In der Kürze lag die Würze

Die Verdoppelung der Textlänge für Tweets erscheint wie ein verzweifelter Versuch, die Nutzer stärker einzubinden.

Ein riesiges Twitterlogo hängt am Haupteingang der New Yorker Börse (2013). Bild: Reuters

Ein riesiges Twitterlogo hängt am Haupteingang der New Yorker Börse (2013). Bild: Reuters

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Das Internet lebt von einem inneren Widerspruch: Jede digitale Kommunikation wird wie in Stein gemeisselt abgespeichert, und dennoch unterliegt der Informationsaustausch einem ständigen Wandel. Google, Facebook, Snap, Instagram und andere Social-Media-Plattformen passen ihr Angebot regelmässig an und merzen Mängel aus. Doch keines dieser Unternehmen hat sein Konzept so stark verändert, wie Twitter das vorhat. Jack Dorsey gründete das Unternehmen mit der Absicht, eine Alternative zu Facebook und den Blogs zu bieten. Twitter sollte das aktuellste Onlineforum werden. Hier sollten sich die Nutzer schnell informieren und gegenseitig mobilisieren können, ohne vom Informationsmüll des Internets erdrückt zu werden. Der Start war vielversprechend. Twitter spielte beispielsweise bei den Volksaufständen 2011 in Ägypten eine so wichtige Rolle, dass das Regime die Plattform sperrte.

Die Würze lag in der Kürze. Die Begrenzung auf 140 Anschläge liess nur eine Idee, einen Gedanken, einen Aufruf zu. Mehr nicht. Twitter ist auch die effizientere Alternative zu Radio, Fernsehen und Presse. Die Plattform ist so etwas wie ein kollektiver Blog der am besten informierten Medienschaffenden. Brexit, die Wirbelstürme in Texas, die Brände in Kalifornien – diese Ereignisse waren auf Twitter schnell und konzis zu verfolgen. Keines dieser Ereignisse brauchte mehr als 140 Anschläge.

Trump bleibt Trump

Doch zur wachsenden Frustration von Jack Dorsey ist Twitter finanziell nicht die grosse Erfolgsgeschichte geworden. Zehn Jahre nach dem Start macht das Unternehmen noch immer keinen Profit, und die Aktien dümpeln vor sich hin. Die Plattform hat weltweit 330 Millionen Nutzer, siebenmal weniger als Facebook, und verliert in den USA an Boden. Was besonders frustrieren muss, ist der Trump-Effekt. Der Zwang zur Knappheit entsprach einem Mann mit einer Aufmerksamkeitsspanne von wenigen Sekunden, entlarvte aber auch seinen Charakter. Seine Wahl verschaffte Twitter in den USA vorübergehend etwas mehr Nutzer, aber nur für drei Monate. Das Trump-Spektakel zahlte sich finanziell nicht aus. Vielmehr machte Trump das Hauptproblem des Unternehmens – die passive Rolle der meisten Nutzer – noch grösser. Sie begaffen den Selbstdarsteller im Weissen Haus, geben aber zu wenig von sich selber preis, als dass sie für Werbung attraktiv würden.

«Das Problem von Twitter ist nicht die Zeichenzahl.»

Nicht die Zeichenzahl, sondern die «oft feindselige und anonyme Plattform» bremse Twitter, meinen Analysten. Dorsey suchte deshalb auch schon Käufer, doch Disney und Google winkten ab. Die Verdoppelung der Textlänge erscheint wie ein verzweifelter Versuch, die Nutzer stärker einzubinden. Die Stagnation in den USA zwingt Dorsey dazu, ins Ausland zu investieren – nicht zuletzt in den deutschsprachigen Raum. Die deutsche Sprache benötigt schliesslich mehr Worte als die englische, um den gleichen Inhalt zu vermitteln. Oder auch nicht, wie der bissige 280 Zeichen-Tweet der Münchner Polizei zeigt: «Nun können wir vom Niederflurförderfahrzeugführer berichten, der mit einer selbstfahrenden Arbeitsmaschine gegen den Betonstahlstangenbieger gefahren ist, nachdem er ohne den Fahrtrichtungsanzeiger zu betätigen links abgebogen war.»

Und Trump bleibt Trump. Auf seiner Asienreise hat er sofort auf längere Tweets umgeschaltet. Mehr Substanz oder kritische Eigensicht ist auch auf 280 Zeichen nicht zu sehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2017, 22:23 Uhr

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