Von der Joghurt-Managerin zur Alzheimer-Forscherin

Andrea Pfeifer ist eine der wenigen Chefinnen in der Pharmawelt. Weil sie das Rampenlicht nicht scheut.

Sie hat für ihre Karriere grosse Opfer erbracht: Andrea Pfeifer in ihrem Büro in Lausanne. Foto: Sébastien Agnetti (13 Photo)

Sie hat für ihre Karriere grosse Opfer erbracht: Andrea Pfeifer in ihrem Büro in Lausanne. Foto: Sébastien Agnetti (13 Photo)

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Andrea Pfeifer hat eine kurze und eine lange Geschichte. Die kurze geht so: Die 60-jährige Firmenchefin vergisst nichts. Sie merkt sich jeden Auftrag, den sie erteilt. So lange, bis er erledigt ist. Pfeifer kämpft mit ihrer Firma AC Immune gegen Alzheimer. Das Biotechunternehmen forscht an Medikamenten gegen das Vergessen. Bis 2020 will es eine wirksame Therapie gegen die Krankheit auf den Markt bringen.

Um die lange Geschichte zu verstehen, muss man nach Lausanne fahren. Der Nebel hängt an diesem Dienstagmorgen tief über der Stadt, der Regen wäscht die letzten grauen Schneeflecken von der Strasse. Am Wochenende war Pfeifer noch an der Sonne, in Crans-Montana, und sah, wie Skirennfahrerin Michelle Gisin beim Weltcuprennen Zweite wurde. Sie fahre gerne Ski, sagt die Deutsche, die im Kanton Waadt wohnt. «Aber niemals würde ich mich derart den Berg hinunterstürzen wie die Athletinnen.» Viel zu riskant.

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Dabei geht Pfeifer selbst grosse Risiken ein. Mit ihrer Firma arbeitet sie in einem Forschungsfeld, das schon seit Jahren auf einen Durchbruch wartet. Pfeifer sitzt in einem Besprechungszimmer im Innovationspark der ETH Lausanne. Mehr als 160 Start-ups und Spin-offs der Hochschule haben sich hier niedergelassen. Auch AC Immune.

Eine Kapazität bei Nestlé

Pfeifer hat die Firma vor 15 Jahren gegründet. Davor war sie Vizepräsidentin von Nestlé, Leiterin des Forschungszentrums, Chefin von mehr als 600 Angestellten – eine Kapazität im Haus Nestlé. Sie arbeitete massgeblich an der Entwicklung von LC1 mit, dem Joghurt, das die Verdauung regulieren soll. Es wurde zum Erfolg, auch dank klugem Marketing, auch weil Pfeifer gut verkaufen kann. Allein in Deutschland hat sie damals innerhalb eines Jahres über 200 Medienkontakte gehabt. Dann verliess sie Nestlé, um Unternehmerin zu werden. Sie wollte zu ihren Wurzeln zurückkehren, der Medizin. Pfeifer trägt den Doktortitel in Pharmazie und arbeitete jahrelang in der Krebsforschung für die National Institutes of Health in den USA.

Von Joghurt zu Alzheimer – ein grosser Schritt. In der Schweiz leiden laut Schätzungen fast 150'000 Menschen an verschiedenen Arten von Demenz, von denen Alzheimer die häufigste ist. Bis 2040 könnten es bereits 300'000 sein, weil die Bevölkerung rasant altert.

Seit Jahrzehnten forschen Pharmakonzerne an Medikamenten gegen die Krankheit. Einige von ihnen haben aufgegeben. Anfang Jahr gab der US-Konzern Pfizer bekannt, dass er die Entwicklung von Alzheimer- und Parkinson­medikamenten einstellt. Lieber wolle er sich auf Bereiche konzentrieren, deren Erfolgs- und Ertragschancen höher seien. Ein anderer Konkurrent, Eli Lilly, musste im Januar gescheiterte Tests kommunizieren. AC Immune aber macht weiter. Einer der Wirkstoffe befindet sich in der letzten klinischen Testphase.

Pfeifer wollte lange Zeit kein
Vorbild für andere Frauen sein.

Damit die Medikamente eine Wirkung erzielten, müssten sie früher eingesetzt werden als bisher, sagt Pfeifer. Am besten schon, bevor die Krankheit ausgebrochen sei. Die Firma arbeitet deshalb auch an Methoden zur Diagnostik. Sie will noch dieses Jahr ein neues Verfahren testen, mit dem sich schädliche Ablagerungen im Gehirn nachweisen lassen.

Alzheimer macht Angst

Pfeifers Vision: In sieben bis zehn Jahren soll es möglich sein, schon bei Vierzigjährigen die Wahrscheinlichkeit zu ermitteln, mit der sie an Alzheimer erkranken. Ist das Risiko hoch, werden sie mit Wirkstoffen behandelt, die den Ausbruch der Krankheit verhindern.

