«In den ländlichen Regionen ziehen wir uns zurück»

Denner-Chef Mario Irminger über den Rückzug des Discounters in die Städte, kassenlose Läden und die deutsche Konkurrenz.

Lage, Angebot und Preissetzung seien zentral, sagt Denner-Chef Mario Irminger. Foto: Dominique Meienberg

Lage, Angebot und Preissetzung seien zentral, sagt Denner-Chef Mario Irminger. Foto: Dominique Meienberg

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Herr Irminger, der stationäre Detailhandel stagniert. Denner wuchs imvergangenen Jahr mit 4,3 Prozent – wie ist Ihre Prognose für dieses Jahr?
Wir gehen davon aus, dass wir auch dieses Jahr stärker als der Markt wachsen. Der Lebensmittelmarkt wird irgendwo zwischen 0 und 0,5 Prozent wachsen. Es kommt noch auf das Dezembergeschäft an, aber Denner wird zwischen 2 und 3 Prozent im Plus abschliessen.

In den vergangenen Jahren sind die Discounter deutlich schneller gewachsen als Migros und Coop mit ihren Supermärkten. Woran liegt das?
Wenn man die Entwicklung unserer deutschen Mitbewerber anschaut, dann sind das extrem erfolgreiche Lebensmittelhändler. Ihre Performance ist nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Westeuropa gut. Beim Discounter hat der Preis eine sehr hohe Bedeutung. Man muss es schaffen, Lage, Angebot und Preissetzung richtig zu kombinieren. Das ist die Erfolgsformel, die dazu beiträgt, dass die Discounter wachsen.

Auch Denner wächst auf Kosten von Migros und Coop.
Es sind nicht nur Migros und Coop, sondern der gesamte Supermarktbereich, der verliert. Was uns als Discounter von den Supermärkten unterscheidet, ist der Preis. Ein Supermarkt hat ein viel grösseres Angebot als wir. Das bedeutet automatisch, dass die Prozesskosten, um so einen Laden zu betreiben, deutlich höher sind, und das schlägt sich auf die Preise nieder.

Denner will auch im Filialnetz wachsen. Was sind Ihre Pläne für das kommende Jahr?
Unsere Zielsetzung liegt bei zehn neuen Filialen pro Jahr. Was bedeuten kann, dass wir dreissig neue eröffnen, aber auch zwanzig schliessen. Besonders in abgelegenen ländlichen Regionen mit kleinen Filialen, die schwer zu betreiben sind, ziehen wir uns zurück. Wir konzentrieren uns mehr auf die Agglomerationen und die Städte, wo wir mit unserem Ladenkonzept profitabel arbeiten können.

«Wir müssen nicht mehr als grosser Preisbrecher auftreten.»

Denner-Gründer Karl Schweri war der grosse Preisbrecher. Heute scheint Denner weniger preisaggressiv zu sein.
Das hat mit der Positionierung als Nahversorger zu Discountpreisen zu tun und der Kommunikation von Denner: Heute ist es einer breiten Bevölkerung klar, dass wir ein Discounter sind. Wir müssen daher nicht mehr als grosser Preisbrecher auftreten.

Hat es nicht damit zu tun, dass Denner der Migros gehört?
Nein, Denner ist in der Preisgestaltung absolut frei, es gibt keine Restriktion. Man glaubt es kaum, aber es ist wirklich so.

Der Detailhandel stagniert und wächst eigentlich nur noch über mehr Ladenfläche. Experten warnen, dass die Händler bald Personal abbauen müssen, um die Kosten wieder in den Griff zu bekommen.
Das sehen wir relativ locker. Die Automatisierung im Lebensmittelgeschäft ist nicht so einfach. Die grossen Kostenblöcke haben wir beim Regalauffüllen und an den Kassen. Bisher gibt es dafür keine sinnvolle Automatisierung. In der Logistik ist mehr möglich, vor allem in den Betriebszentren. Wenn wir über Digitalisierung sprechen, denken wir an intelligente Systeme, die Abläufe effizienter und kostengünstiger machen.

Zum Beispiel?
Dass Nachbestellungen in Filialen automatisch abgewickelt werden. Das System hat den Überblick über das Sortiment und bestellt nach, wenn ein Produkt ausverkauft ist. So ein System wollen wir in den nächsten drei Jahren einführen.

Wie steht es um Self-Check-out-Kassen?
Die gibt es bei Denner nicht. In unseren Filialen ist eine Kasse dauernd besetzt, in Stosszeiten kommt eine zweite oder dritte hinzu. Wir müssen bei Alkohol und Tabak die Alterskontrolle machen, und dafür gibt es noch keine befriedigende Lösung. Ich denke, die Entwicklung geht eher in Richtung kassenlose Läden. Da gibt es auch Bestrebungen bei der Migros und anderen.

