«Heute bestimmen Emotionen die Kurse»

Warum fallen weltweit die Börsen, was bedeutet das für die Schweiz, und droht eine grössere Korrektur? Die wichtigsten Antworten.

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Was ist passiert?
Seit einigen Tagen befindet sich die US-Börse auf Sinkflug. Der New Yorker Aktienmarkt brachte am Mittwoch einen seiner bisher schlimmsten Tage im Jahr 2018 hinter sich. Der Dow Jones schloss mit einem Verlust von 3,15 Prozent, der technologielastige Nasdaq 100 brach um 4,4 Prozent ein, der marktbreite S&P 500 sackte um 3,29 Prozent ab. Die asiatischen und europäischen Börsen wurden mit nach unten gezogen. Auch die Schweizer Börse startete heute Donnerstag im Minus: Der Leitindex SMI fiel im Laufe des Vormittags um bis zu 2,29 Prozent.

Was sind die Gründe?
Anleger reagieren zum einen auf Äusserungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) der vor Finanzmarktturbulenzen gewarnt und seine Prognose zum Wachstum der globalen Wirtschaft gesenkt hat. Hinzu kommt, dass sich der Handelsstreit zwischen den USA und China weiter zuspitzt. US-Präsident Donald Trump drohte erneut mit weiteren Sonderzöllen auf chinesische Waren. Belastet wird die Stimmung an den Börsen auch durch die steigenden Renditen an den Anleihenmärkten, welche Anleihen für Anleger attraktiver machen. Es wird damit gerechnet, dass die US-Notenbank Fed ihre Zinsen angesichts zuletzt robuster Konjunkturdaten stärker anhebt als zunächst angenommen. Trump machte deshalb die Fed für die Kurseinbrüche verantwortlich. Trump warf der Fed vor, «verrückt geworden» zu sein. «Ich denke, die Fed macht einen Fehler», sagte der US-Präsident.

Was will Trump damit bezwecken?
Trump befürchtet offensichtlich vor den Kongresswahlen im November, dass der Boom in der US-Wirtschaft durch höhere Zinsen gebremst werden könnte. «Höhere Zinsen passen Trump nicht, sie verursachen Gegenwind an den Finanzmärkten und in der Realwirtschaft», sagt Anastassios Frangulidis, Chefstratege bei Pictet Asset Management in Zürich. Indem er der Fed die Schuld am Kurssturz gebe, wolle er einen Schuldigen für die Kursverluste finden, sagt auch Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank. Ausserdem versuche er, die Fed zu beeinflussen, damit sie die Zinsen nicht so stark erhöhe. «Trumps Angriff auf die Fed ist mehr als reiner Wahlkampf», so Stucki. Dieser zeige auch Trumps persönliche Meinung zur Geldpolitik. Solche Aussagen seien ungeschickt vom Präsidenten, weil er so die Finanzmärkte verunsichere.

Talfahrt an den US-Börsen: Präsident Donald Trump gibt der Fed die Schuld. Video: Reuters

Hat Trump recht mit seiner Kritik an der Fed?
IWF-Chefin Christine Lagarde hat dem US-Präsidenten widersprochen. Die Erhöhung von Leitzinsen sei in Ländern mit verbessertem Wirtschaftswachstum und zunehmender Inflation eine «notwendige Entwicklung», sagte Lagarde. Solche Entscheidungen der Zentralbanken seien «unvermeidbar». Die Fed sei mit ihrer Politik auf Kurs, sagt auch Anlageexperte Stucki. «Die Wirtschaft läuft gut, die Arbeitslosigkeit ist tief, die Inflation steigt: Höhere Zinsen sind angebracht.» Dass die Fed sich nicht beeindrucken lasse und ihre Politik von höheren Zinsen weiterverfolge, zeige die Unabhängigkeit der Notenbank, so Stucki. Fed-Chef Jerome Powell entwickle sich zu einer Art Gegenspieler von Trump, sagt auch Experte Frangulidis. «Powell ist ein Pragmatiker, er schaut, wie die Lage ist, und entscheidet auf Basis seiner Analysen und nicht aufgrund von Empfehlungen des Präsidenten.»

