HSG-Professor muss wegen Vincenz um Lehrstuhl bangen

Pierin Vincenz konnte nach Belieben agieren. Das muss der ehemalige Raiffeisen-VR-Präsident Johannes Rüegg-Stürm auf seine Kappe nehmen.

Wird einen Grossteil der Verantwortung übernehmen müssen: der ehemalige Raiffeisen-Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm. Bild: Keystone

Wird einen Grossteil der Verantwortung übernehmen müssen: der ehemalige Raiffeisen-Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm. Bild: Keystone

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In Sachen guter Unternehmensführung oder Corporate Governance hat der Verwaltungsrat von Raiffeisen ein denkbar schlechtes Bild abgegeben. Man kann es auch so formulieren: Das elfköpfige Gremium hat versagt. Dieser Schluss drängt sich auf bei der Lektüre des Berichts der Finanzmarktaufsicht (Finma) zum Enforcement-Verfahren gegen die Genossenschaftsbank.

Laut Tobias Lux, Sprecher der Finma, handelt es sich um einen «schwerwiegenden Fall» von vernachlässigter Corporate Governance. Die Verfehlungen, so Lux, würden insbesondere den Umgang mit Interessenkonflikten sowie die Aufsicht über den ehemaligen Chef der Bank, Pierin Vincenz, betreffen. Gleichzeitig betont der Sprecher aber, dass die Kerntätigkeit von Raiffeisen, also etwa das Kundengeschäft, wegen dieser Versäumnisse und Unterlassungen «nicht beeinträchtigt» worden sei.

Video – «Die Mängel waren echt gravierend»

Finma-Mediensprecher Tobias Lux im Interview. (14. Juni 2018) Video: SDA

Dennoch: Weshalb hat die Finma trotz der Schwere ihrer Vorwürfe an die Adresse des Verwaltungsrats keine Sanktionen gegen die betreffenden Personen oder zumindest einzelne von ihnen ausgesprochen? Die Bankenwächter wollen erst mal den Abschlussbericht des von Raiffeisen eingesetzten unabhängigen Ermittlers Bruno Gehrig abwarten. Der frühere Swiss-Life-Präsident soll alle gut hundert Übernahmen von Raiffeisen in der Ära von Vincenz auf mögliche Unregelmässigkeiten überprüfen – wogegen die Finma ihr Augenmerk auf den Einstieg von Raiffeisen bei der Beteiligungsfirma Investnet fokussiert hat.

Auch Franco Taisch betroffen

Je nachdem könnte die Finma dann in ­einem Verfahren die Gewähr für eine einwandfreie Geschäftsführung einzelnen Personen in bestimmten Funktionen absprechen oder gar ein Berufsverbot verhängen. Bereits jetzt ist indes absehbar, dass Johannes Rüegg-Stürm, der Anfang März als Raiffeisen-Verwaltungsratspräsident zurücktrat, einen Grossteil der Verantwortung wird übernehmen müssen. Wie ein roter Faden zieht sich durch den Bericht der Finma, dass Vincenz als Chef der Bank nach Belieben schalten und walten konnte. Wenn jemand einem Konzernchef Grenzen aufzeigen muss, ist dies letzten Endes der Verwaltungsratspräsident.

Rüegg-Stürm ist dieser Aufgabe, nach allem was man heute weiss, nicht nachgekommen. Der 57-Jährige ist im Hauptberuf Dozent an der Universität St. Gallen und Leiter des Instituts für Systemisches Management und Public Governance. Inwiefern tangiert ein derart harsches Verdikt der Finma über einen in St. Gallen lehrenden Professor den Ruf der Uni? Ihr Sprecher mochte sich dazu nicht äussern. Man wolle erst mal den Finma-Bericht im Detail anschauen und allenfalls nächste Woche mehr dazu sagen, so die Antwort. Rüegg-Stürm war gestern nicht zu erreichen.


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In einer heiklen Lage befindet sich auch Franco Taisch, der bis zum Herbstsemester 2017/2018 als ordentlicher Professor an der Universität Luzern tätig war und Corporate Governance zu seinen Kernthemen als Dozent zählte. Laut einem Universitätssprecher endete die Anstellung von Taisch Ende Januar, und im anstehenden Herbstsemester werde er auch keinen Lehrauftrag haben.

Zur Tätigkeit als Raiffeisen-Verwaltungsrat, aus dem er jetzt nach zehn Jahren ausscheidet, wollte Taisch «aus Loyalität ge­genüber der Bank und ihren Organen» keine Stellung nehmen. Er legt aber Wert auf die Feststellung, dass er als Titularprofessor weiterhin mit einem 20-Prozent-Pensum an der Uni Luzern angestellt ist und der dortigen Professorenschaft angehört.

Bis 2020 werden acht der elf Verwaltungsräte von Raiffeisen zurücktreten. Was die Erneuerung des Gremiums anbelangt, «stand die Finma im Austausch mit Raiffeisen», wie Tobias Lux sagt. «Wir haben unsere Erwartungen bezüglich Anforderungsprofil kundgetan.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2018, 06:38 Uhr

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