Geldwäsche: Bundesanwaltschaft blockiert 160 Millionen

Ermittlungen gegen den Ex-Chef der Banco Espirito Santo Angola, der Vermögenswerte zweifelhafter Herkunft in die Schweiz verschoben hat – darin verwickelt ist auch die Credit Suisse.

Im Visier der Schweizer Ermittler: Portugiesisch-angolanischer Geschäftsmann Álvaro Sobrinho.

Im Visier der Schweizer Ermittler: Portugiesisch-angolanischer Geschäftsmann Álvaro Sobrinho. Bild: R. Esperança

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Fall hat alle Zutaten für einen erstklassigen Wirtschafts-Thriller: eine untergegangene Bank, verschwundene Milliarden, exotische Offshore-Paradiese und Tausende geprellte Kleinsparer. Mittendrin: die Credit Suisse in Zürich, ein Schweizer Vermögensverwalter und eine Adresse in der malerischen Waadtländer Gemeinde Luins, mit Blick auf den Genfersee.

Seit Sommer 2014 ermittelt die Bundesanwaltschaft im Zusammenhang mit einem der grössten Bankenskandale der letzten Jahre: dem Untergang der portugiesischen Banco Espirito Santo. Nun zeigen Recherchen, für wen sich die hiesigen Strafverfolger besonders interessieren. Es ist niemand Geringeres als der ehemalige Chef der Banktochter in Angola, Álvaro Sobrinho, ein portugiesisch-angolanischer Doppelbürger, der sich in höchsten gesellschaftlichen Kreisen bewegt. Am 13. August 2014 eröffnete die Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Sobrinho wegen Geldwäscherei. Bis heute hat sie in der Schweiz Vermögenswerte von über 160 Millionen Franken eingefroren, wie sie bestätigt.

Über zwanzig Konten bei der Credit Suisse in Zürich

Sobrinho wird von portugiesischen Strafverfolgern verdächtigt, an einem riesigen Betrug beteiligt gewesen zu sein. Unter seiner Führung verteilte die Banco Espirito Santo Angola ungedeckte Kredite in Milliardenhöhe, die nie zurückbezahlt wurden. Er und seine Familie sollen selber über 500 Millionen Dollar eingesteckt haben. Gleichzeitig war Sobrinho ein guter Kunde bei der Credit Suisse in Zürich. Die SonntagsZeitung hatte Einblick in Dokumente der laufenden Ermittlungen. Darin sind rund zwei Dutzend Konten bei der Credit Suisse aufgelistet, die Sobrinho unter seinem eigenen Namen oder unter dem einer seiner vielen Offshore-Firmen führte. Im Frühjahr 2012 befanden sich umgerechnet rund 150 Millionen Franken darauf. Ob das Geld immer noch bei der Credit Suisse liegt, ist unbekannt.

Auszug aus den Ermittlungsakten: Kontoliste Sobrinhos bei der Credit Suisse Zürich vom Frühling 2012.

Konkrete Fragen zur Herkunft dieses Geldes und zu den Anschuldigungen beantwortet Álvaro Sobrinho nicht. Über seinen Anwalt in Genf lässt er verlauten, dass er die Anschuldigungen bestreite. Er betont, dass in Angola keinerlei Verfahren gegen ihn eröffnet worden sei. Und er bedaure, dass ihn die Bundesanwaltschaft trotz wiederholter Bitten noch nie angehört habe. Deshalb habe er nicht aufzeigen können, dass die Beschuldigungen gegen ihn nicht fundiert seien. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Credit Suisse nimmt keine Stellung zu «allfälligen Kundenbeziehungen» und unterstreicht, sie führe ihr Bankgeschäft «unter Einhaltung aller geltenden Gesetze, Regeln und Bestimmungen».

Viele der Vermögenswerte Sobrinhos – ein Privatjet, Häuser, Wertpapiere oder Bargeld – stecken in anonymen Offshore-Firmen. Die Bundesanwaltschaft vermutet, dass er diese nutzte, um veruntreute Gelder aus Angola zu waschen. Das geht aus einem rechtskräftigen Entscheid des Bundesstrafgerichts vom Dezember 2015 hervor. Als die faulen Kredite 2014 aufflogen, klaffte ein Loch von über 5 Milliarden Dollar in der Kasse der Banco Espirito Santo Angola. Dieser Schaden trug entscheidend zum Untergang des einst renommierten Mutterhauses in Portugal bei. Im Zug dieses Skandals wuchs offenbar auch in der Schweiz das Misstrauen: Auslöser der Ermittlungen der Bundesanwaltschaft war eine Verdachtsmeldung an die Geldwäscherei-Meldestelle.

