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Fremde in meinem Auto? Nein danke!

Die Emotionen der Schweizer Autobesitzer vermiesen dem Carsharing-Anbieter Sharoo das Geschäft – erst 1800 Fahrzeuge sind registriert.

Statt der geplanten 10'000 hat Sharoo bislang erst 1800 Autos im Angebot. Foto: PD
Statt der geplanten 10'000 hat Sharoo bislang erst 1800 Autos im Angebot. Foto: PD

Das Geschäftsmodell von Sharoo tönt eigentlich verlockend: mit dem eigenen Auto Geld ver­dienen, ohne dafür arbeiten zu müssen. ­Sharoo stellt eine digitale Plattform zur Verfügung, auf der man den anderen Sharoo-­Benutzern sein Auto zum Mieten anbieten kann, wenn man es gerade nicht benötigt.

Kaum ein Schweizer Jungunternehmen verfügt über so prominente Geldgeber wie Sharoo: Amag, Migros und Mobiliar. Zur illustren Runde der Aktionäre von Sharoo gehörte bis vor wenigen Tagen auch Mobility. Doch das Unternehmen mit den roten Autos hat seine Sharoo-Aktien an die Amag verkauft.

Im Gegenzug hat Mobility 100 Prozent der Aktien von Catch a Car übernommen, einem anderen Carsharinganbieter, der wie die erfolgreiche Mobility-­Genossenschaft mit firmeneigenen Autos arbeitet. Diese können in den Städten Basel und Genf auf allen öffentlichen Parkplätzen abgestellt und wieder gemietet werden. Mobility wird Catch a Car nun ins eigene Angebot ­integrieren.

Ziel deutlich verfehlt

Damit wird die Konkurrentin von Sharoo noch stärker. Wobei das grösste Problem des Start-ups nicht die Konkurrenz ist, sondern die Schweizer Autobesitzer. Diese sind offenbar nicht gewillt, für ein paar Franken Neben­verdienst fremde Personen ans Steuer ihres privaten Autos zu lassen.

Vor drei Jahren zeigte sich die damalige Sharoo-Chefin Carmen Spielmann ambitioniert: «2018 wollen wir 10'000 Autos im Angebot haben», sagte sie dem «SonntagsBlick». Dieses Ziel hat Sharoo deutlich verfehlt. Derzeit sind bloss 1800 Autos in der ­Sharoo-Datenbank registriert. Dies bei 4,6 Millionen Personenfahrzeugen, die derzeit auf Schweizer Strassen verkehren.

«Die Häufigkeit von Schäden ist höher, wenn fremde Leute fremde Fahrzeuge steuern.»

Ein Kadermann der Mobiliar

Zwar ist die Sharing Economy in aller Munde. Von Bohrmaschinen über Velos bis Ferienwohnungen wird über Internetplattformen heute vieles vermietet. Doch die Idee von Sharoo kam bisher nicht ins Rollen. Dies trotz diverser Marketingaktivitäten. Die Migros verschickte ihren Kunden Bons für Gratisfahrten – und für die kostenlose Installation der Sharoo-Box, also der technischen Installation, mit welcher ein Auto ausgerüstet wird, damit es mit der Sharoo-App statt mit dem Schlüssel ­geöffnet werden kann. Letztes Jahr warb Sharoo im Internet grossflächig für sein Angebot und versprach gar eine Geld-zurück-Garantie für unzufriedene Kunden.

Doch auch bei den Nutzerzahlen hat sich die Werbekampagne nicht niedergeschlagen. Statt wie angepeilt 150'000 Kunden zählt Sharoo heute 106'000 registrierte Nutzer. Die meisten von ihnen sind jedoch inaktiv. Seit dem Start im Jahr 2014 ist jeder der Kunden im Schnitt nur gerade einmal mit einem Sharoo-Auto gefahren.

Amag passt Modell an

Bereits 2017 hat die Amag die Aktienmehrheit von Sharoo übernommen und das Geschäftsmodell angepasst: Parallel zu den Privatfahrzeugen werden über Sharoo nun auch Occasionsfahrzeuge der Amag-Gruppe zur Verfügung gestellt.

Nun hat die Amag neben dem Aktienanteil von Mobility auch die Hälfte Sharoo-Aktien der Migros übernommen und hält damit 74 Prozent am Unternehmen. Die Migros, in deren Tochterfirma M-Way das Sharoo-Modell entwickelt wurde, hält nur noch 9 Prozent am Unternehmen.

Die restlichen 17 Prozent hält die Mobiliar. Die Versicherung mit Sitz in Bern hat sich am Zürcher Unternehmen beteiligt, um Erfahrungen mit der Sharing Economy zu sammeln. Während ein Auto von einem Sharoo-Nutzer gefahren wird, ist es über den Sharoo-Vertrag bei der Mobiliar versichert. «Die Schadenhäufigkeit ist höher, wenn fremde Leute fremde Fahrzeuge steuern», lautet das Fazit eines Mobiliar-Kadermanns. Für die Versicherung seien solche Statistiken wertvoll – um für weitere Sharing-Economy-Angebote die Versicherungsprämien festlegen zu können. Dass Sharoo wohl noch länger Geld verbrennen wird, schmerzt die Mobiliar kaum. Offiziell teilt sie in Sachen Sharoo mit: «Wir sind mit der Entwicklung zufrieden.»

Mindestens 10 Millionen Franken investiert

Oliver Leu, Interimschef bei Sharoo, will grundsätzlich keine Auskunft zu den Finanzen geben. Die Einträge im Handelsregister zeigen: Die Aktionäre haben bisher mindestens 10 Millionen Franken in Sharoo investiert.

Wie lange die Amag als neue Grossaktionärin das Start-up mit knapp 20 Angestellten noch finanziert, ist offen. Womöglich wird sie dem aufwendigen Vermitteln von Privatautos dereinst den Stecker ziehen und das Geschäftsmodell auf das Vermieten von Autos aus Firmenflotten beschränken. Der Vorteil bei diesem Segment: Bei Geschäftsautos stehen der Vermietung keine Emotionen im Weg.

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