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Horrende Preise, grosse Hoffnungen

Der starke Kostenanstieg bei den Krebsmedikamenten verärgert Öffentlichkeit und Experten. Neue Therapien sollen nun gezielter und somit effizienter eingesetzt werden.

Hochgradig bösartig und kostenintensiv in der Behandlung: Schwarzer Hautkrebs. Foto: Steve Gschmeissner (SPL, Keystone)
Hochgradig bösartig und kostenintensiv in der Behandlung: Schwarzer Hautkrebs. Foto: Steve Gschmeissner (SPL, Keystone)

Was ist die Verlängerung des Lebens wert? Diese Frage stellt sich, wenn man sich die Preise für gewisse Krebsmedikamente vor Augen führt. Therapiekosten von bis zu 120'000 Franken für vier Behandlungszyklen mit dem Hautkrebsmittel Yervoy stossen weit herum auf Unverständnis. Selbst Onkologen kritisieren diese Preise scharf. Thomas Cerny vom Kantonsspital St. Gallen spricht von Fantasiepreisen, für Kollege Franco Cavalli vom Spital Bellinzona sind solche Beträge «unerträglich hoch».

Die Diskussion um die hohen Kosten wird seit Jahren geführt und ist nun mit dem Zukauf der Krebssparte von Glaxo­SmithKline durch Novartis erneut in den Fokus gerückt. Hinzu kommen neue Entwicklungen, wie etwa der Trend hin zu Kombinationstherapien, wie sie auch Novartis und Roche ver­folgen. Um einen Tumor wirksam zu bekämpfen, werden gleich mehrere Medikamente eingesetzt, was jedoch die Behandlungskosten weiter in die Höhe treibt. Ein Beispiel ist das Brustkrebsmittel Perjeta von Roche. Dieses wird zusammen mit einem weiteren Präparat des Pharmakonzerns sowie einer Chemotherapie verabreicht. Die Behandlung dauert im Schnitt rund eineinhalb Jahre und verursacht Kosten von 160'000 Franken.

Durch die hohen Preise und den steigenden Bedarf sind die Ausgaben für Krebsmedikamente in den vergangenen Jahren markant gestiegen. Gemäss einer Hochrechnung der Krankenkasse Helsana haben sich die Kosten zwischen 2007 und 2012 mehr als verdoppelt. Gar auf noch höhere Zahlen kommt der Krankenkassenverband Santésuisse: Er geht von 560 Millionen Franken aus, was rund 12 Prozent der gesamten Ausgaben für Medikamente ausmacht.

Allein Weltmarktführer Roche setzt in der Schweiz mit seinen drei wichtigsten Produkten knapp 173 Millionen Franken um, was 57 Prozent aller hiesigen Verkäufe entspricht. Dies geht aus Zahlen des Marktforschers IMS Health für 2013 hervor, die dem TA vorliegen.

Keine Lösungen in Sicht

Obwohl die Kostenentwicklung in der Onkologie von verschiedener Seite als nicht nachhaltig bezeichnet wird, sind kaum Lösungen erkennbar. Das für die Preisfestsetzung zuständige Bundesamt für Gesundheit (BAG) muss sich an das entsprechende Gesetz halten. Dabei orientiert sich das BAG vor allem an den Preisen im Ausland, wo wiederum andere Länder als Referenzgrösse heran­gezogen werden. Am Anfang dieser Entwicklung stehen oft die USA, wo die Pharmafirmen weit mehr Spielraum ­haben, um die Preise zu bestimmen.

In Entwicklungs- und Schwellenländern sind verschiedene Pharmafirmen dazu übergangen, die Preise der dortigen Kaufkraft anzupassen. Diese differenzierte Preisgestaltung verfolgt etwa Roche in Ländern wie Indien, China oder den Philippinen. Mag dies das Problem dort lindern, bleiben die Unternehmen für die Industrienationen eine Antwort schuldig. Für Roche-Chef Severin Schwan sind die Medikamentenpreise ohnehin nicht das Problem. Der Anstieg der Gesundheitskosten rühre primär aus dem Spitalbereich und der demografischen Entwicklung, sagte er in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung». Es sei unmöglich, den Preis des Lebens objektiv richtig festzulegen, antwortete er auf die Frage, wo eine Grenze erreicht sei.

Auch unter den Medizinern herrscht keine Einigkeit. «Natürlich müssen wir über die Kostenfrage nachdenken, in erster Linie geht es mir aber um den ­Patientennutzen», sagt Alfred Zippelius, stellvertretender Chefarzt Onkologie am Universitätsspital Basel. Er gibt zu bedenken, dass Krebserkrankungen in der EU rund 17 Prozent der gesamten Krankheitslast ausmachen, aber lediglich für 7 Prozent der Gesundheitsausgaben verantwortlich sind. Da in den nächsten Jahren mit einer Vielzahl neuer Krebsmittel zu rechnen sei, stünden die Onkologen in der Pflicht, die vorhandenen Ressourcen effektiver und effizienter einzusetzen, sagt Zippelius. «Um die Komplexität der Krankheit zu verstehen, werden wir in den nächsten Jahren nach und nach die Genome der einzelnen Tumore entschlüsseln.» Dank der hohen Zahl von Mutationen, die dabei entdeckt würden, könnten betroffene Patienten in möglichst eng definierte Gruppen eingeteilt und gezielt behandelt werden, sagt Zippelius.

Zudem könnten sich so bestehende Medikamente für verschiedene Krebserkrankungen einsetzen lassen. Als Beispiel führt der Onkologe das Roche-Hautkrebsmittel Zelboraf an. Voraussetzung für die Behandlung mit dem Wirkstoff ist eine bestimmte Mutation des Tumors. Diese tritt «nur» bei der Hälfte aller Patienten mit schwarzem Hautkrebs auf. «Inzwischen haben wir festgestellt, dass diese Mutation auch bei anderen Erkrankungen wie etwa beim Darm- oder Lungenkrebs auftritt», erklärt Zippelius. Nun werde man testen, ob Zelboraf auch hier wirksam sein könnte.

Neue Hoffnungsträger

Ein wichtiges neues Feld sind die sogenannten Immuntherapien, die zumindest in Teilen sowohl von Roche als auch von Novartis entwickelt werden (TA vom Mittwoch). Zippelius, der selber auf diesem Gebiet forscht, spricht von einem hoffnungsvollen Ansatz zur Bekämpfung von Krebs. Gleichzeitig relativiert er: «Wir stehen am Anfang und haben daher viele offene Fragen.» So sei es hier noch nicht möglich, bei bestimmten Krebsarten die Patienten in Untergruppen einzuteilen, um sie gezielt zu behandeln. «Dort, wo der Körper positiv auf die Behandlung anspricht, bleibt der Patient aber erstaunlich lange stabil.» Allerdings fehlen bisher Langzeitstudien, die diese Beobachtungen bestätigen.

Dennoch sind die Hoffnungen in diese neuartigen Immuntherapie-Wirkstoffe gross. In der Schweiz werden diese Präparate unter anderem gegen Hautkrebs und Lungenkrebs anhand klinischer Studien geprüft, teils auch ausserhalb. Obwohl Zippelius den Wunsch nach neuen Ansätzen nachvollziehen kann und auch erste Therapieerfolge beobachtet, hält er den Einsatz dieser Wirkstoffe ausserhalb dieser Studien für verfrüht. Denn die bisherigen Ergebnisse seien zwar hoffnungsvoll, aber noch nicht so robust. Alfred Zippelius warnt deshalb davor, betroffenen Krebspatienten falsche Hoffnungen zu machen.

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