«Ich werde der Firma treu bleiben»

Stadler-Rail-Patron Peter Spuhler spricht über Details des Börsengangs und verrät, ob er schon seine Nachfolge plant.

«Ein kotiertes Unternehmen hat in einigen Märkten, in denen wir tätig sind, ein höheres Ansehen»: Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler. Foto: Christian Beutler (Keystone)

«Ein kotiertes Unternehmen hat in einigen Märkten, in denen wir tätig sind, ein höheres Ansehen»: Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Seit Monaten ist darüber spekuliert worden. Am Dienstag ist aus der «Option» eines Börsengangs, wie es bei Stadler Rail lange hiess, Gewissheit geworden: Der Rollmaterialhersteller aus dem thurgauischen Bussnang will an die Börse. Wann genau, darauf wollte sich Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler nicht festlegen.

Herr Spuhler, Stadler Rail will an die Börse. Weshalb?
Stadler ist in den letzten Jahren sehr stark gewachsen, zwischen 2018 und 2020 wird sich der Umsatz nochmals verdoppeln. Bis jetzt konnten wir das Wachstum aus eigener Kraft finanzieren, dank einer sehr soliden Bilanz. Aber ob das in einem sich konsolidierenden Markt in Zukunft noch möglich sein wird, ist unklar. Deshalb möchten wir als Option die Kapitalmarktfähigkeit haben. Ob wir sie dann brauchen, ist offen. Der zweite Grund ist die Reputation: Ein kotiertes Unternehmen hat in einigen Märkten, in denen wir tätig sind, ein höheres Ansehen. Das gilt vor allem für den angelsächsischen Raum und Skandinavien.

Sie sind dieses Jahr sechzig geworden. Ist der Börsengang auch eine Nachfolgeregelung?
Nein, überhaupt nicht. Ich werde der Firma treu bleiben als Verwaltungsratspräsident, aber auch als Ankeraktionär mit einem Anteil von mindestens 40 Prozent. Es macht mir Spass, und ich habe nicht im Sinn, den Hut an den Nagel zu hängen.

Sie werden im ersten Jahr nach dem Börsengang 40 bis 49 Prozent der Anteile behalten. Wie sieht der Fahrplan danach aus?
Ich habe mich für zwölf Monate auf mindestens 40 Prozent verpflichtet, danach für weitere 24 Monate auf mindestens 30 Prozent. Wegen der Opting-out-Klausel kann ich nicht mehr als 49 Prozent behalten. Mein Anteil wird wohl irgendwo im Bereich von 40 bis 45 Prozent zu liegen kommen. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Wieso lancieren Sie den Börsengang jetzt? Das konjunkturelle Umfeld ist momentan nicht das beste.
Nach dem Entscheid zum Börsengang gibt es einen Prozess, den Sie schrittweise abarbeiten müssen. Da können Sie nicht immer auf die neuesten Gegebenheiten Rücksicht nehmen. Würden die Märkte aber kurzfristig einbrechen, könnten wir das IPO verschieben.

«Ob die Chinesen in einen so differenzierten Markt einsteigen wollen, stelle ich infrage.»

Schätzungen beziffern den Börsenwert von Stadler auf 3 Milliarden Franken. Ist das realistisch?
Zum jetzigen Zeitpunkt können wir zum Preis keine Stellungnahme abgeben.

Von welchen Zukunftsaussichten kann ein interessierter Investor ausgehen?
Grundsätzlich ist der öffentliche Verkehr ein sehr interessanter Markt mit kontinuierlicher Wachstumssteigerung. Wir haben einen rekordhohen Auftragsbestand und werden von 2 Milliarden Franken Umsatz im vergangenen Jahr bis 2020 auf 4 Milliarden Franken wachsen. Die Aufträge dazu sind da. Danach ist das Ziel, dieses Niveau zu halten und schrittweise weiter zu wachsen.

Die chinesische Konkurrenz drängt mit aller Kraft nach Westeuropa und sucht zu fast jedem Preis Referenzaufträge. Wird das die Marge von Stadler drücken?
Ich glaube, nein. Der chinesische CRRC-Konzern ist sich sehr grosse Aufträge gewohnt, im Bereich von tausend gleichen Zügen. Der europäische Bahnmarkt ist sehr heterogen. Jedes Land hat andere Stromsysteme, Einstiegshöhen und Sicherungsanlagen. Bei unseren Aufträgen liegen die Stückzahlen bei 20 bis 25 Zügen. Ob die Chinesen in einen so differenzierten Markt einsteigen wollen, stelle ich infrage. Mit ihnen rechnen müssen wir bei Aufträgen um die 200 bis 300 Züge. Aber das ist nicht unser Kernbusiness. Wir sind eher bei mittelgrossen Vergaben stark.


