Frauen haben in den USA höhere Cheflöhne – zu Recht

Warum weibliche Chefs in US-Unternehmen Spitzenlöhne verlangen können.

Hewlett-Packard-Chefin Meg Whitman verdient an der Spitze von HP Enterprise mit 35,6 Millionen Dollar den höchsten Lohn aller weiblichen CEOs. Foto: Michael Nagle (Bloomberg, Getty Images)

Hewlett-Packard-Chefin Meg Whitman verdient an der Spitze von HP Enterprise mit 35,6 Millionen Dollar den höchsten Lohn aller weiblichen CEOs. Foto: Michael Nagle (Bloomberg, Getty Images)

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Die grössten US-Firmen tun sich weiterhin schwer, Frauen ganz an die Spitze zu befördern. Nur gerade 5 Prozent der 500 grössten Unternehmen werden von Frauen geführt, obwohl rund die Hälfte ihrer Angestellten weiblich ist. Dafür fallen diese Topfrauen mit starken Leistungen auf: Sie erzielen höhere Erträge für die Aktionäre als die männlichen Chefs. Zusätzlich wird auch ihre Ausnahmestellung an der Konzernspitze mit einem ansehnlichen Lohnbonus entschädigt.

Nur gerade 28 Frauen stehen derzeit an der Spitze der 500 grössten US-Firmen, nicht mehr als vor fünf Jahren. Dafür sind ihre Löhne im Schnitt höher als jene der männlichen Kollegen, wie eine Auswertung des «Wall Street Journal» zeigt. Sie verdienten letztes Jahr im Schnitt 13,8 Millionen Dollar oder fast 20 Prozent mehr als Männer in der gleichen Position.

Gut in Krisen und für die Moral

Damit setzt sich ein Trend fort: Seit 2010 haben weibliche CEOs höhere Löhne. Aber sie haben im gleichen Zeitraum tendenziell auch mehr aus den Unternehmen herausgeholt als Männer, die Firmen leiten. Davon profitierten unter anderem die Aktionäre – in Form von steigenden Dividenden und Kursgewinnen an den Börsen.

Infografik: In den USA verdienen Chefinnen mehr als ihre männlichen Kollegen Zum Vergrössern klicken

Die starke finanzielle Leistung erklärt die Lohndifferenz aber nicht ganz. Frauen in Toppositionen bewähren sich auch oft in Krisenlagen; und Verwaltungsräte berufen sie mitunter, um den Ruf einer angeschlagenen Firma und die Moral unter den Angestellten zu verbessern. Dies ist der Fall bei IBM, bei Hewlett Packard, Yahoo und bei General Motors. Meg Whitman schaffte die überfällige Trennung von HP in zwei Einzelfirmen und verdient nun an der Spitze von HP Enterprise mit 35,6 Millionen Dollar den höchsten Lohn aller weiblichen CEOs. Ihr Unternehmen erzielte letztes Jahr an der Börse die beste Leistung der zehn Topfirmen: plus 55 Prozent.

Von den untersuchten fast 9000 Kaderstellen in 1500 US-Firmen werden nur 4 Prozent von Frauen besetzt.

Mary Barra sicherte General Motors letztes Jahr Rekordumsätze; mit ihr hat der Autohersteller den Sprung aus der tiefen Krise definitiv geschafft. Barra geniesst zudem gemäss Umfragen der Angestellten einen guten Ruf als Chefin. Umstrittener ist Virginia Rometty bei IBM. Sie wurde mit dem Auftrag an die Spitze geholt, den Firmenkoloss auf die digitale Cloud auszurichten – und somit ein weiteres Mal neu zu erfinden. Doch Rometty hat Mühe. Umsatz und Ertrag lassen seit Jahren zu wünschen übrig. Und Warren Buffett gestand kürzlich ein, mit dem Kauf der IBM-Aktie einen Fehler gemacht zu haben. Rometty ist mit 32,7 Millionen Dollar dennoch die Konzernchefin mit dem zweithöchsten Jahreslohn.

Noch umstrittener ist Marissa Mayer. Auch sie wurde mit hohen Lohnversprechen zu Yahoo geholt. Die Sanierung aber scheiterte, und Mayer musste 2016 in den Zwangsverkauf des Unternehmens an AOL einwilligen. Alles in allem kassiert sie für ihre Vorstellung bei Yahoo mehr als 160 Millionen Dollar. Das ist wohl das extremste Bispiel eines Frauen-Bonus’.

Mit konstanten Leistungen warten dafür die Chefinnen der Rüstungsfirmen Lockheed und General Dynamics auf. Marillyn Hewson und Phebe Novakovic verdienten letztes Jahr je gut 20 Millionen, fast doppelt so viel wie die männlichen CEOs im Durchschnitt. Ebenfalls Spitze, auch in finanzieller Hinsicht, sind Pepsi-Chefin Indra Nooyi und Mondelez-Chefin Irene Rosenfeld.

Nur wenige Frauen profitieren

Abgesehen von der Leistung können Frauen auch eine Art Seltenheitsaufschlag verlangen. «Die Nachfrage nach Frauen mit hohem Potenzial ist gross. Wenn ein Unternehmen sie will, so muss es dafür bezahlen», sagt Lisa Leslie, Managementprofessorin an der New York University und Mitverfasserin von vier Studien zum Thema «Diversitätsprämien».

Frauen sind gemäss einer Studie nicht nur in der höchsten Position selten. Von den untersuchten fast 9000 Kaderstellen in 1500 US-Firmen werden nur 4 Prozent von Frauen besetzt. Dafür können sie mit um 10 Prozent höheren Löhnen als Männer in gleichen Positionen rechnen. «Der Aufschlag wird aber nur einer ganz kleinen Zahl von Frauen bezahlt», sagt Leslie. «Tatsache ist, dass die meisten Frauen weiterhin Lohnnachteile erleiden.»

Erstellt: 02.06.2017, 07:42 Uhr

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