Frauen beklagen Ausbeutung durch Ivanka Trump

Die Tochter des US-Präsidenten will die Rechte von Frauen stärken – nur nicht, wenn sie für sie arbeiten. Als Näherinnen in Indonesien zum Beispiel.

Tut sie, was sie für Frauen propagiert? Ivanka Trump sieht sich Vorwürfen ausgesetzt.

Tut sie, was sie für Frauen propagiert? Ivanka Trump sieht sich Vorwürfen ausgesetzt. Bild: Reuters

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Vielleicht ist Ivanka Trump eben doch nur eine ganz normale Textilunternehmerin. Eine, die sich mit Zulieferproblem herumschlagen muss, mit Absatzrückgängen und, wie so viele andere, mit dem Vorwurf der Billigproduktion in Asien. Allerdings ist sie auch eine, die mittlerweile einen Job im Weissen Haus hat. Und mit dem lässt sich vor allem der Vorwurf der Ausbeutung von Arbeitskräften nur schwerlich vereinbaren.

Genau den erheben nun jedoch eine ganze Reihe von Arbeitern im Gespräch mit dem britischen Guardian. Ausführlich schildern sie, wie die Arbeit in der Fabrik PT Buma Apparel Industry in der indonesischen Kleinstadt Subang abläuft, in der unter anderem Mode für die Linie «Ivanka Trump» hergestellt wird: Sie erzählen von Minigehältern, Einschüchterungsversuchen, Unmengen unbezahlter Überstunden und Produktionszielen, die nahezu unmöglich zu erfüllen seien.

Einer Art Stundenplan zufolge, der dem Guardian vorliegt, muss jeder Arbeiter pro halber Stunde zwischen 58 und 92 Kleidungsstücke fertigstellen – und das von sieben Uhr morgens bis vier Uhr am Nachmittag. Wer das nicht schaffe, müsse länger arbeiten, und das treffe auf so gut wie jeden zu: In einer halben Stunde produziert ein Arbeiter in der Regel zwischen 27 und 40 Teile. Eine junge Frau sagt, sie mache «freiwillig» jeden Tag Überstunden, weil sie die Ziele nun einmal nicht erfülle. «Das Management lernt dazu: Sie stempeln unsere Karten um vier Uhr nachmittags aus, sodass niemand etwas beweisen kann», sagt ihr 25-jähriger Kollege.

Trotz der harten Bedingungen sind viele der laut offiziellen Angaben 2759 Mitarbeiter froh, überhaupt Arbeit zu haben. «Ich bin glücklich, hier zu arbeiten, meine Eltern sind Landwirte, und das ist ein anstrengender Job. Hier gibt es immerhin eine Klimaanlage», sagt eine junge Frau. «Ich bin stolz darauf, Kleidung für so eine bekannte Marke zu machen», sagt ein anderer, «aber wenn ich die Preisschilder sehe, frage ich mich, ob sie uns nicht ein bisschen mehr zahlen könnten.»

Video – Vorwürfe auch gegen Ivanka Trumps Schuhfabrik:

Den Angestellten wird der für die Region Jawa Barat ortsübliche Mindestlohn gezahlt: 2,3 Millionen Rupien im Monat, umgerechnet etwa 154 Euro. Da in Indonesien der Mindestlohn regional festgelegt wird, schwankt er im Land erheblich. Das bestätigt auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO): Ihr zufolge gibt es in Indonesien unter allen asiatischen Ländern die grössten Gehaltsschwankungen für ungelernte Arbeitskräfte. In Buma beispielsweise ist der Mindestlohn so niedrig wie in kaum einer anderen Region und auch deutlich niedriger als die Löhne, die Arbeiter mit ähnlicher Qualifikation in Fabriken in China bekommen. So hat keiner der Arbeiter, mit denen der Guardian gesprochen hat, jemals leistungs- oder arbeitszeitbezogene Gehälter erhalten – selbst nach sieben Jahren Arbeit in der gleichen Fabrik.

