In dieser Firma kommt Gott vor den Frauen

Das Unternehmen Abus wird nur von Sohn zu Sohn weitergegeben – aus religiösen Gründen. Jetzt wehrt sich eine Angehörige der Besitzerfamilie.

Abus-Schlösser kennt fast jeder, dass die Gründerfamilie der Brüderbewegung anhängt, einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft, ist weniger bekannt. Foto: Alamy

Abus-Schlösser kennt fast jeder, dass die Gründerfamilie der Brüderbewegung anhängt, einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft, ist weniger bekannt. Foto: Alamy

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Pumps sind unpraktische Schuhe, aber Andrea Bremicker ist das egal. Sie balanciert über den Kies in ihrer Einfahrt. Wenn es nach ihrer Familie ginge, würde sie wohl keine Pumps tragen, keine enge weisse Hose, keine Bluse mit Ausschnitt. Eigentlich trägt sie inzwischen den Nachnamen ihres Ehemannes, aber in der Zeitung möchte sie mit ihrem Mädchennamen genannt werden: Bremicker. Sie stammt aus einer streng christlichen Unternehmerfamilie, das hat ihr Leben bestimmt, das private, das berufliche. Das bestimmt es bis heute.

Das Unternehmen ihrer Familie ist die Abus August Bremicker Söhne KG, ein Weltmarktführer in der Sicherheitstechnik. Viele Menschen in Europa haben wohl ein Vorhängeschloss mit den vier dicken Buchstaben des Abus-Logos zu Hause. Die Gründerfamilie hängt der Brüderbewegung an, einer evangelikalen Glaubensgemeinschaft. Nach dem Gebot dieses Glaubens seien Erbverzichtsverträge für Frauen bei Abus seit Jahrzehnten üblich, sagt jemand, der die Firma sehr gut kennt.

Andrea Bremicker sieht das nicht ein. Die Ungerechtigkeit, die der christliche Dreiklang aus Kirche, Kinder, Küche für ihr Leben bedeutete, hat sie jahrzehntelang umgetrieben. Sie ist jetzt 62 Jahre alt und hat sich vorgenommen, dass sich etwas ändern soll. Sie lebt in der Schweiz, in einem Bauernhaus hoch oben an einem bewaldeten Hang. Vom Eingang aus sieht man den Neuenburgersee, das Wasser schimmert in der Morgensonne. «Sie haben doch keine Angst vor Hunden, oder?» Weil die Polizei im Notfall recht lang hierher braucht, kümmern sich Andrea Bremicker und ihr Mann selbst um ihre Sicherheit. Nicht mit Abus-Schlössern, sondern mit Alarmanlagen und drei muskulösen Hunden, Rhodesian Ridgebacks. In Südafrika werden mit ihnen Löwen gejagt.

«Ich wollte mich nie von der Familie lösen, aber von den negativen Einflüssen auf mein Leben schon.» Andrea Bremicker

Auf der windgeschützten Terrasse hinter dem Haus erzählt Andrea Bremicker, wogegen sie sich auflehnen will. Sie ist vorsichtig, spricht nie böse über ihre Familie. Um die geht es ihr nicht. Sondern um von Männern dominierte Strukturen, in denen Frauen sich unterordnen sollen, weil Gott es angeblich so will. «Ich wollte mich nie von der Familie lösen», sagt Bremicker, «aber von den negativen Einflüssen auf mein Leben schon.» Die zwei Ebenen lassen sich in einer konservativ-christlichen Welt kaum voneinander trennen, weil der Glaube alles unter sich vereint. Familie, Privatleben, Berufsleben.

