GAM: Anleger und Aktionäre ergreifen Flucht

Der massive Rückzug von Kundengeldern zwingt das Unternehmen zu Fondsschliessungen. Die gebeutelten Aktionäre blicken auf eine längere Phase von Hiobsbotschaften zurück.

Rund 15 Prozent eingebüsst: Die GAM-Aktie brach nach der Bekanntgabe der Entlassung eines Fondsmanagers ein. Bild: Keystone

Rund 15 Prozent eingebüsst: Die GAM-Aktie brach nach der Bekanntgabe der Entlassung eines Fondsmanagers ein. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was GAM Investments vergangenen Donnerstag um 7 Uhr morgens mitteilte, entspricht dem GAU eines jeden Fondsanbieters. Wie der in Zürich ansässige Vermögensverwalter bekannt gab, können Investoren, die ihre Gelder in bestimmte Anleihenfonds von GAM gesteckt haben, ihre Fondsan­teile ab sofort nicht mehr zurückgeben. Der Schliessung der Fonds vorausgegangen waren Rückzüge von Investoren in grossem Stil. Die davon betroffenen sogenannten Absolute-­Return-Fonds haben laut GAM per Ende Juli Vermögen im Volumen von 7,3 Milliarden Franken verwaltet.

Die Finanzmarktaufsicht (Finma) steht nach diesem Vorkommnis gemäss eigener Aussage «in engem Kontakt» mit dem Vermögensverwalter. Weitere Auskünfte mochte die Finma nicht geben. GAM war aus dem institutionellen Vermögensverwaltungsgeschäft der Bank Julius Bär entstanden und vor knapp neun Jahren an die Börse gegangen. Das Unternehmen verwaltet knapp 164 Milliarden an Kundenvermögen.

Allein am Donnerstag büsste die GAM-Aktie rund 15 Prozent an Wert ein, nachdem sie bereits am Dienstag 11Prozent eingebrochen war. Seit seinem Höchststand im laufenden Jahr hat das Papier damit um über 50 Prozent nachgegeben.

Ungewöhnlicher Schritt

Auslöser für die Flucht der Investoren aus den GAM-Fonds war die Nachricht vom letzten Dienstag, wonach das Unternehmen den Chef der betreffenden Fonds, Tim Haywood, per sofort von seinen Aufgaben entbunden hatte. Haywood wurde von GAM zur Last gelegt, gegen firmeninterne Vorschriften bezüglich Risikomanagement und Dokumentationspflicht verstossen zu haben. Wie eine GAM-interne Überprüfung ergab, soll Haywood die Kundengelder zum Kauf von zum Teil hoch riskanten, wenig liquiden Schuldscheinen verwendet haben, ohne die erforderlichen Risikokontrollprozesse durchlaufen zu haben.

Grafik vergrössern

Obwohl GAM betont hatte, dass den Kunden nach aktuellem Stand der Untersuchungen keine Verluste wegen Haywoods Verfehlungen entstanden seien, reagierten diese umgehend mit Rückgaben von Fondsanteilen. Allerdings ist bis jetzt auch nicht ausgeschlossen, dass Kunden doch geschädigt worden sind. Bis zum Abschluss der Untersuchungen, so heisst es, könnten noch weitere vier bis acht Wochen vergehen. Jedenfalls hat die Kundenflucht in den letzten Tagen offenbar ein derart grosses Ausmass angenommen, dass sich GAM zu dem höchst ungewöhnlichen Schritt der Fondsschliessung genötigt sah.

Zur Einfrierung von Anlagefonds in Europa war es letztmals nach dem Brexit-Referendum in Grossbritannien im Juni 2016 gekommen. Die nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses einsetzende Flucht der Investoren aus Fonds, die in britischen Immobilien engagiert waren, zwang einige Vehikel zur vorübergehenden Schliessung.

Liquidierung wird erwogen

Wie es mit den eingefrorenen GAM-Fonds weitergehen soll, ist offen. Geprüft würden «alle zukünftigen Schritte, inklusive der Liquidierung der Fonds, um den Wert und die Liquidität für die Kunden zu maximieren», heisst es in der gestrigen Mitteilung des Vermögensverwalters. Man sei bestrebt, «so schnell wie möglich» eine Lösung für die Investoren zu finden. Bei diesen handelt es sich um grosse professionelle Akteure, die bereit sind, ins Risiko zu gehen. Der von den betroffenen Fonds verfolgte Absolute-Return-Ansatz hat zum Ziel, innerhalb einer bestimmten Frist (meist ein Jahr) eine möglichst hohe Rendite zu erzielen – und dies unabhängig von der allgemeinen Marktentwicklung. Dies verlangt von den Managern solcher Fonds eine betont eigenständige bis unkonventionelle aktive Anlagestrategie.

Bereits vor der Suspendierung eines ihrer wichtigsten Fondsmanagers hat GAM negative Schlagzeilen produziert. Mitte Juli musste das Unternehmen eine Gewinnwarnung verschicken, weil die im Oktober 2016 übernommene britische Hedgefonds-Gesellschaft Cantab Capital Partners eine Wertberichtigung von knapp 60 Millionen Franken erforderte. Vor allem deshalb ist der für das erste Halbjahr ausgewiesene Gewinn von GAM um 62 Prozent auf 25,4 Millionen geschrumpft.

Hinzu kommt das schwierige Marktumfeld, das vor allem den aktiven Fondsmanagern wie GAM zu schaffen macht. Einerseits dämpft die verbreitete Unsicherheit die Risikobereitschaft und die Aktivität der Investoren, was auf die Gebühreneinnahmen der Vermögensverwalter drückt. Zum andern erfreuen sich passive Anlageformen wie Indexfonds und ETFs eines ungebrochen regen Zulaufs seitens der Anleger. Dazu trägt der erbitterte Preiskampf der ETF-Anbieter mit bei, der die Gebühren der Anleger gegen null erodieren lässt.

Erstellt: 03.08.2018, 12:08 Uhr

Artikel zum Thema

Der Niedergang der Vermögensverwaltung

Never Mind the Markets Im neusten Ranking schneidet der Finanzplatz Schweiz sehr gut ab. Die Realität sieht anders aus. Zum Blog

Vermögensverwaltung: Niemals drängen lassen!

Geldblog Soll man sein Vermögen selbst verwalten oder dafür ein Mandat erteilen? Bei dieser Entscheidung darf es niemals Zweifel geben. Zum Blog

Wenig Lust auf Beraterroboter

Eine neue Umfrage zeigt, dass Schweizer Bankkunden gegenüber neuen Finanztechnologien sehr zurückhaltend sind. Sogar die junge Generation ist skeptisch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Mamablog Ach, diese Instagram-Muttis!

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...