Weiter weg von «Women Empowerment» geht es kaum

Besonders hart ist der Arbeitsalltag für viele Frauen, die drei Viertel der Belegschaft der Fabrik in Subang ausmachen. Dabei sind sie eigentlich diejenigen, die Ivanka Trump laut eigenen Aussagen besonders fördern will. Viele von ihnen sind Mütter, sehen ihre Kinder aber nur am Wochenende oder noch seltener, weil es die Arbeit und die weiten Wege in die Heimatdörfer nicht zulassen. Ihr Arbeitgeber gesteht ihnen drei Monate Mutterschaftsurlaub zu, keinen Tag länger, und wenn sie während ihrer Menstruation trotzdem zur Arbeit kommen, erhöht sich ihr Gehalt um etwa neun Euro.

Für wen sie da arbeiten, wissen viele Frauen jedoch ganz genau. Vor etwa einem Jahr habe sie den Namen der Tochter des heutigen US-Präsidenten erstmals auf den Schildchen erkannt, erzählt eine von ihnen. Als sie von Trumps neuem Buch «Women Who Work» erfahren habe, in dem es um Frauen am Arbeitsplatz geht, habe sie laut lachen müssen. «Mein Bild einer Work-Life-Balance wäre es, meine Kinder mehr als einmal im Monat zu sehen», sagt sie.

Die Lücke, die da klafft zwischen dem, was Ivanka Trump auf den grossen Bühnen dieser Welt über Frauenrechte erzählt, und dem, was in den indonesischen Fabriken der Realität entspricht, ist also gewaltig. Mit den «Women Who Work», die Trump in ihrem neuen Buch beschreibt, haben die Frauen hier nichts zu tun.

Auch in China hat Trump Ärger

Hinzu kommt, dass es ihrem Vater Donald Trump gar nicht gefallen dürfte, dass die Kleidung seiner Tochter aus Indonesien in die USA importiert wird. Erst vor wenigen Monaten hat der US-Präsident das asiatische Land angeprangert, eine unfaire Handelsbilanz mit den USA zu haben. Trump kritisierte den 13-Milliarden-Überschuss Indonesiens und schwor einmal mehr, «ausländische Importeure zu bestrafen».

Doch auch die Länder, in denen seine Tochter sonst noch produzieren lässt, gehören nicht zu Trumps favorisierten Handelspartnern, beispielsweise China. Dort machte Ivanka Trumps Modemarke erst in der vergangenen Woche ähnlich negative Schlagzeilen wie nun in Indonesien: Drei Aktivisten der Organisation China Labor Watch hatten versucht, die Arbeitsbedingungen in den Fabriken eines chinesischen Schuhherstellers zu dokumentieren, der auch für die Präsidententochter produziert. Doch statt die Männer der Fabrik zu verweisen, wie es normalerweise der Fall ist, wenn sie auffliegen, wurden die Aktivisten verhaftet. «Wir haben keinen direkten Beweis dafür, aber die Vermutung liegt nahe, dass das damit zusammenhängt, dass es sich um Ivanka Trump handelt», sagt eine Sprecherin der Gruppe.

Die amerikanische Regierung setzte sich sofort für die Freilassung der Männer ein, China blockierte. Von wem allerdings bis heute kein Statement zu der Angelegenheit kam, ist Ivanka Trump selbst. Denn auch wenn sie den Vorsitz ihrer Firma mit Beginn ihrer Tätigkeit im Weissen Haus abgab, gehört diese noch immer ihr – und trägt noch immer ihren Namen. Leicht hätte sie den Vorfall in China aufgreifen können und sich infolge dessen nicht nur für gut situierte und erfolgreiche, sondern auch für ärmere Frauen im asiatischen Raum einsetzen können. Diese Chance hat sie verpasst. Nun hätte sie eine neue. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2017, 12:22 Uhr

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