«Mir noch den Lohn kürzen lassen fand ich nicht angemessen»

Was hat zum überraschenden Rücktritt des SBB-Chefs geführt? Andreas Meyer äussert sich zu den Spekulationen – und verrät seine Pläne.

Andreas Meyer: «Wir haben gedacht, dass mein Abschied eine Erfolgsgeschichte wird.»

Andreas Meyer: «Wir haben gedacht, dass mein Abschied eine Erfolgsgeschichte wird.»

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Wurde der Druck in der letzten Zeit zu gross, dass Sie nun 2020 gehen?
Überhaupt nicht. Als die Verwaltungsratspräsidentin und ich uns meinen Abschied Anfang Jahr zurechtgelegt haben, und wir über den exakten Fahrplan vor den Sommerferien entschieden haben, haben wir gedacht, dass es eine Erfolgsgeschichte gäbe. Wir konnten bedeutende Weichenstellungen mit dem Industriewerk im Tessin, mit der Fernverkehrskonzession oder den Partnern bei SBB Cargo erarbeiten. Ich habe mich gefreut auf diese Zeit. Der tragische Unfall und auch die vielen Spekulationen danach haben dann vieles überschattet. Das zeigt, dass das Leben nicht planbar ist.

Das müssen Sie ja jetzt so kommunizieren. Gibt es Beweise, dass Sie bereits im Mai Ihren Abgang geplant haben?
Ja, das hat Bundesrätin Simonetta Sommaruga öffentlich bestätigt. Ich habe ihr bei unserem ersten Treffen gesagt, dass ich mich gern vor meinem 60. Lebensjahr noch mal beruflich verändern will. Und dann gibt es das Protokoll der Sitzung im Verwaltungsrat vom Mai in Genf, wir haben damals den genauen Fahrplan inklusive des Kommunikationszeitpunkts festgelegt.

Wer hat entschieden. Sie oder der Verwaltungsrat?
Noch einmal etwas anderes zu machen, war mein Entscheid. Ich habe durch einige Gespräche mit Freunden und Personalberatern gesehen, dass jetzt ein guter Moment wäre.

Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass es nur den CEO braucht, um den Konzern zu führen.

Wann haben Sie entschieden zu gehen?
Ich habe Anfang Jahr entschieden, dass ich im Jahr 2020 gehen möchte. Der exakte Zeitpunkt hat sich dann im Gespräch mit dem Verwaltungsrat entwickelt.

Würden Sie lieber schon Anfang 2020 gehen?
Das spielt für mich eine untergeordnete Rolle. Für mich ist das Wichtigste, dass die Nachfolgerin, der Nachfolger gut eingearbeitet ist. Ich wäre noch gern als CEO bei der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels in einem Jahr dabei. Andererseits wäre dies auch ein guter Start für meine Nachfolge.

Haben Sie während des Sabbaticals schon darüber nachgedacht, bald zu gehen?
Während meiner Auszeit wurde mir sehr bewusst, dass es mir auch ohne SBB nicht langweilig wird. Das hat einen Beitrag geleistet.

Sie haben aber auch gemerkt: Das klappt ja ganz gut ohne mich.
Ja, das ist so, wobei wir das auch gut vorbereitet haben. Und weil wir nach mehr als zehnjähriger Zusammenarbeit ein eingespieltes Team sind und uns fast blind aufeinander verlassen können. Es ist auch ein Trugschluss, zu glauben, dass es nur den CEO braucht, um den Konzern zu führen.

Der Zeitpunkt überrascht. In zwei Monaten wäre es vielleicht etwas ruhiger geworden. Nun ist Ihr Abgang direkt verbunden mit dem tödlichen Unfall.
Das stimmt so nicht. Aber meine Rücktrittsankündigung und der tragische Unfall liegen zeitlich nahe beieinander. Mit der Zeit wird man das etwas sachlicher sehen. Wir haben uns aber tatsächlich überlegt, ob das nun der richtige Zeitpunkt ist. Aber wir haben vor den Sommerferien nicht vorhersehen können, was passiert. Und bei den SBB muss man auch sehen: Es ist immer etwas. Deshalb haben wir am Fahrplan festgehalten.

Stört es Sie, dass Ihr Abtreten nun mit dem Unfall verbunden ist?
Ich trete ja nicht ab, ich habe heute gesagt, dass ich bis Ende 2020 jemand anderem übergebe. Ich laufe nicht davon. Dass nun vermutet wird, dass meine Rücktrittsankündigung mit dem Unfall im Zusammenhang stehen könnte, stimmt einfach nicht.

Sie müssen sich in diesem Zusammenhang nun auch die Frage gefallen lassen, ob man bei den Türproblemen zu spät reagiert hat.
Wir gehen dem nach. Man muss zuerst herausfinden, was wirklich den Unfall ausgelöst hat. Ich würde gern unsere Einschätzung dazu mitteilen. Aber die Sicherheitsuntersuchungsstelle hat zu Recht darauf hingewiesen, dass wir zuerst das Ende der Untersuchung abwarten.

Hat der Wechsel an der Spitze des Departements Ihren Entscheid zu gehen beschleunigt?
Nein, gar nicht. Ich hatte ja noch nicht einmal angefangen, mit Frau Sommaruga zusammenzuarbeiten, und ihr schon mitgeteilt, dass ich mich beruflich anders orientieren wolle.

Trotzdem hat sich die Zusammenarbeit verändert.
Frau Sommaruga und der Generalsekretär haben sich in die Dossiers reingekniet. Etwa die Cargo-Partnerschaft oder die Fernverkehrskonzession. Ohne sie hätten wir keine Lösung gefunden.

