Reicher Unternehmer plant Privat-Uni in Schaffhausen

Ein russischstämmiger Singapurer will in der Munotstadt eine neue Hochschule gründen. Er verspricht, bis zu 100 Millionen ins Projekt zu investieren.

Unternehmer Serguei Beloussov sucht noch Partner für sein Uni-Projekt. Foto: Sabina Bobst

Unternehmer Serguei Beloussov sucht noch Partner für sein Uni-Projekt. Foto: Sabina Bobst

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Schaffhausen ist kein Ort der Wissenschaft. Die Stadt wird auch heute noch von der Schwerindustrie geprägt. Wer studieren will, fährt meist nach Zürich oder Winterthur. Ein Mann will das nun ändern: IT-Unternehmer Serguei Beloussov. Er hat in der Munotstadt kürzlich ein privates Hochschulprojekt mit dem klingenden Namen Schaffhausen ­Institute of Technology (SIT) ­lanciert.

2000 Studenten sollen bald auf einem eigenen Campus in Schaffhausen an 30 verschiedenen Lehrstühlen Computerwissenschaften, künstliche Intelligenz und Quantentechnologie studieren. Mehr als 2000 Stellen sollen so in der Stadt entstehen. An Partneruniversitäten des SIT in den USA und Singapur haben die ersten Studiengänge schon begonnen. Aufgebaut werden sie vom emeritierten ETH-Professor Bertrand Meyer.

Nobelpreisträger präsent

Beim offiziellen Start des Schaffhausen Institute of Technology vor wenigen Wochen überliess Beloussov nichts dem Zufall. ­Lokale Politgrössen kamen, hochrangige Wissenschaftler wie der Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle wurden eingeflogen und Schulklassen aus der Gegend eingeladen. Entsprechend gut kommt das Projekt in der Stadt denn auch an.

Auch der Kanton rollt dem Investor den roten Teppich aus, die Wirtschaftsförderung greift ihm tatkräftig unter die Arme. Die Region könne enorm von der Hochschule profitieren, findet Regierungsrat Christian Amsler.

Der 48-jährige Beloussov wurde in St. Petersburg geboren, als die Stadt noch Leningrad hiess. Der Sohn von Akademikern studierte in Moskau Physik und Elektrotechnik und doktorierte in Computertechnologie. 1995 verliess er seine Heimat in Richtung Singapur. Er heiratete seither mehrmals und hat sieben Kinder.

Neben dem Studium grün­dete er bereits in Russland mehrere IT-Unternehmen. Sein wichtigstes Investment ist heute die IT-Sicherheitsfirma Acronis, die seit 2007 ihren Sitz in Schaffhausen hat. Acronis setzt derzeit rund 250 Millionen Dollar um, beschäftigt rund 1500 Mitarbeiter und soll jährlich um 50 Prozent wachsen.

Mehr als reines Geschäft

Am Hauptsitz in Schaffhausen arbeiten rund 30 Mitarbeiter. Vor wenigen Monaten ist die US-Grossbank Goldman Sachs als Investor eingestiegen. Daneben führt Beloussov mit Runa Capital eine Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Kalifornien, die in Jungfirmen investiert. «Ich glaube an das Motto des Physikers David Deutsch: All evil is caused by insufficient knowledge», sagt Beloussov – was übersetzt so viel heisst wie: dass ­alles Übel durch unzureichendes Wissen verursacht wird.

Der Unternehmer ist bereit, in den kommenden Jahren rund 100 Millionen Franken in die neue Hochschule zu stecken. «Ich würde es begrüssen, wenn sich viele Partner daran beteiligen», sagt er. Doch das Projekt sei nicht auf die Unterstützung anderer angewiesen, im Zweifelsfall kommt das Geld von ihm. Immerhin: Der Kanton Schaffhausen hat drei Millionen Franken in Aussicht gestellt.

Die Hochschule soll später auf eigenen Beinen stehen. «Das SIT soll für die Ewigkeit existieren, ich werde das sicher nicht, daher soll sie auch ohne mich funktionieren können», sagt Beloussov. Die Hochschule will sich durch öffentliche Stellen prüfen lassen und strebt eine Akkreditierung in der Schweiz an.

«Für die Firma habe ich die Schweiz gewählt und nicht Irland oder die Niederlande. Dies aus dem Grund, weil die Schweiz neutral ist.» Serguei Beloussov, IT-Unternehmer

Ist seine Rolle in Schaffhausen mit jener des Investors Samih ­Sawiris in Andermatt vergleichbar? «Nein, die Ausgangslage ist eine völlig andere», antwortet Beloussev. «Sawiris entwickelt ein riesiges Tourismusprojekt, und wir fokussieren auf Wissenschaft. Ich habe das Glück, dass ich einfach die Forscher anziehen muss und sie sorgen dann für den Rest. Wir machen etwas, das über das reine Geschäft hinausgeht.»

Daher will er bald auch seine Firma von der Hochschule räumlich trennen, sie sollen in separaten Gebäuden in Schaffhausen untergebracht werden. «Ich plane, mich in absehbarer Zeit aus einer aktiven Rolle im Unternehmen zurückzuziehen und mich mehr um das SIT zu kümmern», kündigt Beloussov an.

Zuletzt hatte er bei Acronis aber viel zu tun. Die «Süddeutsche Zeitung» berichtete, dass Robert Schlegel als ranghoher Mitarbeiter beim IT-Security-Unternehmen arbeitet. Der Russe war einst Sprecher der nationalistischen Jugendorganisation Naschi, die Präsident Wladimir Putin unterstützte und sich mit Cyber-Angriffen auf die Websites anderer Staaten brüstete.

Untersuchung eingeleitet

Die Sache ist Beloussov unangenehm. «Wir haben eine private Firma angestellt, die eine Untersuchung zu Robert Schlegel durchführt», sagt er. Dieser habe keine wichtige Funktion bei Acronis inne. «Ich glaube nicht, dass er etwas Falsches getan hat. Er hat früher für die russische Regierung gearbeitet, das macht ihn noch nicht zum Kriminellen», ergänzt er. «Wir sind neutral, wir wollen nicht in die Streitigkeiten zwischen verschiedenen Staaten geraten. Wir wollen mit der Politik nichts zu tun haben», betont er. Beloussov stellt sich selbst daher bewusst als Singapurer vor, die Distanz zu Russland scheint ihm wichtig.

Es ist kein Geheimnis, dass Acronis wegen der tiefen Steuern in Schaffhausen ist. Doch hat der Standort für ihn auch andere Vorteile: «Für die Firma habe ich die Schweiz gewählt und nicht Irland oder die Niederlande. Dies aus dem Grund, weil die Schweiz neutral ist.»

Erstellt: 06.01.2020, 07:52 Uhr

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