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Banker fürchten sich vor Amazon

Der Web-Gigant drängt ins Finanzgeschäft. Nun spielen Banken in Rollenspielen Szenarien durch – unter dem Namen «War Game».

Aus dem Buchhändler wird ein Finanzdienstleister: Amazon-Chef Jeff Bezos am Firmenhauptsitz. Foto: Ted S. Warren (AP, Keystone)
Aus dem Buchhändler wird ein Finanzdienstleister: Amazon-Chef Jeff Bezos am Firmenhauptsitz. Foto: Ted S. Warren (AP, Keystone)

Jeff Bezos ist Chef eines Buchversands, einer Lebensmittelkette, einer Gesundheitsfirma und immer mehr auch einer Bank. Mittlerweile hat das US-Unternehmen aus Seattle eine eigene Kreditkarte, einen Zahlungsdienst und vergibt Kredite an kleine Firmen. Gerard du Toit, Experte bei der Unternehmensberatung Bain und Company, schätzt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Amazon auch ins Privatkundengeschäft einsteigt. Banken bereitet das zunehmend Sorgen, wie Banker hinter vorgehaltener Hand zugeben.

Die Geschichte von Amazon hat bewiesen, dass Wettbewerber zittern müssen, wenn der Bezos-Konzern einsteigt. Und Amazon ist nicht der einzige potenzielle Konkurrent. Viele Techfirmen mit prall gefüllten Konten tasten sich Stück für Stück vor. Über Facebook können die Nutzer Geld senden, bei Paypal können sie sich welches leihen und mit Google oder Apple bezahlen. Vergessen sind die Befürchtungen, findige Finanz-Start-ups könnten ihnen Marktanteile abknüpfen. Viele von ihnen sind heute Kooperationspartner oder wurden aufgekauft. Die wahren Gegner sind grösser.

Kriegsspiele bei Banken

Wie ernst die Banken die neue Techkonkurrenz nehmen, zeigt eine Umfrage. Unter 300 befragten Bankern hält fast die Hälfte die grossen Techunternehmen für eine «bedeutende Bedrohung». Einige Unternehmensberater spielen mit Geldhäusern in Rollenspielen bereits Szenarien durch. Das Ganze trägt den Namen «War Game», zu Deutsch: Kriegsspiel.

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Der reichste Mann der Welt macht alles

Jeff Bezos hat Gates, Zuckerberg & Co. hinter sich gelassen.

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Seit 2017 erhöht Amazon-Bezos das Tempo bei den Finanzdienstleistungen. In Zusammenarbeit mit Visa gibt es eine Amazon-Kreditkarte, über Amazon Cash können Kunden in den USA Bargeld auf ihr Amazon-Konto laden. In Mexiko bietet Amazon einen Bezahlservice, der eine Alternative zur Kreditkarte ist, und in Indien holt der Konzern das Geld bei den Kunden zu Hause ab und überweist es auf ihr Amazon-Konto.

Mit «Amazon Lending» unternimmt Bezos erste Gehversuche im Firmenkundengeschäft. Über das Programm können sich Händler des Amazon Marketplace in den USA oder Grossbritannien Geld leihen, um ihre Bestände aufzustocken. Mehr als drei Milliarden US-Dollar hat Amazon bisher verliehen. Weil der Konzern gleichzeitig die Logistik der Kleinhändler übernimmt, ihre Ware in seinen Lagern parkt und die Verschiffung übernimmt, sind die Unternehmen stark abhängig. Können sie ihren Kredit nicht bezahlen, pfändet das Team von Jeff Bezos die Lagerbestände. Seit wenigen Wochen ist die Bank of America als Partner dabei und soll zusätzlich Kredite absichern. Das Geschäft, es wächst.

Paypal bietet unter dem Namen Paypal Working Capital einen ähnlichen Service an. Händler bekommen einen Vorschuss, den sie je nach Geschäftsverlauf zurückzahlen müssen. Konsumenten können sich Geld über Paypal leihen, um etwa neue Sommerreifen zu kaufen. Zudem investiert die ehemalige Ebay-Tochter verstärkt in Fintechs.

