Jamie Oliver hat sich die Finger verbrannt

Was im Fernsehen funktioniert, reicht nicht zwingend für die Systemgastronomie.

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Jamie Oliver hätte einen Orden verdient. Dank ihm wissen wir, wie man fast jedem Rezept mit genug Kräutern oder ein paar Spritzern Zitrone den richtigen Twist verleiht. Dass man einen Salat am besten von Hand mit der Sauce vermengt. Nicht zuletzt wie mit einem Mixer aus ein paar Zwiebeln und Tomaten eine hervorragende Basis für eine Currysauce entsteht. Und das alles hat er so anschaulich im TV vorgeführt, dass er damit vielen Laien in ganz Europa die Angst vor dem Kochen genommen hat. Auch dass er sich für besseres Kantinenessen in den britischen Schulen starkgemacht hat, für Saisonalität und für gute Tierhaltung, ist verdienstvoll.

Ein toller Koch, «unser» Jamie. Was er aber nicht beherrscht, so legt der Konkurs seiner Restaurantgruppe in England nahe, ist es, ein grosses Unternehmen zu leiten. Eines mit über 20 Filialen und über tausend Angestellten. Denn Systemgastronomie ist ein schnelllebiges Business.

Es reicht nicht mehr, eine Idee zu haben und die dann nur zu vervielfachen.

Gestern schrie die Kundschaft nach Pizza und Pasta, heute will sie Federkohl und Avocado-Smoothies. Da muss man reagieren – oder man ist weg. Kein Zufall, dass es in der Schweiz fast keine Mövenpick-Restaurants mehr gibt – in den Achtzigerjahren waren es ungezählte Betriebe, in denen Ueli Prager den Schweizern Rindstatar und Riz Casimir verkaufte. Kein Zufall auch, dass in Deutschland gerade die Vapiano-Gruppe arg am Wanken ist – es fehlen der Gastrogruppe 30 Millionen Euro, die Aktie hat in den letzten 12 Monaten drei Viertel ihres Wertes eingebüsst. Es reicht nicht mehr, eine Idee zu haben und die dann nur zu vervielfachen.

Nehmen wir McDonald’s in der Schweiz. Nur weil das Konzept beständig dem Kundenbedürfnis angepasst wird, gelingt es dem Konzern, den Umsatz jährlich im einstelligen Prozentbereich zu steigern: Will der Gast mehr Fleisch, macht man das Patty im Hamburger grösser. Will der Kunde mehr Grünzeug, bekommt er es. Sogar die Bedienung am Tisch hat man eingeführt – notabene: bei McDonald’s.

Jamie Oliver ist ein sympathischer Kerl, das Zeug zum Wirtschaftsboss hat er aber nicht. Sonst hätten wir uns wahrscheinlich von ihm auch nicht zeigen lassen, wie kochen geht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2019, 19:35 Uhr

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