Folgen nach den Wahlen Massenentlassungen?

Die Unia befürchtet «diverse Massenentlassungen» nach dem 18. Oktober. Auch der Verband Angestellte Schweiz rechnet mit schmerzhaften Massnahmen.

Die Gewerkschaft Unia sieht 30'000 Arbeitsplätze in Gefahr. Foto: Keystone

Die Gewerkschaft Unia sieht 30'000 Arbeitsplätze in Gefahr. Foto: Keystone

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Der starke Franken hat seit dem 15. Januar Tausende Zeitungsspalten gefüllt. In den letzten Wochen wurde er aus den Schlagzeilen verdrängt – dominierend sind jetzt die Parlamentswahlen. Nach dem Wahlsonntag werde der Frankenschock aber wieder zum Thema werden, schreibt die Gewerkschaft Unia in einer Medienmitteilung. «Die Lage eines Teils der Industrie, aber auch anderer Wirtschaftszweige ist kritisch», steht da. Und weiter: «Die Unia verfügt über Indizien, dass nach dem Wahltag am 18. Oktober diverse Massenentlassungen geplant sind.» Auf Anfrage will Corrado Pardini, Sektorleiter Industrie bei der Unia und SP-Nationalrat, darauf nicht weiter eingehen. Er bleibe jedoch bei seiner Prognose, dass in den nächsten zwölf Monaten bis zu 30'000 Stellen verloren gehen könnten.

Nicht nur die Unia warnt vor einem düsteren Winter für Arbeitnehmende. Auch der Verband Angestellte Schweiz befürchtet einschneidende Massnahmen. «Es gibt in zwei Fällen Anzeichen, dass es zu Entlassungen in grösserem Ausmass kommen wird», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Christof Burkard. Nennen will er diese nicht. Seit der Aufhebung der Franken-Untergrenze seien bis heute zwar weniger ­Restrukturierungsmassnahmen verkündet worden als befürchtet. «Doch wir haben Hinweise, dass die Lage jetzt ernster wird.»

«400 bis 500 Kündigungen»

Alois Düring, bei Angestellte Schweiz zuständig für das Regionalsekretariat Zürich–Ostschweiz, berichtet von «400 bis 500 Kündigungen, die nach den Wahlen bekannt gegeben werden». Bei einem der betroffenen Unternehmen handle es sich um einen «alteingesessenen Betrieb», der Jobs nach Tschechien auslagere. Der Rest entfalle auf kleinere Firmen, also KMU mit weniger als 100 Mitarbeitenden. Düring beobachtet wie die Unia eine «gewisse Zurückhaltung» vor den Wahlen: «Bis vor einem Monat haben sich jede Woche ein bis zwei Betriebe mit Stellenabbau-Plänen bei uns gemeldet. Ich war permanent mit Konsultationen und der Erstellung von Sozialplänen beschäftigt. Jetzt herrscht plötzlich Ruhe.»

Es gebe offenbar ein Interesse, die Angestellten vor den Wahlen nicht mit Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft zu verunsichern, glaubt Düring: «Das schadet für gewöhnlich den wirtschaftsnahen, bürgerlichen Parteien und hilft den linken Kräften, die sich für starke Sozialwerke einsetzen.» Auch Mathias Regotz von der Gewerkschaft Syna hält es für möglich, dass gewisse Ankündigungen zurückgehalten werden, bis die Wahlen vorbei sind. «Wer um seinen Job fürchtet, wählt tendenziell eher links. Unternehmer warten mit Schreckensnachrichten also lieber die Wahlen ab, um ihren politischen Repräsentanten nicht zu schaden.»

Swissmem dementiert vehement

Beim Industrieverband Swissmem will man von solchen Theorien nichts wissen. «Unternehmen richten sich bei der Kommunikation ihrer Entscheidungen nicht nach nationalen Wahlen», sagt Swissmem-Sprecher Ivo Zimmermann. Das Gegenteil zu behaupten, sei «realitätsfremd».

Zimmermann erwartet in den nächsten Wochen auch keinen «schlagartigen Anstieg» bei den Entlassungen. Er habe zwar Kenntnis von mehreren Mitgliedsfirmen, die in Kürze Personalmassnahmen ankündigen werden. Das Ausmass dieser Massnahmen bewege sich aber «im Rahmen der Erwartungen» – was wiederum nicht heisse, dass die Lage nicht ernst sei, so Zimmermann. «Dass der Franken sich gegenüber dem Euro in den letzten Wochen abgeschwächt hat, hilft zwar. Aber auch mit einem Wechselkurs von 1.09 können viele Industriefirmen noch nicht profitabel produzieren.»

Auch der Lausanner Politologe Andreas Ladner hält die Thesen der Gewerkschafter für gewagt. Politische Grossereignisse wie Parlamentswahlen beeinflussten die Entscheidungen von Unternehmern zwar durchaus, glaubt Ladner. Doch es sei alles andere als klar, welche politischen Kräfte von negativen Nachrichten aus der Wirtschaft wirklich profitierten. «Die Geschichte zeigt, dass die Linke nicht unbedingt zulegt, wenn es der Wirtschaft schlecht geht. Wähler könnten auch versucht sein, eher bürgerliche Parteien wie die FDP zu wählen, weil diese sich für den Werkplatz Schweiz einsetzen.»

Ladner hält es aber für möglich, dass einige Unternehmen mit strategischen Entscheiden zuwarten bis nach den Wahlen, um sich auf das neue politische Klima einstellen zu können. «Gewinnt die Rechte am Sonntag markant dazu, dürften die Abschottungstendenzen in der Schweiz zunehmen. Das macht es für Unternehmen noch schwieriger, Fachkräfte zu rekrutieren. Und könnte zum Beispiel die Entscheidung beeinflussen, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern», so Ladner.

Erstellt: 14.10.2015, 22:44 Uhr

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