Jahrelang bei der Swisscom, dann die Entlassung

Er hatte bereits die Pensionierung vor Augen. Dann wurde er entlassen – Michael X. erzählt, was das mit ihm machte.

Unter Druck: Ältere Angestellte haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer. Foto: MangoStar_Studio, iStock

Unter Druck: Ältere Angestellte haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer. Foto: MangoStar_Studio, iStock

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Die Zeitungsnotiz gehörte zu jener Sorte Nachrichten, die man zur Kenntnis nimmt und dann rasch wieder vergisst. Die Swisscom verschärfe den Spardruck und werde trotz Milliardengewinns weiter Jobs abbauen, war im Februar 2018 zu lesen. Rund 700 Angestellte seien betroffen, ob es zu Entlassungen komme, stehe noch nicht fest.

Er war betroffen, und er wurde entlassen. Michael X.* sitzt in einem Café in Bern und erinnert sich noch heute an jenen schicksalhaften Tag vor anderthalb Jahren, wie wenn er gestern gewesen wäre.

Das Mitarbeitergespräch stand an, nichts ahnend sprach er vor – und hatte schon nach ein paar Augenblicken die Klarheit, dass sein Leben fortan kopfstehen würde: Er erhielt ein Formular zur Unterschrift, das ihm den Wechsel in den Sozialplan vorschlug – zu gut Deutsch, die Kündigung.

«Es war ein Schock.» Michael X. nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er an diesen Moment zurückdenkt. Er habe nicht im Traum mit der Entlassung gerechnet, schliesslich habe er mit der Technologie Schritt gehalten. «Ich arbeitete stets an den neusten Themen.»

So schaffte er es nicht, den Empfang des verhängnisvollen Papiers umgehend zu bestätigen. «Ich war sprachlos, musste erst mal ein, zwei Runden ums Haus herum drehen.» Später am Tag war er froh über die Hilfe eines Arbeitskollegen, der in einer früheren Abbaurunde hatte gehen müssen. «Ich rief ihn an, wir spazierten stundenlang die Altstadtgassen auf und ab und redeten miteinander.» Das half.

Bis zur Pensionierung

Heute wirk Michael X. entspannt, der Schock ist längst überwunden. Obwohl er mit Riesenschritten auf die Pension zugeht und so in eine Alterskategorie fällt, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer hat – nicht von ungefähr wird der Ruf nach besserer Untersützung für ältere Stellensuchende immer lauter.

«Ich habe mich durch und durch mit der Swisscom identifiziert, da steckt man so etwas nicht einfach weg.»Michael X. schildert seine Reaktion auf die überraschende Entlassung.

Das Zauberwort heisst Worklink AG. Mit seinem Übertritt in den Sozialplan nimmt Michael X. automatisch die Dienste der Swisscom-Tochter in Anspruch, die vor bald zwanzig Jahren für Leute in seiner Situation gegründet wurde.

Sie garantiert ihm einerseits den halben bisherigen Lohn plus einen Zuschlag, der ihn auf 70 Prozent des gewohnten Einkommens kommen lässt. Andererseits verleiht sie ihn für Temporäreinsätze in Jobs, die seinem Wissen und Können entsprechen. Dann verdient er dank weiterer Zuschläge etwa gleich viel wie früher.

«Diese Regelung ist sehr komfortabel.» Michael X. gerät ins Schwärmen. Dank der garantierten 70 Prozent profitiere er von einer Art bedingungslosem Einkommen, sagt er. Um gleich anzufügen: Auf dieses Niveau sei sein Lohn gar nie gesunken. Er sei von Worklink nahtlos für einen Einsatz bei der Swisscom vermittelt worden. Und so, wie es aussehe, könne er bis zur Pensionierung bleiben.

Deshalb tritt Michael X., der im realen Leben völlig anders heisst, nicht mit richtigem Namen an die Öffentlichkeit. Zu gross ist der Respekt vor den Reaktionen des alten Arbeitgebers, der nun auch der neue ist.

Kein Zutritt mehr

Bei allem Lob sagt Michael X. klar, dass sein Leben auch nach dem ersten Schock nicht immer einfach war. Allein die Tatsache, dass er nach so vielen Jahren von seinem Arbeitgeber den Tritt bekam, machte ihm – und noch fast mehr seinem familiären Umfeld – arg zu schaffen.

«Ich habe mich durch und durch mit der Swisscom identifiziert, da steckt man so etwas nicht einfach weg.» Offen redet Michael X. jetzt davon, wie sehr sein Berufsstolz angekratzt war, davon auch, wie er sich plötzlich als Person infrage gestellt sah. Besonders zu Beginn plagten ihn solche Gedanken. Weil er nicht wusste, wie er reagieren würde, liess er sich krankschreiben. «Ich musste mich sammeln.»

Dazu kamen ganz praktische Sachen. Nicht genug damit, dass er sich plötzlich selber um Laptop und Smartphone kümmern musste, weil nur fest angestellte Swisscom-Leute diese Geräte zuguthaben.

