitalia aber führte sich immer so auf, als lebte sie in einer anderen Zeit.

Der wohl letzte Akt, das denkwürdige Nein zum Rettungsplan, gereicht dem «Messaggero» zur Gewissheit, dass aller Sinn für Realität abhanden gekommen sei. «Der Wahnsinn ist emblematisch für die gesamte Geschichte, das logische Ende einer langen Kette von Fehlern.» Ausser natürlich, es gibt dann doch wieder einen Plan B. Oder C oder D oder E.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2017, 20:57 Uhr

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