Warum Amazon zu mächtig wird

Jeff Bezos Konzern kontrolliert 43 Prozent des Onlinehandels in den USA – und soll weiter wachsen. Wann greifen die Wettbewerbshüter ein?

Ihm scheint fast alles zu gelingen: Jeff Bezos, Chef der Internetkonzerns Amazon. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

Ihm scheint fast alles zu gelingen: Jeff Bezos, Chef der Internetkonzerns Amazon. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

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Keiner der US-Techkonzerne ist in den letzten zehn Jahren mächtiger geworden als Amazon. Jeff Bezos hat ein weltweites Logistik-Netzwerk und eine ebenso führende Marketingplattform erschaffen. Er ist für hunderte von Firmen und die CIA als Anbieter der Internet-Cloud unentbehrlich geworden. Er kontrolliert 43 Prozent des Online-Handels in den USA. Er ist der grösste Verkäufer von Kleidern und bald auch von Schuhen. Er produziert preisgekrönte Filme und Fernsehserien. Er hat das Geschäft mit E-Büchern monopolisiert. Sein Internet-Umsatz ist grösser als jener der zehn nächsten Händler. 2018 will Bezos auch den australischen Markt erobern. Zuvor will er in den USA noch Whole Foods übernehmen, die grösste Ladenkette für biologische Lebensmittel. Der Coup ist typisch Bezos: Whole Foods sichert seine Basis von jüngeren, gut verdienenden Kunden ab und verstärkt das urbanes Vertriebsnetz, das er in Zukunft mit Drohnen und selbstfahrenden Autos auch betreiben will.

Was fehlt, ist die Einwilligung der Wettbewerbsbehörden. Sie liessen Bezos in seinem Expansionsdrang genau so in Ruhe, wie sie zu den monopolistischen Entwicklungen bei Google und Facebook geschwiegen haben. Bisher haben nur die Kartellwächter in Europa den amerikanischen Kolossen den Stirn geboten und damit die öffentliche Debatte ermöglicht, die in den USA lange vermieden wurde. Nicht mehr länger allerdings: Die Übernahme von Whole Foods hat zum ersten Mal eine Debatte um die Marktmacht von Amazon ausgelöst und die Grenzen der neuen Hightech-Monopole angedeutet.

«Jeff Bezos hat mit der Regierung einen Feind bekommen»

Die Investmentbank Goldman Sachs warnte im Juni ihre Kunden vor dem Risiken eines Eingriffs der Wettbewerbshüter gegen Amazon und bezeichnet den Aktienpreis den Konzerns als gefährlich hoch. Dieser Tage doppelte Hedgefonds-Manager Doug Kass nach. Die Übernahme von Whole Foods werde die Wettbewerbsbehörden wachrütteln, so Kass. «Jeff Bezos hat mit der Regierung einen Feind bekommen, da er neben Amazon auch die Washington Post besitzt, die Trump gegenüber nicht günstig gesinnt ist».

Auch im Kongress regt sich Kritik. Der demokratische Abgeordnete David Cicilline verlangt eine Anhörung durch die Rechtskommission. Bezos soll Auskunft geben, ob er mit seiner Expansion in mehr und mehr Märkte „zum allgemeinen Lohndruck und zur wachsenden Chancenungleichheit im Arbeitsmarkt“ beiträgt. Jonathan Taplin, Ex-Direktor des Annenberg Innovation Lab der Universität von Südkalifornien, befürchtet, dass Amazon zusammen mit Google und Facebook die Innovationswelle der künstlichen Intelligenz total dominieren wollen und heute von den Behörden zurückgebunden werden müssen.

Monopole behindern Innovation

Ein solcher Eingriff wäre weder ungewöhnlich noch schädlich. Im Gegenteil: Die Geschichte des Silicon Valley lehrt, dass die technologischen Revolution der letzten 50 Jahre ohne Wettbewerbshüter kaum möglich gewesen wäre. Dreimal seit 1956 schritt der Staat ein, brach Monopole auf und beflügelte den Wettbewerb. 1956 gab der Telekomriese AT&T unter dem Druck der Kartellbehörden sämtliche Patente seiner berühmten Bell Laboratorien zur Lizenzierung frei. Diese Patente der Transistoren- und Lasertechnik sowie für Solar- und Satellitenzellen setzten eine immense Innovationswelle in Gang und führten zur Gründung von Higtechfirmen wie Motorola, Intel, Fairchild und Texas Instruments.

In den 1970er Jahren ging das Justizministerium gegen das Monopol des Computerriesen IBM vor. Der Prozess dauerte 13 Jahre, und obwohl sich die Regierung nicht ganz durchsetzen konnte, willigte IBM in einen Vergleich ein. Big Blue glaubte sich auf der sicheren Seite und setzte voll auf die Hardware des Computergeschäfts. Das erlaubte anderen Firmen, die Software für die IBM-Rechner herzustellen. Zwei junge Unternehmer in Seattle, Bill Gates und Paul Allen, nutzten diese Chance und bauten mit Microsoft ein weiteres Beinahe-Monopol auf, das vor allem in Europa unter Druck geraten sollte. Für einmal wurden aber auch die US-Kartellhüter aktiv. Microsoft beharrte darauf, dass die Windows-Kunden nur den eigenen Internet-Browser Explorer benutzen sollten. Die Regierung sah darin einen Machtmissbrauch und erzwang die Trennung von Software und Browser. Und auch dieser Eingriff war ein Erfolg: Er ebnete den Weg für Google.

Die Erfahrung zeigt: Wenn die Wettbewerbsbehörde gegen einen Koloss wie Amazon vorgeht, so markiert das keine Absage an den Erfindungsgeist eines Jeff Bezos. Sie öffnet vielmehr die Tür für Konkurrenten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2017, 21:57 Uhr

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