«Ich werde nicht wegen ein paar Monaten völlig durchdrehen»

Hoppla, da spricht ein Wirtschaftsführer politischen Klartext: Roche-Chef Severin Schwan ärgert sich mächtig über die Folgen der SVP-Initiative zur Einwanderung.

«Wir sind massiv auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte angewiesen, auch aus Drittstaaten»: Roche-Chef Severin Schwan.

«Wir sind massiv auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte angewiesen, auch aus Drittstaaten»: Roche-Chef Severin Schwan. Bild: Patrick Straub/Keystone

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Roche-Chef Severin Schwan kritisiert den Bundesrat scharf. Auslöser für seinen Ärger ist die Masseneinwanderungsinitiative. Diese muss bekanntlich bis Februar nächsten Jahres umgesetzt werden. So verlangt es der Initiativtext. Obwohl es bisher kein Gesetz oder eine Verordnung zur Umsetzung des Volksbegehrens gibt, hat der Bundesrat bereits erste Massnahmen getroffen. So hat er im November 2014 die Kontingente für Angehörige aus Drittstaaten gekürzt, womit Bürger gemeint sind, die weder aus der Schweiz noch aus einem EU-Mitgliedsstaat stammen.

Schwan kann diese Massnahme nicht verstehen. «Mir ist überhaupt nicht verständlich, wieso der Bundesrat die Kontingente für Angehörige aus Drittstaaten gekürzt hat», sagte der Österreicher am heutigen Mediengespräch zu den Halbjahreszahlen in Basel. Dazu habe keinerlei Not bestanden. «Ich möchte mit Nachdruck betonen, dass Roche massiv auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte angewiesen ist, auch aus Drittstaaten», sagte Schwan weiter. Konkret sprach er etwa die USA oder Asien als Herkunftsländer von Arbeitskräften an. In der Forschungsabteilung von Roche stamme über die Hälfte der Mitarbeiter aus dem Ausland.

Schwan stört sich daran, dass in der Diskussion über die Umsetzung der SVP-Initiative der Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland weitgehend ausgeblendet werde. Dabei seien doch gerade diese Leute die besten Steuerzahler und würden sehr viel in das Schweizer Sozialsystem einzahlen.

Die Kontingente seien schon jetzt knapp

Die Kontingente für Angehörige aus Drittstaaten werden vom Bundesrat festgelegt und dann auf die einzelnen Kantone nach Bedarf verteilt. Schwan hat konkrete Signale von den Kantonen, dass die Kontingente langsam zur Neige gingen. Konkret hätten sich Basel-Stadt, dort wo der Pharmakonzern den Hauptsitz hat, und Zug bei Roche gemeldet. Im zugerischen Rotkreuz beschäftigt Roche über 2000 Mitarbeiter im Geschäftsbereich Diagnostik.

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Die Kontingente für die Kantone seien schon vor dem Entscheid des Bundesrats knapp gewesen, sagte Schwan. Nun habe sich die Situation nochmals verschärft. Man müsse sich im Klaren sein, dass ausländische Forscher nicht zwingend in die Schweiz kommen müssten. Topforscher könnten in den USA oder anderswo problemlos eine Stelle finden. «Wenn wir keine guten Leute mehr hierherbekommen, dann können wir unsere Aktivitäten nicht mehr wie gewohnt weiterverfolgen.»

«Ich spüre, dass der Druck steigt.»

Er wolle dies jedoch nicht als Drohung verstanden wissen, sagte er auf Nachfrage einer Journalistin. Er zeigt sich nach wie vor optimistisch, dass die Schweiz die richtigen Lösungen finden und wie gewohnt pragmatisch handeln werde. Aber die Zeit dafür werde knapper. «Ich spüre, dass der Druck steigt.» Was die milliardenschweren Investitionen in den Ausbau des Basler Hauptsitzes anbelangt, so ändere sich daran nichts, sagt Schwan. «Ich stehe zum Standort Schweiz, ich sehe es noch immer positiv. Ich werde nicht wegen ein paar Monaten völlig durchdrehen.»

Darauf angesprochen, ob er mit Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann über das Thema gesprochen habe, sagte Schwan: «Zu persönlichen Gesprächen äussere ich mich nicht. Sie können jedoch davon ausgehen, dass alle meine Meinung kennen.»

Bildstrecke – im neuen Roche-Turm zu Basel:

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2016, 12:38 Uhr

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Severin Schwan kann auch persönlich werden: Der Roche-Chef im Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Interview über Neujahrs-Rituale und Schlagzeilen (Dezember 2014).

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