Jeffrey Webb soll gegen seine Fifa-Kollegen aussagen

Die US-Justiz hat den Vertrauten von Sepp Blatter unter Hausarrest gestellt.

Von Jeffrey Webb (rechts) erwarten die Ermittler auch Belastendes über Sepp Blatter. Foto: David Leah (AFP)

Von Jeffrey Webb (rechts) erwarten die Ermittler auch Belastendes über Sepp Blatter. Foto: David Leah (AFP)

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Der 50-jährige Jeffrey Webb ist der erste der sieben verhafteten Fifa-Topfunktionäre, die sich in den USA vor Gericht verantworten. Er plädierte am Wochenende auf unschuldig, doch gewährte ihm ein Richter einen Prozessaufschub. Dies deutet darauf hin, dass Webb einen Deal mit der Justiz erwägt, um für seine Kooperation ein milderes Strafmass zu bekommen.

Gleichzeitig haben namhafte Sponsoren in den USA den Druck auf die Fifa-Spitze erhöht, eine unabhängige Reformkommission zu bilden, möglicherweise unter Führung des früheren UNO-Generalsekretärs Kofi Annan. Der Führungsausschuss tritt heute in Zürich zusammen, um einen Termin für die Nachfolge von Sepp Blatter zu bestimmen. Bereits zeichnet sich das nächste Hickhack ab. Blatter hofft offenbar, erst im Frühling 2016 abtreten zu können. Doch Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fussballbundes, beharrt auf dem Wahltermin im Dezember und darauf, dass die Reformen ohne Blatter vorangetrieben werden.

Rund um die Uhr kontrolliert

Der 50-jährige Webb erschien am Samstag am Bezirksgericht in Brooklyn, wo die Fäden im Fall Fifa zusammenlaufen. Auf Geheiss der Anklage deponierte er seine Reisepässe und hinterlegte eine Kaution von 10 Millionen Dollar, die unter anderem von seiner Ehefrau und seinen Eltern abgesichert wird. Als Pfand dienen zehn Immobilien, drei Autos, Uhren, Juwelen sowie ein Vermögenskonto.

Der frühere Banker auf den Cayman Islands ging einen komplexen Deal ein, beharrte aber auf seiner Unschuld. Demnach darf er sich bis zum Prozessbeginn nicht weiter als 32 Kilometer vom Gericht in Brooklyn entfernen. Ihm wird eine elektronische Fussfessel angelegt. Er muss sich rund um die Uhr von einer privaten Wachgesellschaft kontrollieren lassen. Die Bundespolizei FBI muss zustimmen, wenn er sein Wohnhaus verlassen will.

Bis zu 20 Jahre Haft

Webb hat sich als Einziger der sieben verhafteten Fifa-Funktionäre mit der Auslieferung an die USA einverstanden erklärt. Er hat das Recht auf einen beschleunigten Prozess, doch unterschrieb Richter Raymond Dearie am Samstag einen Antrag für einen Aufschub um 30 Tage. Die Strafprozessbehörden wählen diese Taktik üblicherweise, um einen Angeklagten zur Kooperation zu bringen. Ob es ihnen mithilfe Webbs gelingt, das vermutete Korruptionsgeflecht noch weiter aufzudecken, ist offen. Sollte Webb schuldig gesprochen werden, droht ihm wie den anderen Angeklagten eine Haft von bis zu 20 Jahren. Seine Kooperation könnte eine stark reduzierte Strafe auslösen.

Die Anklage gegen den früheren Chef des Regionalverbandes von Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik (Concacaf) lautet auf Bestechlichkeit: Er soll unter anderem die Rechte am inneramerikanischen Gold Cup 2012 für 1,1 Millionen Dollar an eine Marketingfirma in ­Miami «vergeben» haben. Die Bestechungsgelder flossen gemäss der Klageschrift über mehrere Tarnkonten und wurden auch bei einer Baufirma deponiert, die einen Swimmingpool in einem der Häuser von Webb installierte. Webb wurde nach der Anklage im Mai seines Amtes enthoben.

Auch sein Vorgänger an der Spitze der Concacaf, Jack Warner, musste sich in den USA verantworten. Auch er plädiert auf unschuldig.

Je länger sich der Korruptionsskandal hinzieht, desto geringer ist die Nachsicht der Sponsoren. In einem Brief an die International Trade Union Confederation beklagte sich jüngst der Getränkemulti Coca-Cola über den fehlenden Reformwillen der Fifa. «Wir glauben, dass das Einberufen einer unabhängigen Kommission der beste Weg für die Fifa ist, um den Reformprozess voranzubringen und das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen.» Auch McDonald’s will externe Reformfiguren, scheint aber mit der Forderung bisher nicht vorangekommen zu sein. Einige Sponsoren sollen bereits Kofi Annan als Reformfigur im Auge haben.

Eine eigenartige Aussage

Druck machte auch der US-Senat. Er wollte letzte Woche Sepp Blatter befragen, doch dieser sagte ab. Er hätte bei seiner Einreise in die USA mutmasslich seine Verhaftung riskiert. Stattdessen nahm der Senat den Präsidenten des Nationalverbandes U.S. Soccer, Dan Flynn, in die Mangel. Flynn machte einen überforderten Eindruck und liess sogar durchblicken, dass die USA nicht anders spielen könnten, als die Fifa diktiere.

Auf diese eigenartige Aussage hatte Senator Richard Blumenthal, ein früherer Generalstaatsanwalt, nur gewartet. «Stillschweigen und Untätigkeit heissen Komplizenschaft», sagte Blumenthal. Die Senatoren kamen zum Schluss, dass die Fifa nach dem Muster des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) saniert werden sollte. Das Chaos rund um die Winterspiele 1998 setzte damals eine Untersuchung im Senat sowie eine Reformkommission in Gang, die dem IOK aus der Krise halfen.

Erstellt: 19.07.2015, 22:03 Uhr

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