Geht der Kurssturz weiter?
Investmentexperte Stucki rechnet heute mit weiteren Verlusten an der Schweizer Börse von bis zu zwei Prozent: «Wie es heute weitergeht, hängt massgeblich davon ab, was am Nachmittag in Amerika passiert. Wenn es eine Gegenbewegung gibt, was gut möglich ist, könnte auch der Schweizer Markt relativ schnell wieder ansteigen.» Bewegungen von drei Prozent wie gestern in den USA seien ungewöhnlich stark, so der Experte. «Üblicherweise gibt es am Tag darauf eine Gegenbewegung.» Wichtiger als das, was heute passiere, sei aber, wie sich die Situation in den nächsten Tagen entwickle. «Heute werden die Emotionen die Kurse bestimmen. Erst später werden die Anleger sich wieder überlegen, wie sie die Chancen und Risiken bei den Aktien wirklich einschätzen. Wichtig ist deshalb, dass es wieder ruhiger wird und dass die Börse zu Tagesschwankungen von weniger als einem Prozent zurückkehrt», so Stucki.

Kommt es weltweit zu einer grösseren Korrektur?
«Anlass, sich um die Verfassung der Märkte Sorgen zu machen, gab es zuletzt zuhauf», sagte Christian Schmidt von der Helaba-Bank der Nachrichtenagentur DPA. Der Analyst verweist auf den Handelsstreit zwischen den USA und China, die Staatsverschuldung Italiens und vor allem auf die steigenden Zinsen. SGKB-Anlageexperte Stucki rechnet in den nächsten Tagen und Wochen mit grossen Schwankungen auf dem Markt – wie es sie bereits in den letzten Wochen gegeben hat. «Es ist gut möglich, dass der Aktienmarkt in den kommenden Wochen noch mal Verluste verzeichnet.» Weil es der Wirtschaft aber gut gehe, werde es auch wieder nach oben gehen. «Ich sehe keine Korrektur von über 10 Prozent», so Stucki.

Auch Pictet-Experte Frangulidis rechnet noch nicht mit einem Ende des Bullenmarkts. «Wir sind nicht sehr weit vor dem Ende, aber wir haben noch ein paar Monate oder Quartale vor uns.» Die veränderten Erwartungen in die Zinspolitik der US-Notenbank müssten aber zunächst verdaut werden. Dies würde aber passieren, solange die US-Konjunktur, die globale Konjunktur und die Gewinne weiter wachsen, so Frangulidis. «Im Moment gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass es bald zu einer Rezession kommt, welche wiederum zu Korrekturen an den Finanzmärkten und einem Bärenmarkt führen würde.»

Welche Auswirkungen hat der Handelskrieg?
Nach Berechnungen von Welthandelsorganisation (WTO) und IWF würden China und die USA selbst zu den Verlierern zählen, sollte es zu einem ausgewachsenen Handelskrieg kommen. Bei Anwendung der bisher eingeführten und angekündigten Massnahmen würden die USA nach IWF-Berechnung 0,9 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung einbüssen und China 0,6 Prozent. «Derzeit ist der Einfluss auf die Weltwirtschaft noch nicht so gross, dass die Erholung dieser infrage gestellt werden müsste», sagt Frangulidis. Der Welthandel habe seit Anfang Jahr zwar nachgegeben, das Wachstumsniveau sei aber immer noch hoch.

Ein Risiko für die Weltwirtschaft bestehe, wenn weitere Zölle auferlegt werden: «Würden alle Güterbeziehungen der USA und China mit Zöllen belegt, wäre der Einfluss deutlich grösser», so Frangulidis. Das berechnet auch die WTO: Bei einem vollen Handelskrieg würde der Organisation zufolge das internationale Handelsvolumen um bis zu 17,5 Prozent sinken – mit durchschlagender Wirkung auf die Weltwirtschaft. Durchschnittlich würde jedes Land 1,9 Prozent an Wirtschaftsleistung verlieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2018, 11:41 Uhr

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