Guck, Maschine, das bin nur ich

Sollten Firmen wie Amazon aufhören, der Polizei Technologie zur Gesichtserkennung zu verkaufen?

Mithilfe einer Kamera vergleicht der US-Zollbeamte in Miami Gesicht und Passfoto. Foto: Getty Images

Mithilfe einer Kamera vergleicht der US-Zollbeamte in Miami Gesicht und Passfoto. Foto: Getty Images

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Jeff Bezos, reichster Mensch der Welt, hat Ärger. In einem offenen Brief bitten mehrere US-Bürgerrechtsorganisationen den Chef des Online-Versandhauses Amazon, seine Technologie «Rekognition» nicht länger an den Staat zu verkaufen. «Amazon sollte der Regierung keine Überwachungstechnologie zur Verfügung stellen.»

Für Amazon aber ist Überwachung ein Produkt wie andere. Der Konzern verkauft sein Rekognition-Tool seit Ende 2016 an Kunden, die Objekte, Personen, Aktivitäten sowie «unangemessene Inhalte» in Videos erkennen wollen. Das Prinzip ist simpel: Der Computer wird mit Bildern oder Videos gefüttert und erkennt, wenn er fortan Ähnliches erblickt («Frau», «Bär», «Degenfechten»). Je mehr Vergleichsdaten er hat, desto präziser arbeitet er. Besonders wichtig ist der Bereich Gesichtserkennung: Rekognition kann einzelne Gesichter in Massenversammlungen finden, Celebrities wie Terrorverdächtige. Zur Kundschaft zählt neu auch die Polizei. In Florida und Oregon wird mit Rekognition Jagd auf Kriminelle gemacht, wie die «Washington Post» berichtet (die auch Jeff Bezos gehört). Erfasst eine Überwachungskamera ein Gesicht, das in einer Datenbank zu sein scheint, schrillt der Alarm. Amazon bietet den Polizeistellen seinen Dienst offenbar sehr günstig an, Neukundenrabatt. Für die Bürgerrechtler ist klar: Hier drohen Missbrauch, Massenüberwachung, hier wird die Privatsphäre des Bürgers verletzt.

Im Warenhaus und auf der Strasse

Gesichtserkennung birgt in der Tat Gefahren. Sie mag unproblematisch sein, wenn Nutzer freiwillig ihre Handys, Bürotüren oder (wie am Flughafen Zürich) Passkontrollbarriere per Gesicht entriegeln – guck, Maschine, ich bin es. Oft aber werden Menschen ohne ihr Wissen gefilmt und dann mit «Personen von Interesse» (Amazon) abgeglichen. Warenhausbetreiber suchen auf ihren Rolltreppen Stammkunden, Hoteliers an der Réception bekannte Zechpreller. Um sie zu erkennen, wird die Masse abgefilmt.

«Es genügt nicht, auf die Ethik-Richtlinien der Firma zu hoffen.»

Die Frage nach der Privatsphäre wird besonders drängend, wenn es um den öffentlichen Raum geht. In Moskau hat die russische Firma Vision Labs die Überwachungskameras der städtischen Metro mit Erkennungstechnologie verknüpft – für die Polizei. In China setzt der Staat systematisch auf «facial recognition». In Berlin wurden Tests durchgeführt, Kanzlerin Angela Merkel rechnet bis in zehn Jahren mit Gesichtserkennung an allen deutschen Bahnhöfen. Und auch die mobile Kameraüberwachung, welche die Stadtpolizei Zürich plant, wäre leicht mit der Technologie bestückbar. Bodycams von Polizisten sowieso. Gesichtserkennung kommt.

Für die US-Bürgerrechtler ist nicht die Technologie das Problem, sondern der Staat als Nutzer. Das leuchtet ein: Es ist etwas anderes, ob eine Bank ihre Kunden filmt und erkennt – oder ob der Staat auf öffentlichem Boden Menschen scannt. Es gibt ein Recht aufs Unerkanntsein. Interessant ist, dass die Autoren des Beschwerdebriefs nicht den Staat rügen, sondern Amazon. Sie appellieren an Bezos: Stell dich auf die gute Seite, hilf nicht dem Sheriff und dem FBI. Das ist nun sehr amerikanisch: In den USA wird dem Staat grundsätzlich mehr misstraut als den kommerziellen Datenkraken des Silicon Valley, die wiederum in Europa so vielen suspekt sind.

Das Vorgehen könnte funktionieren, denn die Tech-Unternehmer möchten die Guten sein. Eben hat Apple angekündigt, seine iPhones besser vor dem Zugriff der Polizei zu schützen. Und vor wenigen Wochen kam es zur Kontroverse, weil Google dem US-Verteidigungsministerium künstliche Intelligenz liefern wollte, um dessen Drohnenvideos automatisch auszuwerten. Rund 4000 Angestellte beschwerten sich bei Google-Chef Sundar Pichai. Manche mahnten ans Firmenmantra «Don’t Be Evil», sei nicht böse.

Sicherheit und Rüstung sind ein Milliardengeschäft

Es half. Google liess den Vertrag mit dem Pentagon auslaufen, und Chef Pichai veröffentlichte letzte Woche ein Manifest, das dem eigenen Geldverdienen moralische Grenzen zu setzen scheint. Die von Google hergestellte künstliche Intelligenz müsse «das Soziale fördern», steht da, und: Man werde nie «Waffen oder andere Technologien» herstellen, deren oberster Zweck es sei, Menschen zu verletzen. Ob Aufklärungsdrohnen Waffen sind, bleibt offen.Selbstregulierung ist schön, und die Welt wäre besser, wenn mehr Firmen versprächen, keine Waffen herzustellen. Als Bürger aber genügt es nicht, auf die Ethikrichtlinien der Silicon-Valley-Konzerne zu bauen.

Denn erstens haben diese eine historische Nähe zur Rüstung (Eric Schmidt vom Google-Konzern Alphabet ist weiter beim Defense Innovation Board des Pentagons aktiv), zweitens sind sie gewinnorientiert. Sicherheit und Rüstung sind ein Milliardengeschäft. Nein, der Protestbrief muss an Staat und Polizei gehen. Wenn die Öffentlichkeit nicht will, dass jede Tramkamera an Gesichtserkennungstechnologie gekoppelt wird, muss sie von ihren Politikern entsprechende Regeln fordern. Und wenn sie dagegen ist, dass die Fotos aus den Datenbanken der Passbüros automatisch von abgleichenden Erkennungsprogrammen der Polizei verwendet werden, muss sie das selbst so formulieren. Amazon wird hier nicht helfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2018, 20:25 Uhr

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