Mit dem letzten Tag im ordentlichen Arbeitsverhältnis verlor er auch sämtliche IT-Zugänge sowie den Zutritts­badge. Den Badge bekam er nach einem längeren Prozedere zwar wieder zurück. Doch in den ersten Tagen als Temporärer war er immer auf einen Kollegen angewiesen, der ihn ins Büro liess. «Das war schlimm.»

Und da war noch die bohrende Frage, wieso es bei seinen Qualifikationen just ihn getroffen hatte. Ob er ein Opfer des wachsenden Drucks, der um sich greifenden Hire-and-Fire-Mentalität geworden war, wie er sie seit zehn Jahren erlebt hatte? Ob sich seine immer jüngeren Chefs lieber mit Gleichaltrigen umgaben und er zu alt geworden war? Eine abschliessende Antwort hat er bis heute nicht gefunden.

Folgen für die Rente

Bleiben die Folgen für die Rente. Die Swisscom bietet zwar wieder eine vergleichsweise komfortable Lösung an, indem sie weiterhin Arbeitgeberbeiträge in bisheriger Höhe in die Pensionskasse einzahlt.

Zudem schüttet sie eine AHV-Übergangsrente aus – nötig wird diese mit der vorzeitigen Pensionierung, und genau hier liegt der wunde Punkt: Weil der Einsatz bei Worklink auf drei Jahre beschränkt ist, wird Michael X. vor dem ordentlichen Termin in den Ruhestand treten. Dann fehlen ihm Beitragsjahre in der Pensionskasse, was eine tiefere Rente zur Folge hat.

Aber: Ihm sei es ja freigestellt, nach der Worklink-Zeit selbstständig Mandate anzunehmen. Dann verdiene er nicht nur etwas dazu, sondern äufne zusätzlich sein Rentenkapital.

*Name der Redaktion bekannt.

Erstellt: 18.09.2019, 16:53 Uhr

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«Überdurchschnittliche Leistungen» im Sozialplan

Die Swisscom stellte einen Mitarbeiter auf die Strasse, der mit grossen Schritten auf die Pensionierung zugeht. Nach der Entlassung beschäftigt sie ihn über Worklink nahtlos als Temporären weiter. Heute hat er gute Chancen, die ganzen drei Jahre bleiben und durchgängig mehr als den im Sozialplan garantierten Teillohn verdienen zu können (Text oben). Trotz aller Unsicherheit, die ein solcher Job mit nur einem Monat Kündigungsfrist mit sich bringt.

So erzählt Michael X. seine Geschichte, und sie wirft Fragen auf. Allem voran die: Wo bliebt bei einem solchen für den Betroffenen so schwierigen Wechsel überhaupt der Gewinn für den Konzern?

Antwort geben Sprecherin Sabrina Hubacher und Worklink-Chefin Erika Baumgartner. Die beiden erinnern an den rasanten technologischen Wandel, daran auch, dass der Bau von immer leistungsfähigeren Telekommunkationsnetzen sehr hohe Investitionen nach sich ziehe. Gleichzeitig führe der starke Druck der Konkurrenz zu einem harten Preiskampf, «wir bieten bei sinkenden Tarifen immer mehr Leistung».

In dieser Situation komme die Swisscom nicht darum herum, Stellen abzubauen. Dazu gebe es Verschiebungen, «einige Tätigkeitsfelder verschwinden, andere entstehen neu». Natürlich versuche man, über Umschulungen Kündigungen zu vermeiden.

Hubacher und Baumgartner betonen, dass die Geschichte von Michael X. eher die Ausnahme als die Regel ist. Die grosse Mehrheit der Leute, die ihre Stelle verlieren und in den Sozialplan übertreten, ist unter 55 Jahre alt und geht einen anderen Weg. Sie werden nicht über Worklink an temporäre Einsätze vermittelt, sondern treten in bis zu 25-monatige Programme über, in denen sie bei vollem Lohn eine neuen Stelle suchen können – und diese in der überwiegenden Mehrheit auch finden.

Im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld sei so viel Flexibilität nötig, betonen die beiden. Man versuche zwar stets, langfristig zu planen, trotzdem komme es regelmässig vor, dass unvermittelt ein Kunde wegfalle. Oder auch neu dazukomme, dann sei die Swisscom froh, rasch auf Temporärleute von Worklink zurückgreifen zu können.

Als 100-prozentige Tochtergesellschaft wird Worklink auch von der Swisscom finanziert. Auf die nochmalige Frage, wo nun im Fall von Michael X. der Gewinn für die Swisscom liege, verweisen die beiden nochmals auf die, wie sie betonen, «überdurchschnittlichen Leistungen des Sozialplans»: Dank ihm sei es möglich, Brücken in einen neuen Job oder in die Frühpensionierung zu bauen. «Die Swisscom kann auf den Markt reagieren, ohne die Betroffenen fallen zu lassen.»

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