Es fing an mit einem Termin

Dass die strenge Frömmigkeit für sie als Frau vor allem strenge Grenzen bedeutet, habe sie erst spät verstanden, sagt Bremicker, erst in den 80er-Jahren. Es fing an mit einem Termin am 25. Juni 1983. Der Vater hatte seine Kinder zu einem Treffen gebeten, drei Töchter, einen Sohn. Sie sollten einen «Familienvertrag» unterschreiben, so habe er es genannt. Gemeinsam hätten sie am Tisch einer Villa im deutschen Rheinland-Pfalz gesessen. Bremicker erinnert sich, dass ihnen der Vertrag vorgelesen worden sei. «Ich habe es zwar gehört, aber in dieser Situation nicht sofort verstanden, was das bedeutet», sagt sie, «wir hatten Vertrauen in unseren Vater.» Sie unterschrieb.

Es war ein Erbverzichtsvertrag, in dem stand: «Die Töchter scheiden im Falle des Todes ihrer Väter nach den Bedingungen des Gesellschaftsvertrages aus der Gesellschaft aus.» Fünf Jahre später starb der Vater, im Alter von 59 Jahren. In seinem Testament hatte er beschrieben, wie die Erbfolge aussehen soll: Sein Sohn sollte Unternehmensnachfolger sein, und der sollte wiederum seine Söhne bevorzugen. Alles offenbar gemäss dem Gesellschaftsvertrag.

Als Ausgleich bekam Andrea Bremicker damals 400'000 Mark, gebunden an einen Immobilienkauf. Das und ein Schenkungsversprechen über 225'000 Mark waren ihr Erbe. In den Jahrzehnten danach erhielt sie immer wieder zusätzliche Schenkungen, mal 5000 Mark, mal 50'000 Euro. Sie kamen meist direkt von der Abus KG, oft zu Weihnachten. Freiwillig und ohne Ansprüche, wie die Firmenchefs in Briefen betonten. Als ihre eigene kleine Firma Hilfe brauchte, stellte Bremickers Bruder den nötigen Betrag zur Verfügung. Über die Jahre kam so vielleicht eine Million Euro zusammen. Davon kann man gut leben, das sei ihr bewusst. Aber es reicht ihr nicht.

Wenn es in Unternehmerfamilien ums Erbe geht, geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Macht. Es klingt romantisch, den Besitz von Generation zu Generation zu mehren und weiterzugeben, dabei ist es einfach nur Kapitalismus. Wer Ungerechtigkeiten beseitigen will, tut das auch mit kapitalistischen Argumenten.

«Ich will einfach gleich behandelt werden wie meine männlichen Verwandten.»Andrea Bremicker

Andrea Bremicker sagt: Vergleiche sie ihr Erbe und die Zahlungen mit dem, was ihr Bruder und die anderen Gesellschafter an Geld und Einflussmöglichkeiten bekommen hätten, stünde das in keinem Verhältnis. Gerechtigkeit zwischen den Geschwistern bedeutet auch: Welche Rolle haben Töchter im Unternehmen? Sie durfte nie Gesellschafterin werden, und auch sonst steht im Handelsregister seit Jahrzehnten keine einzige Frau, die diese Rolle bei der Abus KG dauerhaft ausgeübt hat.

«Ich will einfach gleich behandelt werden wie meine männlichen Verwandten.» Und: «Es hat einen bitteren Beigeschmack, dass wir Frauen aus dem Unternehmen herausgehalten werden», sagt Andrea Bremicker. Sie appellierte immer wieder an die Firma, stritt mit der Mutter, den Geschwistern, den Geschäftsführern der Firma. Häufig habe sie gehört, sie solle sich nicht beschweren, sagt Bremicker. Schliesslich habe sie ja Geld bekommen.

«Töten heisst radikal ausreissen»

Die Gemeinde in Wetter an der Ruhr, der auch viele der Bremickers angehören, ist eine geschlossene Versammlung. Ein ehemaliges Mitglied erinnert sich, dass die Bibel immer wörtlich ausgelegt worden sei: «Es zählte immer zuerst, was in der Bibel steht, dann, was in den Gesetzen steht.» Moderne Medien seien lange als böser Einfluss gesehen worden. Er habe die Gemeinde schliesslich verlassen, weil seine Homosexualität nicht akzeptiert worden sei.

