Japans Wirtschaft im Dilemma zwischen Qualität und Loyalität

Die Treue von Mitarbeitern gegenüber Unternehmen geht in Japan oft sehr weit. Das führte bei Kobe Steel nun einmal mehr zu Problemen.

Erfüllte ein Produkt die Anforderungen des Kunden nicht, wurde es trotzdem für jene Daten zertifiziert, die der Kunde verlangt hatte, so ein Sprecher von Kobe Steel. Bild: Keystone

Erfüllte ein Produkt die Anforderungen des Kunden nicht, wurde es trotzdem für jene Daten zertifiziert, die der Kunde verlangt hatte, so ein Sprecher von Kobe Steel. Bild: Keystone

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Höchste Zuverlässigkeit und Präzision sind Qualitäten, die Japan von seiner Industrie erwartet. Das Schlagwort heisst «Monotsukuri». Übersetzt bedeutet das zwar bloss «Dinge machen», aber es ist zum Mantra der Überlegenheit geworden. «Wir Japaner sind ehrliche Handwerker, keine Händler», hört man oft – mit den Händlern sind implizit die Chinesen gemeint. Premier Shinzo Abe wirbt auf Auslandsreisen für japanische Kernkraft und Superschnellzüge. In seinen Reden unterscheidet er zwischen Qualitätsprodukten und solchen, die nicht in Japan hergestellt worden seien.

Nippons Wirtschaft erwartet von ihren Mitarbeitern absolute Loyalität. Es gilt als selbstverständlich, dass Arbeitnehmer auf ihren rechtmässigen Urlaub verzichten. Sie sollen auch keine Gehaltsforderungen stellen und buchstäblich schuften, bis sie tot umfallen. Das Japanische hat ein Wort dafür: «Karoshi». Wie jüngst bekannt wurde, musste eine 31-jährige Reporterin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens NHK in einem einzigen Monat 159 Stunden Überzeit leisten. Dann versagte ihr Herz.

Steigt der Konkurrenzdruck, oder sollen die Profite aus andern Gründen rücksichtslos maximiert werden, dann kann es zur Kollision zwischen den Qualitätsansprüchen und der Loyalität der Mitarbeiter kommen. Das zeigt der Endlosskandal um Toshiba.

Der einst stolze Weltkonzern liess in fast allen Abteilungen über Jahre die Profite aufblasen – unter anderem, um seine Verluste im AKW-Geschäft zu vertuschen. 26 Topmanager wussten Bescheid, sie machten mit und schwiegen. Aus ihrer Sicht verhielten sie sich so dem Unternehmen gegenüber loyal. Vielen von ihnen dürften die Bilanzfälschungen gar nicht befohlen worden sein; in solchen Fällen wird gern auf den in Japan hohen Gruppendruck hingewiesen.

Vorauseilender Gehorsam

Auch von «Groupthink» ist die Rede. Dieses «Gruppendenken», bei dem sich der Einzelne wider besseren Wissens der Gruppe fügt, wird für Japans Überfall auf Pearl Harbor 1941, für den Nationalsozialismus, für den Vietnamkrieg und neuerdings auch für Donald Trumps Wahl verantwortlich gemacht. Falls ein Machtzentrum erkennbar ist, spricht man auch von «Sontaku». In vielen Sprachen gibt es dafür keine wörtliche Übersetzung, im Deutschen schon: «vorauseilender Gehorsam».

Seit Sonntag strauchelt mit Kobe Steel die nächste japanische Industrie-Ikone. In drei Handelstagen ist ihr Börsenkurs um fast 40 Prozent eingebrochen, der Marktwert des Unternehmens um 1,5 Milliarden Euro. Das 1911 gegründete Stahlwerk hat am Sonntag zugegeben, über die Dauer von zehn Jahren Qualitätszertifikate von Metallen systematisch gefälscht zu haben.

Infografik: Jäher Absturz der Kobe Steel-Aktie Grafik vergrössern

Die Aluminium- und Kupferbleche, die es an etwa 200 Firmen verkaufte, waren im vergangenen Jahr in 4 Prozent aller Lieferungen weniger widerstandsfähig als behauptet. Erfüllte ein Blech die Anforderungen des Kunden nicht, wurde es trotzdem für jene Daten zertifiziert, die der Kunde verlangt hatte, so ein Sprecher von Kobe Steel. Zu den betroffenen Kunden gehören Toyota, Nissan, Honda, Subaru und Mitsubishi Aircraft, der Hersteller des Regionaljets MRJ. Und indirekt auch der US-Flugzeughersteller Boeing. Hitachi verwendete falsch zertifizierte Bleche von Kobe Steel für Züge, die es nach England exportierte. Auch in japanischen Shinkansen-Zügen wurden die Metallteile verbaut.

Es drohen Schadenersatzklagen

Mitsubishi beeilte sich, bekannt zu geben, sein Flugzeugwerk habe die Bleche für den MRJ nachgeprüft. Doch die Ermittlungen laufen noch. Japan Rail will die falsch zertifizierten Teile in den Shinkansen-Zügen bei den nächsten Routinekontrollen ersetzen. Als wäre das nicht dramatisch genug, kam gestern das nächste Geständnis. Und der nächste Aktiensturz: Womöglich sei auch bei Stahlprodukten betrogen worden, so Kobe Steel. Man untersuche das.

Kobe Steel bereitet sich nun auf Schadenersatzklagen und Rückrufe vor. Grösser als für Kobe Steel ist der Schaden dieses jüngsten Skandals für die japanische Wirtschaft insgesamt. Erst vorige Woche meldete Nissan den Rückruf von 1,2 Millionen Autos in Japan, ihre Qualitätskontrollen waren von Leuten durchgeführt worden, die dafür keine Lizenz hatten. Der inzwischen bankrotte Airbag-Hersteller Takata produzierte wissentlich jahrelang fehlerhafte Zünder. Weltweit müssen deshalb 100 Millionen Airbags ausgewechselt werden. Auch Takatas Ingenieure und Manager hatten Bescheid gewusst, aber geschwiegen. Die japanische Loyalität ist stärker als der Sinn für Qualität.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 23:14 Uhr

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