Mehr Komfort in der 1. Klasse, aber nicht auf dem ZVV-Netz

Sechser- statt Achterabteile: Die SBB will Interregio-Doppelstöcker im Erstklassbereich umrüsten. Jedoch nicht für die Zürcher.

Eine Regio-Dosto-Zugkomposition im Bahnhof Meilen: 43 Doppelstockzüge sollen umgerüstet werden. Foto: Pascal Mora (Keystone)

Eine Regio-Dosto-Zugkomposition im Bahnhof Meilen: 43 Doppelstockzüge sollen umgerüstet werden. Foto: Pascal Mora (Keystone)

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Das Thema ist ein Dauerbrenner: Die SBB und ihr Verhältnis zu den 1.-Klasse-Passagieren. Wie komfortabel muss das Erstklassabteil sein, für dessen Benutzung der Reisende einen Zuschlag von bis zu 70 Prozent gegenüber dem Preis der 2. Klasse entrichtet?

Darüber befindet das Bahnunternehmen und allenfalls der Besteller der Bahnleistungen, beispielsweise der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV). Die Erstklassfahrenden haben sich mit dem Ergebnis zu arrangieren. Und so ist der Ärger immer mal wieder programmiert. Das zwingt die Bahn schliesslich dazu, nachträglich noch einmal Geld in die Hand zu nehmen und das Wagenmaterial wieder mehr in Richtung Kundenvorstellung umzubauen.

Designer von der Swiss

Jüngstes Beispiel: Die Doppelstockzüge Regio Dosto von Stadler. Als die SBB vor über zehn Jahren die Kompositionen für den Einsatz im Zürcher S-Bahnnetz orderten, sprach der ZVV mit. Der Verkehrsverbund zog noch einen Sitzdesigner der Swiss bei, was eher erstaunlich ist, besteht doch deren Arbeit darin, auf gleicher Fläche immer mehr Passagiere hineinzuquetschen. Ergebnis: Statt der 2+1-Bestuhlung wurden die Erstklassabteile wie in der zweiten Klasse mit 2+2-Bestuhlung ausgerüstet. Für den ZVV wäre eine 2+1-Bestuhlung nicht infrage gekommen, weil man den S-Bahn-Standard nicht verändern wollte.

Obwohl sich schon bei der Bestellung abzeichnete, dass die SBB den Regio Dosto auch auf Fernverkehrsstrecken einsetzen würden, verzichteten die SBB auf die 2+1-Bestuhlung, obwohl damals eine Option auf diese Sitzanordnung bestanden hatte.

Als der Regio Dosto im Fernverkehr als Interregio-Ersatz eingesetzt wurde, liess der Unmut in der Kundschaft nicht auf sich warten: Wer von Zürich nach Chur fuhr, oder von Basel nach Zürich-Flughafen, um nur zwei der betroffenen Strecken zu nennen, musste auf einmal mit unbequemen Stühlen in Achter- statt den komfortableren Sechserabteilen vorliebnehmen. Der Protest der Erstklasspassagiere war so deutlich, dass die SBB Mitte 2014 auf zwei Strecken eine Kundenumfrage machten – letztlich nur, um herauszufinden, was man eigentlich immer wissen konnte: Erstklassreisende im Fernverkehr wollen partout keine gleiche Bestuhlung wie in der zweiten Klasse. Sie fühlten sich in ihrem Misstrauen gegenüber den Bahnbetreibern bestätigt, dass der Komfort immer mehr abnehme, während die Preise steigen würden.

Vier Jahre nach der Umfrage kündigten die SBB in diesem Oktober an, dass 43 Regio Dosto zu Interregio Dosto umgerüstet würden. Zum Umdenken hat auch die Erneuerung der Fernverkehrskonzession durch das Bundesamt für Verkehr vor bald zwei Jahren geführt. Die SBB wurden daran erinnert, wie das Produkteangebot «Fernverkehr» auszusehen habe. Und so kehrt man nun in der 1. Klasse zurück zur 2+1-Bestuhlung. Der Sitz wird zwar der gleiche wie bis anhin sein, doch sollen die Armlehnen verbreitert und mit Leder überzogen werden. Überdies wird der 1.-Klasse-Bereich um ein Zwischendeck erweitert und ein eigener Einstieg geschaffen. Eine Trennwand zur Treppe im Zwischendeck soll für mehr Ruhe sorgen. Der eher hohe Geräuschpegel gehörte wie die enge Bestuhlung zu den häufigen Kritikpunkten der Bahnkunden.

Kosten von 20 Millionen

Wird das die Kritiker besänftigen? Edwin Dutler von der ÖV-Kundenorganisation Pro Bahn mag den Änderungen keinen grossen Applaus spenden. Bei den SBB herrsche die Devise vor «nur so viel wie unbedingt notwendig und so wenig wie nur möglich». Er kritisiert, dass die für die S-Bahn konzipierten und nicht verstellbaren Sitze nicht ersetzt würden. Auch fordert er Türen zwischen den beiden Klassen. «Der von den SBB geplante Ausbaustandard in der 1. Klasse rechtfertigt keineswegs einen Zuschlag von 70 Prozent gegenüber dem Preis der 2. Klasse», erklärt Dutler. Er verweist auf den gleichen Stadler-Zug, der in Luxemburg als Regioexpress verkehrt – mit verstellbaren Ledersitzen und Abteiltüren.

In den Dosto, die auf dem ZVV-Netz weiterverkehren, werden die Achterabteile in der 1. Klasse nicht geändert, weil dies dem S-Bahn-Standard widersprechen würde. Der Verkehrsverbund fürchtet, dass durch die Aufwertung Sitzplatzkapazität in den Stosszeiten verloren ginge.

Der gesamte Umbau der 43 Doppelstockzüge kostet rund 20 Millionen Franken. In diesem Kostenrahmen enthalten ist indessen auch die Ausstattung aller Sitze in der 2. Klasse mit Stromanschlüssen. Auf die überfällige Anpassung des Dosto im Interregioverkehr muss die Kundschaft sich allerdings noch lange gedulden. Das erste Fahrzeug wird laut SBB-Fahrplan erst in der zweiten Hälfte 2019 im SBB-Werk in Olten umgebaut, das letzte soll Ende 2023 aufgefrischt werden. Die Umrüstung pro Komposition wird jeweils fünf Wochen dauern. Ob der Zeitplan für alle 43 Züge eingehalten werden kann, ist auch abhängig von der Inbetriebnahme der Fernverkehrs-Doppelstockzüge von Bombardier, wie die SBB auf Anfrage erklären. Und da hapert es: Deren Einsatz seit dem Fahrplanwechsel auf den Interregio-Linien zwischen Chur, St. Gallen, Zürich und Basel ist zurzeit gezeichnet von Pannen, Ausfällen und Verspätungen.

Erstellt: 21.12.2018, 08:46 Uhr

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