Heute Federer, morgen die Welt

Obwohl sich die Klimaaktivisten aufführen, als wären sie Rebellen, bewegen sie sich sicher unter dem Schutz des Establishments.

«Kadetten»: Aktivisten bei einer Protestaktion vor der Credit Suisse.

«Kadetten»: Aktivisten bei einer Protestaktion vor der Credit Suisse. Bild: Keystone

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Man muss Philippe Colelough dankbar sein. Falls Sie seinen Namen nicht kennen: Das ist der Waadtländer Einzelrichter, ein FDP-Mitglied, der diese Woche ganz allein die schweizerische Demokratie und ihre durch unzählige Volksabstimmungen und Parlamentsbeschlüsse legitimierte Rechtsordnung für obsolet erklärt hat, wenn es um den Kampf gegen den Klimawandel geht. In einem verblüffenden, selbstherrlichen Urteil sprach er zwölf Aktivisten frei, die in Lausanne eine Filiale der Credit Suisse besetzt, dort Tennis gespielt hatten, um an Roger Federer, einen Markenbotschafter der Bank, zu erinnern, und nicht abgezogen waren, bis die Polizei kam und sie hinauskomplimentierte.

Ziel der jungen Leute war es, auf die Investitionspolitik der CS aufmerksam zu machen, die unter anderem darin besteht, Firmen zu finanzieren, die mit fossilen Brennstoffen zu tun haben, dazu gehören Öl- und Gaskonzerne, aber auch Bergbaufirmen, die Kohle fördern, oder Stromkonzerne, die Kraftwerke mit Kohle betreiben. Es handelte sich um einen eindeutigen Hausfriedensbruch, den die Aktivisten sicher bewusst herbeigeführt hatten, ansonsten ihre Aktion kaum beachtet worden wäre: Der Sinn des zivilen Ungehorsams besteht ja gerade darin, das Gesetz zu brechen und in Kauf zu nehmen, dafür bestraft zu werden. Helden der Rebellion, so darf man sich dann fühlen, Propheten, die uns, die schwer von Begriff sind, die Zeichen der Zeit erklären.

So gesehen, hätten sich die Jugendlichen eine Verurteilung wünschen müssen, so wie Christen wären sie als Märtyrer untergegangen – mit einer Busse zwar, nicht am Kreuz, wie seinerzeit unsere religiösen Vorfahren. Doch ­Colelough, ein alter weisser Mann vor der Pensionierung, stellte lieber das Gesetz auf den Kopf, als den Demon­stranten auch nur ein bisschen Umstände zu bescheren. Er liess sie springen, weil er der Ansicht war, der Klimawandel sei ein derart dringendes Problem, die Welt stehe sozusagen kurz vor dem Kollaps, dass ein «rechtfertigender Notstand» vorliege, der alles zulässt, um das Unheil abzuwenden. Also warum nicht Autofahrer auf die Strasse zerren und das Auto anzünden – es sei denn, sie sitzen im Tesla? Warum nicht Politiker erschiessen, die in Sachen Klimapolitik eine andere Meinung vertreten, nämlich die falsche? Oder wie kann man es vertreten, dass es private Banken gibt, wenn doch das Risiko besteht, dass sie in Dinge investieren, die den zwölf Weisen vom Genfersee missfallen?

Unter dem Schutz des Establishments

Es ist ein brandgefährliches Urteil, sollte es Schule machen, und man fragt sich, wie ein Richter, der ans Gesetz glaubt, so etwas mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Selten haben wir so deutlich zusehen können, wie die Justiz sich zum Büttel des Zeitgeistes machen lässt, wie ein Richter eben auch politisch urteilt. Und doch sind wir Philippe Colelough dankbar.

Warum? Ich habe schon oft die Ansicht vertreten, die Klimajugend habe wenig mit einer echten oppositionellen Bewegung zu tun. Obschon sie sich so aufführen, als wären sie Rebellen, bewegen sie sich sicher unter dem Schutz des Establishments, weil sie letztlich die Interessen vor allem der Regierenden in Politik und Bürokratie vorantreiben. Wer in der Bundesverwaltung etwa möchte nicht schon lange den Grossbanken verbieten, in den Kohlebergbau zu investieren? Das Bundesamt für Umwelt hat längst entsprechende Papiere veröffentlicht, wo die Banken zwar noch mit gutem Zureden dazu bewegt werden sollen, «freiwillig» auf solche Geschäfte zu verzichten – wenn die Bankiers aber darin ein wenig bestärkt werden, weil sie sich von ein paar «Aktivisten» eingeschüchtert fühlen: umso besser.



«Wer ‹schampar unbequem› ist, der wird von den Mächtigen nicht freigesprochen.»

Objektiv kämpfen die Klimajugendlichen für die Regierungen, die noch so gern die halbe Wirtschaft dem Staat unterwerfen möchten – unter dem Vorwand, damit das Klima zu retten. Denn ob es irgendetwas bewirkt, wenn die CS nicht mehr in die Kohleförderung investiert, ist eine offene Frage. Indien produziert 70 Prozent seines Stroms mit Kohle und baut in hoher Kadenz weitere Kohlekraftwerke – ein fataler Fehler, gewiss, aber lässt sich das riesige Land davon abhalten, wenn in Lausanne zwölf Klimaretter die CS plagen? Indien erhält die Kohle, woher auch immer, Schweizer Banken hin oder her.

Wer «schampar unbequem» ist, wie das einst Helmut Hubacher, der grosse Sozialdemokrat, angedroht hatte, der wird von den Mächtigen nicht freigesprochen. Unbeabsichtigt hat Colelough die Klimajugendlichen als das entlarvt, was sie sind: Kadetten, die Krieg spielen, während alte Generäle ihnen gerührt zusehen.

Markus Somm ist Autor der SonntagsZeitung.



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Erstellt: 18.01.2020, 21:52 Uhr

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