Stadler Rail legt erstmals sämtliche Zahlen offen

Der Rollmaterialhersteller Stadler gehört heute, direkt und indirekt, zu 80 Prozent Peter Spuhler. Als privat gehaltene Gesellschaft veröffentlichte Stadler jeweils nur Zahlen zu Umsatz und Auftragseingang. Mit dem bevorstehenden Börsengang legt sie nun erstmals sämtliche Zahlen offen. Dabei zeigt sich das Bild eines finanziell gesunden, in den vergangenen Jahren stark gewachsenen Unternehmens mit Luft nach oben in der Rentabilität.

In den vergangenen zehn Jahren ist Stadler im jährlichen Mittel rund 7 Prozent gewachsen. 2018 betrug der Umsatz 2 Milliarden Franken Im Heimmarkt Europa kommt das Unternehmen auf einen Marktanteil von 15 Prozent und ist grösser als Siemens, aber kleiner als Bombardier und Alstom. In den USA und den Staaten der früheren Sowjetunion ist es mit Marktanteilen von je rund 1 Prozent präsent, sieht aber Potenzial nach oben. Bislang gar nicht aktiv ist die Gesellschaft in Asien. «Wir haben einige Male versucht, Aufträge zu gewinnen, kamen aber jedes Mal mit einer blutigen Nase zurück», sagte VR-Präsident Peter Spuhler.

Im Gegensatz zum Umsatz ist Stadlers Profitabilität in den vergangenen Jahren eher gesunken. 2018 kam das Unternehmen auf eine am Betriebsgewinn (Ebit) gemessene Marge von 7,5 Prozent. Noch vor einigen Jahren lag sie regelmässig bei 9 bis 10 Prozent. Der Hauptgrund für den Rückgang ist gemäss dem Unternehmen die Aufwertung des Frankens. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, musste Stadler die Preise senken. Die Kosten konnte sie nicht im gleichen Ausmass herunterfahren.

Die Profitabilität zusätzlich gedämpft haben der Eintritt in wettbewerbsintensivere Märkte wie die Herstellung von Hochgeschwindigkeitszügen sowie Investitionen in das Wachstum. So hat Stadler in den vergangenen Jahren sowohl Unternehmen übernommen, etwa das Lokomotivengeschäft von Vossloh in Valencia, als auch selbst neue Werke errichtet, etwa in Salt Lake City, USA. Bis 2020 will sie eine Ebit-Marge zwischen 8 und 9 Prozent erreichen.

Beim bevorstehenden Börsengang werden nur Aktien aus dem Besitz von Peter Spuhler (direkt und via Privatholding) verkauft. Da Spuhler vorerst 40 bis 45 Prozent behält und je 10 Prozent der deutschen RAG-Stiftung sowie 170 Kadermitarbeitern und Verwaltungsräten gehören, wird der frei handelbare Anteil 35 bis 40 Prozent betragen.

Das Aktienkapital von Stadler besteht aus 100 Millionen Namenaktien. Schätzungen beziffern den Börsenwert von Stadler auf rund 3 Milliarden Franken Damit wäre eine Aktie um die 30 Franken wert. Wann genau der Börsengang stattfinden wird, ist unklar. Es könnte aber sogar noch vor Ostern sein. Eine entsprechende Frage liess Spuhler offen.

Erstellt: 21.03.2019, 17:46 Uhr

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Von 18 zu 8500 Angestellten

Dreissig Jahre alt war Peter Spuhler, als er 1989 Stadler Rail kaufte, ein Unternehmen mit damals 18 Angestellten. Das nötige Geld – 4,5 Millionen Franken – erhielt er von der Thurgauer Kantonalbank in Form eines ungesicherten Kredits. Heute ist Spuhler sechzig, und Stadler Rail beschäftigt über 8500 Personen.

Nach Jahrzehnten mit Doppelmandat beschloss er Ende 2017, sich auf das Verwaltungsratspräsidium zu konzentrieren und das CEO-Amt seinem langjährigen Stellvertreter, Thomas Ahlburg, zu übergeben. Spuhler hält Beteiligungen an mehreren Industrieunternehmen und nimmt dort auch Einsitz im Verwaltungsrat, so bei Autoneum, Rieter und Aebi Schmidt. Von 1999 bis 2012 war Spuhler Nationalrat für die SVP Thurgau. Privat ist er mit der Bauunternehmerin Daniela Spuhler-Hoffmann verheiratet und Vater dreier Kinder.

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