Zu diesen Erinnerungen passen Bibelkommentare, die Ernst-August Bremicker veröffentlichte – langjähriger Komplementär von Abus, also ein wichtiger Manager. Er schreibt in dem Text «Spannungsfeld Ehe – Fluch oder Segen», in der Bibel «verurteilt Gott gleichgeschlechtliche Liebe und damit auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Sie sind gegen Gottes Wort.» Zum Umgang mit einem Werteverfall empfiehlt er: «Wenn sich diese Dinge – Unreinigkeit, böse Lust, Gier, Lustbefriedigung – bei uns breitmachen wollen, dann müssen wir sie töten. Töten heisst radikal ausreissen, ihnen den Garaus machen. Mit solchen Dingen kann man nicht spielen, sondern da muss man radikal Schluss machen. TÖTET diese Glieder, sagt uns Gottes Wort.» Und in dem Text «Männer und Frauen nach Gottes Plan» schreibt er, die Frau müsse sich ihrem Mann unterordnen, komme was wolle: «So wie die Knechte nicht nur den guten und angenehmen Herren gehorchen sollten, gilt die Aufforderung der Unterordnung der Frau unabhängig von dem Charakter ihres Mannes.»

Das Familienunternehmen geniesst an der Ruhr einen guten Ruf: Abus-Hauptsitz in Wetter, Nordrhein-Westfalen. Foto: Getty

In Wetter an der Ruhr, am Rand des Ruhrgebietes, ist Abus als streng christliches Unternehmen bekannt – und hat einen sehr guten Ruf. Dort wurde das Unternehmen 1924 gegründet, dort hat es auch heute noch seine Zentrale. Es trotzte allen Krisen, wuchs sogar, und blieb trotzdem im Ort. Abus kooperierte mit der Sendung «Aktenzeichnen XY», sponsert Radrennteams und eine US-Basketballmannschaft. Die Eigentümerfamilie hält sich im Hintergrund. Sie wohnt meist in Häusern, die gross sind, aber nicht protzig.

«Notfalls gehe ich vor Gericht»

Abus-Gründer August Bremicker brachte das Unternehmen mit Erfindergeist, Fleiss und Sparsamkeit voran. Seine Bleistifte durften auch dann nicht ersetzt werden, wenn die Fingerkuppen beim Schreiben schon das Papier berührten, so geht die Legende. Seine Erben führten das Geschäft in diesem Geist weiter: zurückhaltend, sparsam, nur mit Eigenmitteln und ohne Kredite. Bisher geht die Strategie auf, Abus hat 3500 Mitarbeiter, arbeitet international und verkauft auch Überwachungsanlagen, Pfeffersprays und Velohelme. Das Vermögen der Eigentümerfamilie wird auf bis zu 300 Millionen Euro geschätzt, offizielle Angaben gibt es nicht.

Als Sprachschülerin stritt Andrea Bremicker mit ihrem Lehrer, warum man in der französischen Sprache eine gemischte Gruppe nur in der männlichen Form anspricht. Als Direktionssekretärin konnte sie ein paar Jahre später die Gehaltslisten ihres Arbeitgebers einsehen. «Ich regte mich fürchterlich darüber auf, dass die Männer für die gleiche Arbeit 600 Franken mehr bekamen als die Frauen», sagt Bremicker. Es war eine Zeit, in der ihr klar wurde, dass sie nicht mehr so leben wollte, wie ihre Familie es von ihr erwartet. Aber auf die Frage, ob sie sich als Feministin sehe, reagiert sie, als sei Feministin ein Schimpfwort. Sie wolle nur, dass für alle die gleichen Regeln gelten, sagt sie. Und: «Notfalls gehe ich vor Gericht.»

Erstellt: 16.07.2019, 20:22 Uhr

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