«Herr Dobler kann da sicher helfen»

Franz Carl Weber ist die Ikone unter den Schweizer Spielzeugläden. Fragt sich bloss: Wie weiter? Da kommt einer, der Rat weiss.

FDP-Nationalrat Marcel Dobler gehören 33 Prozent des Spielwarenhändlers Franz Carl Weber. Foto: Samuel Schalch

FDP-Nationalrat Marcel Dobler gehören 33 Prozent des Spielwarenhändlers Franz Carl Weber. Foto: Samuel Schalch

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Um 16 Uhr in der Plüschabteilung. So hat es Marcel Dobler vorgeschlagen und gleich gewarnt, vielleicht komme er ein paar Minuten später, er sei vorher noch in einer Verwaltungsratssitzung, es gebe viel zu besprechen.

Es werden diese paar Minuten später, Filialleiter Martin Bögli an der Zürcher Bahnhofstrasse springt ein. Auch Bögli weiss, dass es beim Franz Carl Weber gerade viel zu besprechen gibt, seit über 20 Jahren arbeitet er für die Firma, er hat die Probleme mitbekommen. Hier in Zürich läuft es, es ist die wichtigste Filiale mit dem grössten Umsatz im Land. Doch die anderen 18 Verkaufs­orte plagen mässige Verkaufszahlen, Anfang Jahr schloss man die Filiale in Schaffhausen. Die grösste Baustelle? «Unser Onlinehandel. Da haben wir nichts. Gar nichts. Aber Herr Dobler kann da sicher helfen.»

Herr Dobler ist FDP-Nationalrat und im Vorstand von Economiesuisse, vor allem aber neuer Verwaltungsrat und Mitinhaber des Franz Carl Weber (FCW) – und als solcher wird er als Retter angeschaut. Der 38-Jährige rauscht heran, im Sinn von: So, jetzt bin ich da; schüttelt schnell alle Hände, der Mann hat auffallend mächtige Pranken, entschuldigt sich für die Verspätung und schlendert durch die Plüschabteilung.

«Parkin war mir zu teuer»

Dobler tätschelt mit seiner grossen Hand den grossen Bären. Die Hand hat früher Kugeln gestossen, so weit, dass Dobler Schweizer Meister im Zehnkampf wurde. Er hat früher auch Computer programmiert, so erfolgreich, dass ­Dobler durch den Verkauf des Onlinehändlers Digitec an die Migros Multimillionär wurde. Nun also tätschelt er Plüschbären. «Den Parkin hätt ich ­meinen Kindern fast zu Weihnachten ­gekauft», sagt er. Parkin ist der grösste Bär im Laden, nur einen Kopf kleiner als ­Dobler. 249 Franken, steht hinter ­seinem Ohr, made in China. «Ich habe dann ­verzichtet. Er war mir zu teuer», sagt ­Dobler. Plüsch läuft momentan nicht gut im Schweizer Spielwarenmarkt, ­minus 13 Prozent im vergangenen Jahr. Dobler kaufte für den Sohn Lego (–4 Prozent), für die Tochter eine Puppe (+13 Prozent).

Dobler kennt die Zahlen. Er hat im letzten Sommer 33 Prozent von Franz Carl Weber gekauft. Der Spielwarenladen ist ein Sehnsuchtsort der sparsamen Schweiz, Quell vieler Kinderfantasien. Branchenbeobachter sagen, dass der FCW ohne den Verkauf in Konkurs gegangen wäre, niemand wollte das Risiko eingehen. Ausser Dobler. «Eine Herzensangelegenheit», sagt er. Das klingt gut, fast schon karitativ, doch Dobler geschäftet knallhart. Von Bauchentscheiden hält er wenig, von Algorithmen sehr viel. Würde er die Trendwende schaffen, dann käme es für Dobler «einem Ritterschlag» gleich, so sagt er es und stoppt sogleich. Erst arbeiten und liefern. Ob er es schafft: ungewiss.

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Franz Carl Weber ist ein Ort der Geschichten und Erinnerungen. Väter und Mütter haben ihre Kinder in den Laden genommen, und diese wieder ihre Kinder. So ging das seit der Gründung durch Franz Carl Weber im Jahr 1881. Der ­Laden wuchs und wuchs. 1984 kaufte ihn Denner um Karl Schweri, 2006 verkaufte ihn dessen Enkel Philippe Gaydoul an den französischen Spielwarenkonzern Ludendo. Weil dieser in Geldprobleme geriet, litt der FCW immer auch etwas mit. So deuten Branchenexperten Doblers Kauf als gutes Zeichen.