Damit dringen Paypal und Amazon Stück für Stück ins Bankenterritorium vor. Gegenüber den Geldinstituten haben beide einen riesigen Vorteil. Sie haben Daten. Ein kleines Institut kann die Risiken eines Geschäfts über den Verkaufsplatz bei Amazon nur schwer abschätzen. Der Onlineriese hingegen weiss, wie die Rückmeldung der Kunden ist, ob der Händler pünktlich liefert oder wie viel er im vergangenen Monat verkauft hat. «Amazon und Paypal haben die Datenkompetenz. Das macht sie auf dem Feld nahezu unschlagbar», sagt Jochen Siegert, früherer Paypal-Manager und heute Berater für Fintechs.

Harter Wettbewerb

Begonnen hat das Programm von Amazon bei den kleinen Händlern auf dem Marktplatz in den USA. Mittlerweile nehmen auch Mittelständler das Angebot wahr. Auf lange Sicht könnten grössere Kunden darauf zurückgreifen. Siegert sieht Parallelen zur Entwicklung bei Paypal: «Als der Zahlungsdienst startete, haben kleine Läden mitgemacht. Irgendwann wurde Paypal so gross, dass die Konzerne eingestiegen sind», sagt Siegert. «Diese Blaupause kann für das Kreditgeschäft funktionieren. Dann sind Amazon und Paypal ernst zu nehmende Konkurrenten der Grossbanken.»

In der Schweiz sind viele der Services allerdings noch nicht verfügbar. Unternehmensberater verweisen darauf, dass die Bankenmärkte der Schweiz schwieriger sind, da der Wettbewerb viel härter ist. Laut Unternehmensberatern geniessen Banken gegenüber den Technologieunternehmen auch einen grossen Vertrauensvorsprung.

Bleibt die Frage, ob Facebook, Amazon oder Paypal überhaupt eine Bank sein wollen. Für Amazon & Co. seien die Finanzdienstleistungen bisher lediglich Mittel zum Zweck, sagt Ex-Paypal-Mann Siegert. Facebook will mit seinem Messenger die Menschen nur länger auf der Plattform halten. Geld verdient der Zuckerberg-Konzern mit Werbung. Und Amazon will mit seinen Programmen die Händler darin unterstützen, mehr Produkte über ihre Plattform zu verkaufen.

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Bildstrecke: Jeff Bezos baute ein Imperium auf

Microsoft-Gründer Bill Gates (links), ist seit einigen Jahren der reichste Mensch der Welt. Auf Platz 2 folgte lange Zeit Grossinvestor Warren Buffett (Mitte), dieses Jahr wurde er aber von Jeff Bezos abgelöst.
Microsoft-Gründer Bill Gates (links), ist seit einigen Jahren der reichste Mensch der Welt. Auf Platz 2 folgte lange Zeit Grossinvestor Warren Buffett (Mitte), dieses Jahr wurde er aber von Jeff Bezos abgelöst.
Archivbilder, Reuters
Jeff Bezos hatte 1994 seinen Job an der New Yorker Wallstreet gekündigt, um eine eigene Firma aufzubauen. Nachdem er gelesen hatte, dass dem Onlinehandel steile Wachstumsraten vorhergesagt werden, gründete er im Juli 1994 in seiner Garage in Seattle den Online-Buchversand Amazon. (18. Juni 2014)
Jeff Bezos hatte 1994 seinen Job an der New Yorker Wallstreet gekündigt, um eine eigene Firma aufzubauen. Nachdem er gelesen hatte, dass dem Onlinehandel steile Wachstumsraten vorhergesagt werden, gründete er im Juli 1994 in seiner Garage in Seattle den Online-Buchversand Amazon. (18. Juni 2014)
Jason Redmond, Reuters
Jeff Bezos (links) war einer der ersten Investoren von Google. Hier sitzt er mit Google-CEO und Co-Gründer Larry Page an einem Treffen mit Donald Trump in New York. (14. Dezember 2016)
Jeff Bezos (links) war einer der ersten Investoren von Google. Hier sitzt er mit Google-CEO und Co-Gründer Larry Page an einem Treffen mit Donald Trump in New York. (14. Dezember 2016)
Shannon Stapleton, Reuters
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