Die Firma hat weder ein Produkt verkauft noch lanciert. Trotzdem wird sie mit Aufmerksamkeit beschenkt. Kaum ein Wirtschafts- oder Wissenschaftsmedium, das nicht über AC Immune berichtet hat. Das liegt am Thema: Alzheimer macht den Menschen Angst. Das liegt aber auch an Pfeifer: Sie scheut das Rampenlicht nicht, im Gegenteil. Es gibt in der Biotechbranche wohl wenige Chefs, die so oft porträtiert werden wie sie.

Ihr Auftreten ist das einer Frau, die weiss, dass sie auffällt. Mit der schwarzen Lederjacke und dem farbigen Kleid bildet sie einen scharfen Kontrast zu den grauen, von Wissenschaftlern bevölkerten Büroräumen. Beiläufig erzählt sie von einem Treffen mit dem verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs. «Ich fragte ihn, was ihn so stark macht in der Kommunikation von Apple. Er sagte: Practice, practice, practice – Übung, Übung, Übung. Er hat seine Präsentationen tausendmal geübt.» Sie hält es genauso. Ob Pfeifer Erfolg hat, ob ihre Vision Wirklichkeit wird, ist allerdings offen. Ihre Firma ging 2016 in den USA an die Börse und nahm 70,5 Millionen Dollar ein. Seither ist der Kurs um fast ein Drittel eingebrochen. Investoren haben Aktien verkauft. Ausserdem haben die Rückschläge in der Alzheimerforschung anderer Firmen auch die eigene Aktie in Mitleidenschaft gezogen.

Kommt dazu, dass AC Immune Verluste schreibt, in den ersten neun Monaten des Jahres 2017 waren es 25 Millionen Franken – doch die Zahlen machen Pfeifer keine Sorgen: «Die Finanzergebnisse sind für uns nicht wichtig.» Diese würden schwanken, bis die Medikamente im Markt sind. Oder: Alles hängt davon ab, ob diese einmal wirken.

Opfer für die Karriere

Als Chefin kommt Pfeifer in der Pharmawelt eine Sonderrolle zu. Der Frauenanteil in Geschäftsleitungen beträgt hier nur 12 Prozent. Wohl auch deshalb, weil viele Frauen die Aufmerksamkeit mehr scheuen als Pfeifer.

«Ich war in meiner Karriere sehr oft in Situationen, in denen ich die einzige Frau war», sagt Pfeifer. Das sei nicht immer einfach gewesen. Deshalb ist sie heute überzeugt, dass man jungen Frauen den Weg an die Spitze erleichtern muss. «Dafür braucht es vor allem eines: Vorbilder.» Für sie gab es damals keine. Und sie selber wollte zunächst auch keines sein. «Es ging mir gegen den Strich, als Rollenmodell deklariert zu werden. Bis ich gemerkt habe, wie wichtig das für andere Frauen ist.» Eine ihrer Angestellten habe ihr einmal erzählt, dass sie ihretwegen daran glaube, selber Karriere machen zu können.

Pfeifer ist verheiratet, hat keine Kinder. Doch sie glaubt, dass sie auch mit Familie erfolgreich gewesen wäre. «Die Zeiten, als eine Frau sich zwischen Familie und Beruf entscheiden musste, sind vorbei.» Sie sagt das mit einer Absolutheit, die der Komplexität der Sache wohl nicht gerecht wird. Nicht alle Frauen haben Vorgesetzte, denen an der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelegen ist. Und: Auch Pfeifer hat für ihre Karriere grosse Opfer erbracht. «Ich arbeite sehr viel, bin oft auf Reisen. Das Sozialleben hat darunter sicher gelitten.» Die Familie habe aber Priorität gehabt: «Für sie hatte ich immer Zeit.»

Als Pfeifer 11 Jahre alt war, erkrankte ihre Mutter. Als sie 17 war, ihr Vater. «Ich war praktisch während meiner ganzen Kindheit von chronischen Krankheiten umgeben. Das hat mich wirklich beängstigt.» Sie stellte sich schon als Teenager existenzielle Fragen: «Was bedeutet das für meine Zukunft? Kann ich studieren gehen? Wie finanziere ich mich, wenn meinen Eltern etwas passiert?» Heilen konnte sie die Krankheiten der Eltern damals nicht. Aber eines Tages vielleicht jene anderer Menschen. Das wäre dann das Ende der langen Geschichte.

Dieses Porträt ist Teil einer Kooperation von 20 Zeitungen aus aller Welt zum Internationalen Frauentag. Eine Auswahl der Porträts finden Sie unter folgendem Link.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2018, 21:12 Uhr

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