Wann sind Sie so weit?
In fünf bis zehn Jahren wird man solche Läden haben. Aber diese Konzepte müssen sich zuerst bewähren, bevor Denner solche Investitionen an die Hand nimmt.

Gibt es bereits Testfilialen?
Nein, das dauert noch. Wir sind bei technologischen Innovationen in enger Abstimmung mit der Migros, und es gibt Entwicklungen, die in diese Richtung zielen.

Die deutschen Discounter Aldi und Lidl dringen in die Innenstädte vor. Wächst der Druck auf Denner?
Nein, denn wir haben die kleinsten Ladenkonzepte. Die deutschen Mitbewerber brauchen Flächen von um die 600 Quadratmeter und mehr. Das sind Flächen, die man an guten Innenstadtlagen nur schwer bekommt.

Sie haben viele Denner auf Denner Express umgestellt. Als Kunde merkt man wenig.
Ja. Wesentlich ist, dass die frischen Lebensmittel deutlich mehr Platz beanspruchen. Wir haben dafür den Getränkebereich, etwa Wein, verkleinert. Das sind Filialen mit viel Laufkundschaft, die nicht mit dem Auto unterwegs ist. Deshalb werden die Weine dort vor allem in Flaschen statt in Kartons präsentiert.

«Der Discountkunde ist bereit, bis 15 Prozent mehr für ein nachhaltiges Produkt zu zahlen.»

Sie sagten einmal, Sie führten kein Bio, weil es zu teuer sei.
Habe ich das gesagt?

Ja. Jetzt haben Sie mit Enerbio ein EU-Bio-Label im Sortiment – wurde der Druck zu gross?
Wir wollen im ganzen Sortiment nachhaltige Produkte. Im Frischebereich arbeiten wir mit IP-Suisse zusammen, dem Käfer-Label. Und im Food sind die Enerbio-Produkte von Rossmann aus Deutschland eine ideale Ergänzung. Die rund fünfzig Artikel verkaufen sich extrem gut. Der Discountkunde ist bereit, bis 15 Prozent mehr für ein nachhaltiges Produkt zu zahlen.

Gleichzeitig verschwindet die Premiumlinie von Denner.
Ja, Primess haben wir zurückgezogen. Das hat bei uns zu wenig funktioniert. Wir setzen jetzt bewusst auf Frischprodukte.

Mehr Frische, aber immer noch günstig – sind die Kunden anspruchsvoller geworden?
Die Löhne sind in den letzten zehn Jahren in der Schweiz nicht wesentlich gestiegen, die Fixkosten wie Krankenkassenprämien hingegen schon. Besonders im Lebensmittelbereich spielt der Preis eine grosse Rolle. Gleichzeitig ist das Bewusstsein für gesunde und nachhaltig produzierte Lebensmittel gestiegen. Ja, der Kunde ist anspruchsvoller geworden.

Wie viel macht der Wein am Gesamtsortiment aus?
Der Anteil von Wein und Tabakwaren nimmt fortlaufend ab, ist aber immer noch ein bedeutender Teil am Umsatz von Denner.

Wie viel fehlt im Weinhandel noch, um Coop als Nummer eins abzulösen?
Auch wenn wir weiterhin eine positive Marktentwicklung haben, ist der Abstand zum Marktleader noch da.

Bei der Migros wird Denner unter dem Bereich Handel geführt. Ebenso wie Globus, Interio oder Depot, die Migros verkauft. Profitiert Denner davon, dass sich die Aufmerksamkeit momentan auf diese Geschäfte richtet?
Wenn ich die letzten zehn Jahre betrachte, dann hat sich für uns nichts geändert. Wir haben jetzt nicht mehr oder weniger Freiheiten als vorher.

Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?
Auch nach fast zehn Jahren als Chef von Denner macht mir der Job nach wie vor einen Riesenspass.

Erstellt: 14.12.2019, 07:07 Uhr

Über 500 Läden verschwunden

Immer mehr Detailhandelsgeschäfte verschwinden von der Bildfläche. Nach einer zwischenzeitlichen Entspannung überwiegen 2019 die Schliessungen wieder die Eröffnungen. Im zu Ende gehenden Jahr 2019 stehen in der ganzen Schweiz 2869 Schliessungen 2303 Gründungen gegenüber. In den drei Jahren davor waren jedoch jeweils etwas mehr neue Läden eröffnet als geschlossen worden. (sda)

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