Dobler muss aber zeigen, dass er es noch immer kann. Die Sache mit dem Onlinehandel. Die Zukunft. Ging bei FCW einfach vergessen. «Geschlafen haben sie», sagt Dobler über seine Vorgänger. In der Verwaltungsratssitzung hat er nun Nägel eingeschlagen. Der wichtigste: ein Zentrallager. Hat bisher ­gefehlt. Haben sie nun gefunden. Am selben Standort übrigens, an dem auch Digitec sein Zentrallager hat. Zufall, sagt Dob­ler. Nun noch ein rüstiges Computersystem mit gescheiten Algorithmen entwerfen, und Dobler ist zuversichtlich, dass das alles gut kommt; dass Kinder künftig auch auf dem Tablet «leuchtende Augen bekommen».

Einen wesentlichen Unterschied gibt es zwischen der alten und der neuen Firma von Dobler. Computerhändler ­Digitec war in erster Linie billiger als die Konkurrenz. Franz Carl Weber ist meistens teurer. In seinen Läden bietet er ­Erlebnis und Beratung, online wird er bloss ein gewöhnlicher Verkäufer sein. «Das wird für uns eine Herausforderung», sagt Dobler.

Kommt hinzu: Die von Dobler gegründete Digitec hat sich mit Galaxus zusammengeschlossen, sie verkaufen Spielwaren mit stark wachsenden ­Zahlen – und sind nun zu Doblers grösstem Onlinekonkurrenten geworden. Deren meistverkaufte Spielwaren: 1. Lego. 2. Playmobil. 3. Kugelbahnen. Alles Artikel, die der Kunde nicht vor Ort testen muss. Bedrohliche neue Welt.

Überproportionales Wachstum

Kurt Meister vom Marktforschungsinstitut GFK beschäftigt sich seit Jahren mit dem Spielwarenmarkt. Dieser sei relativ konstant und generiert rund 460 Millionen Umsatz pro Jahr. 60 Prozent davon gehen an Grossverteiler wie zum Beispiel Migros, Manor und Coop, den Rest teilen sich der Fachhandel (wie FCW) und reine Onlinehändler.

«Der Onlinehandel wird weiter überproportional wachsen», sagt Meister. «Er dürfte wird sich in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Mindestens.» Sein Argument: In Deutschland und Grossbritannien betrage der Anteil des Onlinehandels bereits weit über 30 Prozent, in der Schweiz erst 12 Prozent. Der Onlinehandel hat sich im Ausland auch darum stärker durchgesetzt, weil in der Schweiz die Dichte von Einkaufsmöglichkeiten grösser ist. Statt ins Internet gehen die Schweizer lieber in den Laden und lassen sich beraten. Noch.

Der Spielwarenmarkt hat einen Vorteil: Er ist nicht von der Konjunktur ­abhängig. Die Schweizer sparen bei den Spielwaren meist zuletzt. An Weihnachten und Geburtstagen gilt: Den kleinen Liebsten nur das Beste. Hier wird der Schweizer spendabel.

Ein Spielzeugladen ist ein Ort der Verführung. Wenn Kinder hier eintauchen, bringen sie den Zauber dieser verrückten Welt fast nicht mehr aus dem Kopf. Spürt Dobler als Spielwarenhändler die gesellschaftliche Verantwortung? Wie geht das, Kinder anfixen? Würde er den Kindern statt Actionfiguren (+19 Prozent gegenüber Vorjahr) lieber Holzkugelbahnen (–4 Prozent) verkaufen?

«Wenn Sie ums Überleben kämpfen, können Sie nicht auch noch die Welt retten», sagt Dobler. Er muss mit Franz Carl Weber in die Gewinnzone. Helfen soll auch eine neu gegründete Ladenkette, die das Tiefpreissegment des Marktes abdeckt und vom gleichen Zentrallager beliefert wird.

Das Zeitfenster hat sich geschlossen, Dobler muss weiter, der nächste Termin, also noch eine letzte Frage: Wie sehen die Spielzeuge von morgen aus? Dobler studiert und sagt, dass die Spielzeuge wohl digitaler würden, Marktforscher Meister bestätigt. Es wird in den Schweizer Kinderzimmern künftig mehr blinken. Harte Zeiten für Plüschbären.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.04.2019, 15:39 Uhr

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