Lebensversicherung nur noch gegen Fitnessdaten

«Je länger die Menschen leben, desto mehr verdienen wir»: Versicherer wie die US-Firma John Hancock ködern profitable Kunden mit Bonusprogrammen.

Nicht hängen lassen: Ein 85-Jähriger Teilnehmer eines Parkour-Kurses in einem Park in London. (Archivbild)

Nicht hängen lassen: Ein 85-Jähriger Teilnehmer eines Parkour-Kurses in einem Park in London. (Archivbild) Bild: AP Photo/Lefteris Pitarakis/Keystone

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In der Theorie profitieren beide: Die Kunden, indem sie für gesunde Angewohnheiten belohnt werden; die Versicherer, indem sie mehr Prämien erhalten, wenn ihre Kunden länger leben. Darauf setzt nun die US-Firma John Hancock. Sie bietet nur noch Lebensversicherungen an, die auf Fitnessdaten basieren – aufgezeichnet von Trackern wie Fitbit oder Apple-Watch. Wer für die Versicherung seine Trink- und Essgewohnheiten und seine sportlichen Aktivitäten protokolliert und dabei bestimmte Ziele erreicht, kann seine Jahresprämie um bis zu 15 Prozent senken.

Ähnliche Anreize bietet auch die Schweizer Krankenkasse Helsana seit September 2017. Wer Mitglied in einem Verein ist, an einem Ernährungskurs teilnimmt, einen Pilateskurs besucht hat und zweimal pro Monat joggt, kann bis zu 75 Franken sparen. Für Kunden mit Zusatzversicherungen gibt es gar bis zu 300 Franken Belohnung. Auch wer pro Tag mehr als zehntausend Schritte macht, den Puls eine halbe Stunde über 110 pro Minute hochjagt oder in 30 Minuten 150 Kalorien verbrennt, erhält Prämien. Mittels einer App lassen sich Beweisfotos und Einzahlungsbelege sowie automatisch übermittelte Daten externer Fitness-Apps protokollieren.

Die Versicherer machen sich dabei zunutze, dass bestimmte Kunden ihre Privatsphäre bereitwillig gegen Belohnungen eintauschen. «Als Versicherer bekommen Sie so gesunde Menschen – die bereit sind, Ihnen all ihre Daten zu geben», sagt Katherine L. Milkman, Professorin für Verhaltensökonomie der «New York Times». «Die Ungesunden werden sich eine andere Versicherung suchen.» Wissenschaftliche Studien hätten gezeigt, dass gesunde Menschen sehr daran interessiert seien, an solchen Programmen teilzunehmen. So lassen sich die profitabelsten Kunden an Land ziehen.

«Je länger die Menschen leben, desto mehr Geld verdienen wir», sagt Brooks Tingle, Chef der Versicherung John Hancock. «Wenn wir unseren Kunden helfen können, etwas länger zu leben, ist das für uns als Unternehmen von grossem Vorteil.» Die Firma führte das Programm 2015 ein, 40 Prozent der Versicherten nehmen bisher daran teil. Noch könne man nicht sagen, ob sich das Modell wirtschaftlich auszahle, so Tingle. Bisher gesammelte Daten würden aber darauf hindeuten, dass Teilnehmer des Programms weltweit 13 bis 21 Jahre länger leben würden als der Rest der Versicherten.

«Privileg für Besserverdiener»

Kritiker greifen die Branche dafür an, dass sie so die profitabelsten Kunden auswählt, während die Tarife für diejenigen, die nicht teilnehmen wollen oder können, steigen. «Ich glaube, dass es funktioniert, ein gesundes Verhalten wirtschaftlich anzuregen», schreibt Jeremiah Lee, ein ehemaliger Angestellter des Fitnesstracker-Herstellers Fitbit, auf Twitter. Allerdings dürfe das nicht dazu führen, dass jemandem der Zugang zu einer Versicherung verwehrt werde. Die Technologie so zu verwenden, sei unethisch. Er habe bei Fitbit versucht, ein Verbot solcher Praktiken anzuregen – vergeblich.

Der Versicherte sei immer in der Pflicht, zu beweisen, dass er genug in seine Gesundheit investiere, kritisiert auch die Datenschutzaktivistin und Autorin Katharina Nocun. «Tut er das nicht, folgt die Strafe auf dem Fusse – in Form höherer Tarife oder dem Entzug von Bonusleistungen.» Das Grundrecht auf Privatsphäre würde damit zu einem Privileg für Besserverdiener, schreibt sie. «Geringverdiener und Familien mit knappem Budget wären schlichtweg gezwungen, die permanente Überwachung ihres Körpers in Kauf zu nehmen.»

IT-Experten haben auch Bedenken betreffend der Sicherheit und der Glaubwürdigkeit der geteilten Daten. «Smarte Geräte haben keinen guten Ruf, was die Sicherheit angeht. Was hindert jemanden daran, das Gerät zu missbrauchen und billigere Prämien auf Kosten anderer zu erhalten?», sagt Chris Boyd, Sicherheitsspezialist beim Virenschutzanbieter Malware Bytes. «Oder noch schlimmer, was, wenn jemand ohne Ihr Wissen Ihr Gerät missbraucht – vor allem, wenn die Daten für eine Vielzahl von Diensten verwendet werden können.»

Die Technologie sei relativ ausgereift und daher für den Endnutzer unbedenklich, sagt dagegen Sean Sullivan, IT-Sicherheitsberater bei der finnischen Firma F-Secure. Ob jemand seinen Tracker dem sportlichen Kollegen weitergibt, lässt sich unter anderem über die Erholungsraten beim Puls überprüfen – daran kann man Menschen unterscheiden. «Jeder, der motiviert ist, seine Prämien zu senken, sollte in der Lage sein, die erzeugten Daten zu verwalten», sagt er. Theoretisch könne man solche Daten missbrauchen, praktisch sei das eher unwahrscheinlich. Kriminelle zielten auf Finanzdaten. Ein solches Programm sei zudem möglicherweise die beste Art, wie Menschen von ihren Daten profitieren könnten.

Helsana sammelt weiter

In der Schweiz rügte der Datenschutzbeauftragte die Helsana und empfahl, die Übermittlung von Kundendaten im Rahmen des Bonusprogramms zu unterlassen. Es gebe dafür keine rechtliche Grundlage.

Scharfe Kritik am 2017 eingeführten Programm übten auch sieben Organisationen für Konsumentenschutz. Sie haben einen offenen Brief an Gesundheitsminister Alain Berset geschrieben: «Solche Prämienrabatte untergraben das Solidaritätsprinzip der Grundversicherung.» Kranke, Behinderte, Unsportliche sowie technisch nicht versierte Personen könnten keine sportlichen Aktivitäten nachweisen und würden diskriminiert. Das gelte auch für Menschen, die hohen Wert auf Privatsphäre und Datenschutz legten.

Die Krankenversicherung argumentiert, wer an der App teilnehme, habe sich mit dem Datensammeln einverstanden erklärt. Diese Einwilligung jedes Einzelnen sei «eine ausreichende rechtliche Grundlage». Helsana kondensiere ausserdem die Angaben nicht zu Risikoprofilen, die Angestellten des Bereichs Neuabschlüsse hätten «keinen Zugriff auf diese Daten».

Erstellt: 21.09.2018, 19:44 Uhr

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