Frauen auf dem Schirm

US-Fernsehsender befördern mehr Frauen in wichtige Positionen, nachdem Männer mit Sexskandalen dem Image geschadet haben.

Norah O’Donnell (r.) soll zum Aushängeschild von CBS News werden. «Sie ist ein Game-Changer», erklärte ihre Chefin die Ernennung. <nobr>Foto: Keystone</nobr>

Norah O’Donnell (r.) soll zum Aushängeschild von CBS News werden. «Sie ist ein Game-Changer», erklärte ihre Chefin die Ernennung. Foto: Keystone

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Ihr Traum ist, einmal den nordkoreanischen Despoten Kim Jong-un zu interviewen. Mit Donald Trump wäre sie freilich auch zufrieden, und zu diesem Zweck wird sie ihr Büro von New York nach Washington verlegen. Norah O’Donnell knüpft an eine stolze Tradition an: Walter Cronkite, der einflussreichste und vertrauenswürdigste aller US-Fernsehjournalisten, sass auf dem Stuhl, den sie seit Anfang dieser Woche besetzt.

Die 45-Jährige moderiert die Abendnachrichten von CBS und übernimmt auch die Verantwortung für die Abdeckung der Wahlen 2020. «Das sind die wichtigsten Wahlen in meinem Leben. Wir werden enormen Beeinflussungsversuchen von aussen ausgesetzt sein. Wir müssen es schaffen, alle Desinformationen auszufiltern.»

O’Donnell ist nicht die einzige Frau, die in einer grossen US-Fernsehkette eine politisch prominente Aufgabe übernimmt. Die Konkurrenten ABC und NBC haben ebenfalls mehr Journalistinnen in Spitzenpositionen befördert; und beim Kabel-TV-Sender MSNBC prägen sogar nicht weniger als fünf Frauen das Tages- und Abendprogramm. Alle sind durchweg politisch engagiert und hoch kompetent.

Bessere Noten, weniger Skandale

Zwei Gründe sind es, die das männerlastige Prime-Time-Fernsehen der USA umgestaltet haben. Zum einen bestätigen Umfragen Jahr für Jahr, dass weibliche TV-Hosts der umsatzstarken Morgen- und Abendsendungen beim Publikum besser ankommen als Männer. Die Zuschauerinnen und Zuschauer vertrauen Frauen offenbar mehr und geben ihnen hohe Noten für ein authentisches, direktes Auftreten.

Zum anderen aber mussten prominente Fernsehmänner in den letzten zwei Jahren wegen sexueller Übergriffe auf weibliche Angestellte ihren Platz räumen. Darunter litt das Image, am meisten bei CBS. Charlie Rose, ein omnipräsenter Interviewer und Meinungsmacher, wurde ebenso entlassen wie sein Vorgesetzter Jeff Fager. Sogar CBS-Konzernchef Leslie Moonvies musste unter der Beweislast fortgesetzter Übergriffe gehen; ein gutes Jahr nachdem der für seine Morgenshows bekannte Matt Lauer auf die Strasse gesetzt worden war.

Diese Abgänge wurden fast durchweg mit Frauen besetzt. Die wichtigste Aufgabe übernahm Susan Zirinsky, eine unverwüstliche Journalistin, die seit über 40 Jahren im Fernsehgeschäft tätig ist und unter Kolleginnen und Kollegen einen ausgezeichneten Ruf hat. Sie wurde dieses Jahr Chefin von CBS News – und sie war es, die Norah O’Donnell nun zum Aushängeschild des Senders machen will. «Norah ist ein Game-Changer», erklärte sie bei der Ernennung und verwies auf ihre allseits gelobte Berichterstattung zum Untersuchungsbericht von Ex-FBI-Direktor Robert Mueller.

Zirinsky entschied auch, die Politredaktion des Senders nach Washington zu verlegen, weil O’Donnell bereits über sechs Präsidentenwahlen berichtet hat und ihre Beziehungen im Politestablishment für die Wahlen 2020 täglich anzapfen soll.

Dabei wolle sie sich nach ihrem Vorbild Walter Cronkite ausrichten, sagt O’Donnell. «The most trusted voice», die am meisten respektierte Stimme war Cronkite in den 60er-Jahren. Als er von einer Vietnam-Reportage zurückkehrte und darlegte, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei, wusste Präsident Lyndon B. Johnson, dass die Volksmeinung gegen ihn gedreht hatte. Er leitete den Rückzug ein.

«The most trusted voice»: Walter Cronkite. Foto: Keystone

O’Donnell würde sich nicht scheuen, wie Cronkite von der Front zu berichten. Sie wuchs als Tochter eines Militärarztes in Seoul auf. «Wir alle können vom militärischen Wertsystem lernen», meint sie noch heute. Ihre erste Sendung widmete sie gestern zusammen mit den Gästen Caroline Kennedy und Jeff Bezos der Mondlandung vor 50 Jahren.

Auch bei ABC und NBC haben Frauen mehr Einfluss als noch vor wenigen Jahren. Gemäss einer Erhebung der Hofstra University auf Long Island ist das Fernsehen das einzige Massenmedium mit einer wachsenden Zahl weiblicher Angestellter. Frauen besetzen demnach 44,4 Prozent der Stellen in den Newsredaktionen in lokalen Fernsehstationen und eine Rekordzahl von 34,3 Prozent der Direktionsposten.

Eindrücklich präsentiert sich MSNBC, erklärtermassen das linksliberale Gegenstück zum konservativen Sender Fox News. Im Abendprogramm gibt die forsche Rachel Maddow den Ton an, und ihre Einschaltquoten steigen seit der Trump-Wahl stetig. Tagsüber prägen vier Frauen das Programm.

«Nichts geschieht aus Zufall»

Die bekannteste ist Andrea Mitchell, seit Jahrzehnten eine der bestinformierten Journalistinnen in Washington und die Frau von Ex-Notenbanker Alan Greenspan. «Nichts geschieht aus Zufall», sagt sie zu den starken Frauen am Fernsehen. «Unser Unternehmen ist der Frauenförderung sehr verpflichtet. Ich bin seit 41 Jahren hier, ich weiss es. Ich habe erlebt, als es in den 80er- und 90er-Jahren nicht so grossartig war.»

Der Effort scheint sich auch wirtschaftlich zu lohnen. Die Einschaltquoten für MSNBC sind 2019 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, haben aber gemäss dem Marktforschungsinstitut Nielsen für CNN und Fox News nachgelassen.

Erstellt: 16.07.2019, 20:48 Uhr

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