Ausgerechnet Anfang September 2014, nur drei Wochen nachdem die Bundesanwaltschaft ihr Verfahren eröffnet hatte, liess Sobrinho drei neue Firmen im Pazifikinselstaat Samoa gründen. Das zeigen neue Dokumente aus den Panama Papers, dem Datenleck der Offshore-Kanzlei Mossack Fonseca. Als Aktivität dieser Firmen gab er die Vermögensverwaltung in der Schweiz an. Die Vermögen in den drei neuen Firmen seien «persönliche Ersparnisse» und «Erträge aus Investitionen». Hat Sobrinho versucht, mit diesen drei Firmen Vermögenswerte vor den Strafverfolgern in der Schweiz zu verstecken und sie so der Beschlagnahmung zu entziehen? Auch zu diesem Verdacht nimmt Sobrinho keine Stellung.

Als Bindeglied zwischen Sobrinho und Mossack Fonseca diente das Büro eines Schweizer Vermögensverwalters. Dieser reagierte nicht auf eine Anfrage. Bis Anfang 2016 amtierte Álvaro Sobrinho selber als Verwaltungsratspräsident dieses Büros. Sobrinho hat noch mehr Schweiz-Bezüge. Er ist Präsident einer weiteren Firma im Finanzbereich. Und er ist Stiftungsrat der A & A Fondation mit Sitz in Luins. Dort hat er auch eine Wohnadresse – in einem luxuriösen Neubau an bester Lage. Er profitiert gemäss zwei Quellen von einer pauschalen Besteuerung. Ob zu Recht, ist offen. Die Frage, wie oft er sich tatsächlich in Luins aufhält, liess Sobrinho unbeantwortet. Und im beschaulichen 600-Seelen-Dorf wird der Weltenbürger kaum je gesichtet. Gemeindepräsident Claude Gaignard sagt, er habe ihn noch nie getroffen.

Hunderte Kleinsparer in der Schweiz zittern um ihr Geld

Im Zusammenhang mit dem Espirito-Santo-Skandal ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen weitere, unbekannte Personen, ebenfalls wegen Geldwäscherei. Seit Mai 2015 führt sie zusammen mit den portugiesischen Kollegen eine gemeinsame Taskforce. Ohne Verurteilung in einem anderen Land dürfte es für die Bundesanwaltschaft aber enorm schwierig werden, ihr Verfahren erfolgreich abzuschliessen. Denn für den Tatbestand der Geldwäscherei braucht es eine Vortat. Oder anders ausgedrückt: Nur Geld aus anerkanntermassen illegaler Quelle kann auch gewaschen werden. Und ob es in Portugal je zu einer Anklage gegen Sobrinho kommen wird, ist offen. Bereits viermal haben portugiesische Richter verhängte Vermögenssperren wieder aufgehoben. In der Schweiz hat das Bundesstrafgericht einen Antrag auf Entsperrung der blockierten Gelder Ende 2015 hingegen abgelehnt.

Egal, wie die hängigen Verfahren ausgehen: Die Pleite der Banco Espirito Santo hinterliess Tausende geprellte Kleinsparer – auch in der Schweiz. Ihr Sprachrohr ist der gebürtige Portugiese Bruno Barbosa aus Vevey. Er schätzt, dass 200 bis 300 in der Schweiz lebende Personen, meist mit portugiesischen Wurzeln, Geld verloren haben – Beträge von einigen Tausend bis zu mehreren Hunderttausend Franken. Viele Betroffene seien im Pensionsalter und stünden vor grossen finanziellen Problemen. «Wir befürchten, dass sie ihre Ersparnisse nie wiedersehen werden.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.04.2017, 08:52 Uhr

Artikel zum Thema

150 Verfahren in 80 Ländern

SonntagsZeitung Aufgrund der Panama Papers führen Schweizer Finanzmarktaufsicht und Bundesanwaltschaft mehrere Ermittlungen. Mehr...

Putins Geldspur in die Schweiz

Panama Papers Wie ein Millionenvermögen nach Zürich gelangte, gesteuert aus Russland und Panama. Eine unglaubliche Geschichte um eine Männerfreundschaft, eine Traumhochzeit und eine Schweizer Bank. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...