Holcim hat den Machtkampf gegen Lafarge verloren

Ein Jahr nach der Fusion dominiert die französische Seite die Spitze des grössten Zementkonzerns. Die Gesundschrumpfung kommt rascher voran als erwartet.

Die Mischung machts: Bei LafargeHolcim geben aber derzeit vor allem Lafarge-Leute den Ton an. Foto: Martin Leissl (Bloomberg)

Die Mischung machts: Bei LafargeHolcim geben aber derzeit vor allem Lafarge-Leute den Ton an. Foto: Martin Leissl (Bloomberg)

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Die erste Runde entschied die Holcim-Spitze im März letzten Jahres für sich. Sie konnte verhindern, dass Lafarge-Chef Bruno Lafont Chef des Fusions­gebildes LafargeHolcim wurde. Der Franzose wurde zum Co-Präsidenten des Verwaltungsrats von LafargeHolcim wegbefördert. Dort spielte indes nach Vollzug der Fusion im letzten Sommer Wolfgang Reitzle, der frühere Präsident von Holcim, die erste Geige. Hierarchisch waren die beiden als Co-Präsidenten gleichgestellt, rechtlich gesehen aber war Reitzle als statutarischer Präsident die Nummer eins.

Doch Reitzle verstand als Deutscher sein Amt eher als kontrollierende und repräsentierende Instanz – und weniger als strategischer Denker und Lenker, wie es in der Schweiz verstanden wird. Entsprechend viel Gestaltungsraum überliess er dem früheren Lafarge-Manager Eric Olsen, der anstelle von Lafont zum ersten Chef des neu entstandenen weltgrössten Zementkonzerns befördert wurde. Reitzle war in Zürich so schwach präsent, dass er auf Anraten des Verwaltungsrates im Februar seinen Abgang ankündigte. Seinen Platz nahm Beat Hess ein, der seit 2010 im Verwaltungsrat von Holcim sass. Als grosser Gestalter fiel der frühere Chefjurist von ABB und Royal Dutch Shell nach der unverhofften Beförderung indes nicht auf.

Olsen nutzte die Gestaltungsfreiheit. Die gegenwärtige Besetzung der Konzernleitung legt nahe, dass der gebürtige Amerikaner und frühere Chef Operationen von Lafarge vorging wie so viele frisch ernannte Chefs vor ihm auch: Er scharte Leute um sich, die er kennt, denen er vertraut oder denen er zumindest nicht zutraut, dass sie ihm in den Rücken fallen. In der zu Beginn mit je fünf Vertretern von Lafarge und Holcim paritätisch besetzten Konzern­leitung hat sich die Machtbalance markant zugunsten der Lafarge-Seite verschoben. Fünf ehemaligen Lafarge-­Managern stehen derzeit drei frühere Holcim-Leute gegenüber. Ergänzt durch zwei Externe. Die einst versprochene «Fusion unter gleichwertigen Partnern» hat sich wie so oft als Illusion entpuppt.

Führungsriege ausgewechselt

Als Ersten feuerte Olsen im Spätherbst den Finanzchef Thomas Aebischer – ein Holcim-Mann – und ersetzte ihn mit Ron Wirahadiraksa, der zuvor ab 2011 Finanzchef im Philips-Konzern gewesen war. Als Nächsten wechselte er im Frühling Jean-Jacques Gauthier aus. Der Lafarge-Mann musste jedoch nicht den Hut nehmen, sondern wurde zum Länderchef von Algerien ernannt. An seine Stelle als Organisations- und Personalchefin rückte Caroline Luscombe, die in gleicher Funktion seit 2010 bei Syngenta tätig gewesen war.

Gestern machte Olsen bekannt, dass er in der Konzernleitung zwei weitere von Holcim kommende Mitglieder gefeuert hat: Alain Bourguignon und Ian Thackwray, die Chefs zweier Konzernregionen. Neu in die Konzernleitung berufen wurde Oliver Osswald, früher Chef von Holcim Argentinien. Und Martin Kriegner, der bei Lafarge in Indien aufgestiegen war.

Als Chef von vier Kollegen, die er aus seiner Zeit bei Lafarge kennt, und zwei Externen, die er selbst geholt hat, sitzt Olsen als Konzernchef viel sicherer im Sattel als vor einem Jahr. Die Holcim-Seite ist mit drei Vertretern nur noch eine Minderheit, hat den bei Fusionen absehbaren Machtkampf klar verloren.

Im Tagesgeschäft macht der Fusionsriese erste Fortschritte. Der Verkauf wenig rentabler Randgebiete ist mit den Veräusserungen in Indien, Sri Lanka, China und Vietnam weit fortgeschritten. Das ursprünglich angepeilte Ziel von Desvestitionen im Umfang von 3,5 Milliarden Franken ist in diesem Jahr bereits übertroffen. Doch Olsen hat schon die nächste Verkaufswelle angestossen. Bis Ende nächsten Jahres sollen Unternehmensteile für weitere 1,5 Milliarden Franken verkauft werden.

Auch bei den Erträgen zeigt sich Besserung. Der Umsatz fiel im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr auf vergleichbarer Basis um 2 Prozent auf 7,3 Milliarden Franken. Der Betriebs­gewinn vor Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda) stieg dafür im abgelaufenen Quartal bereinigt um 6 Prozent auf 1,7 Milliarden Franken, verglichen mit dem Vorjahr. Die erzielte Ebitda-Marge, ein Gradmesser der operativen Gewinnkraft, legte von 21,3 Prozent im Vorjahr auf 23,4 Prozent zu. Die mittelintensive Restrukturierung verbrennt zudem deutlich weniger Cash als noch im Fusionsjahr 2015. Das sind erste positive Anzeichen, dass die angepeilten Kosteneinsparungen realisierbar sind. Bis LafargeHolcim wieder auf Erfolgskurs ist, dürfte es indes länger dauern.

Erstellt: 05.08.2016, 22:47 Uhr

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