Aber sie hätte Ihnen auch sehr gern den Lohn gekürzt.
Das war immer wieder ein Thema. Aber ich wusste ja, dass ich nicht ewig bleibe. Und in den letzten Monaten sich noch den Lohn kürzen lassen habe ich nicht als angemessen empfunden.

Was waren Ihre Highlights während Ihrer Zeit bei den SBB?
Das ist schwierig zu sagen, weil die SBB so breit sind. Wichtig ist sicher, dass die Preise stabilisiert sind, die Pensionskasse saniert, Immobilien eine eigene Division ist, Cargo aus den roten Zahlen in eine Partnerschaft geführt werden konnte und die Zusammenarbeit mit der Konzernleitung und den Mitarbeitenden. Aber auch diverse digitale Themen, die wir vorangetrieben haben. Vor 13 Jahren gab es noch keine SBB-App.

Was ist nicht gelungen?
Da gibt es auch einiges. Ganz sicher der Streik in Bellinzona. Da habe ich mich nicht gescheut, eine heisse Kartoffel anzufassen, und mir die Finger verbrannt. Zum Glück haben wir eine Lösung gefunden nach zehn Jahren, indem wir das Industriewerk nun in Castione-Arbedo neu aufbauen. Was mir auch immer nahe geht, sind Unfälle. Dann hat es auch Personalentscheide gegeben, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben.

Zum Beispiel?
Etwa ein neuer Personenverkehrschef von aussen, der nicht einmal den Job angetreten hat.

Ein anderes Thema ist der Doppelstöcker. Das haben Sie zu verantworten. Wann erfahren wir, wie viel Busse Bombardier zahlen muss?
Wir haben abgemacht, dass wir nicht über Geld reden, zuerst müssen die Züge fahren. Die Gefahr besteht, dass man sich sonst völlig zerstreitet. Natürlich, die Züge sind massiv zu spät, die Einführung ist eine Zangengeburt, und da gibt es sicher auch Verspätungszahlungen.

Der letzte Zug wird aber wohl nach Ihrer Ära geliefert.
Der Lieferplan sieht vor, dass der letzte Zug etwas nach 2020 kommt, das ist so. Ich hoffe, dass ich den Einsatz dieser Züge auf der Ost-West-Achse noch erleben werde als CEO.

Was ich gar nicht vermissen werde, sind die Sonntagsmedien

Da nehme ich Sie beim Wort.
Ich habe gesagt: Ich hoffe. Solche Details sind wichtig.

Bei SBB Cargo haben Sie nun kurz noch einen Berater installiert, der unter Ihrer Führung ein Mandat hatte. Warum haben Sie dies nicht anderen überlassen?
Wir waren aufgefordert, einen externen Verwaltungsrat zu finden. Wir haben einen ganz normalen Suchprozess gemacht. Die neuen Aktionäre waren auch bereits eingebunden. Das war nicht ein einsamer Entscheid von mir. Sie können sich vorstellen: Die letzten paar Monate habe ich noch mehr als sonst darauf geschaut, dass Entscheidungen von allen nicht nur getragen, sondern gewünscht sind.

Was machen Sie in Zukunft?
Ich werde mich in den nächsten Monaten umschauen. Es gibt ein konkretes Verwaltungsratsmandat, das in Diskussion ist.

Können Sie Näheres dazu sagen?
Nein, da kann man nichts dazu sagen. Was mir aber auch Freude macht, sind andere Sachen mitzubewegen. Etwa einem befreundeten Chirurgen unter die Arme zu greifen, der ein Spital in Äthiopien finanziert.

Aber das Thema Verwaltungsratsmandat ist sicher auf dem Tisch?
Ja, das sicher. Und ich kann mir auch vorstellen, Start-ups zu unterstützen.

Werden Sie auch in Zukunft noch 60 Stunden arbeiten pro Woche?
60 Stunden haben leider nicht gereicht im Durchschnitt. Was ich mehr möchte, ist Zeit für spontane Dinge, für Familie und Freunde. Ich habe mir heute Zeiten reserviert im Kalender. Aber es war halt immer geplante, reservierte Zeit. Das schränkt die Lebensqualität ein. Von dieser Lebensqualität möchte ich gern etwas zurückholen.

Was werden Sie gar nicht vermissen, wenn Sie nicht mehr Chef sind?
Die Sonntagsmedien. Manchmal müssen wir relativ schnell auf Spekulationen reagieren und sind dann den halben Sonntag damit beschäftigt.

Es fällt auf, dass Sie immer wieder die Rolle der Medien ansprechen. Die Berichterstattung nervt Sie.
Ich habe gelernt, welchen Auftrag die Medien haben. Es ist klar, dass die SBB Rede und Antwort stehen müssen. Aber manchmal wird schon arg spekuliert. Und solche Spekulationen werden in der heutigen Welt des Internets dann sehr schnell als Tatsachen aufgenommen, die kaum mehr aus der Welt zu schaffen sind.

Ihr Vorgänger begleitet die SBB immer noch sehr eng. Ist das von Ihnen auch zu erwarten?
Ich würde das nur machen, wenn das mein Nachfolger möchte. Grundsätzlich glaube ich nicht, dass es sinnvoll ist, wenn der Vorgänger dem Nachfolger Tipps gibt.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger, Ihrer Nachfolgerin?
Einen sicheren, stabilen Betrieb. Und auch viel Wohlwollen bei den Medien (lacht).

Erstellt: 04.09.2019, 21:50 Uhr

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