Jetzt muss Sommaruga zeigen, was sie kann

Andreas Meyer hinterlässt eine SBB, die saniert werden muss. Das wird teuer.

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Den Abgang hat sich Andreas Meyer wohl schöner vorgestellt. Statt mit dem Gotthardtunnel und glänzenden neuen Zügen, deren Sitzplätze über eine coole App gebucht werden können, wird er assoziiert mit überfüllten Zügen, verbogenen Gleisen, häufigen Störungen und ebenso häufigen Verspätungen und vor allem dem Debakel bei der Beschaffung des neuen Bombardier FV-Dosto, dem «Schüttelzug». Hinzu kommen feh­lende Fachleute für den Unterhalt, fehlende Lokführer und ein überhöhter Lohn für Meyer selbst.

Das alles führte zu steigender Unzufriedenheit beim Volk, der Politik und beim Personal. Der tödliche Unfall des Chef-Zugbegleiters in Baden vor einem Monat war der tragische Kul­minationspunkt beim Schweizer Vorzeigeunternehmen, das in höchstem Masse für Sicherheit und Zuverlässigkeit steht, aber seit längerem im Krisenmodus unterwegs ist.

Meyers Abgang symbolisiert aber nicht nur den Niedergang der Staatsbahnen in den letzten Jahren, sondern auch das Ende des Systems «Doris Leuthard». Die beliebte Alt-Bundes­rätin hat es über Jahre geschafft, die grossen Bundesbetriebe aus den Schlagzeilen zu halten und sie gleichzeitig profitabel erscheinen zu lassen.

Bei den SBB wie auch bei der Post zeigte sich bereits gegen Ende ihrer Amtszeit, dass das eine Illusion war. Die Gewinne der Post beruhten zu einem Teil auf Subventionsbetrug. Gerade letzten Sonntag wurde bekannt, dass der Kreis der Angeklagten nochmals ausgeweitet wurde und der Postbetrieb ohne Hilfe aus der Politik in absehbarer Zeit defizitär wird.

Ein Nachfolger aus der Welt der Bahnen

Meyers Gewinne, die seinen umstrit­tenen Bonus bestimmten, waren nie echt, denn die SBB werden jährlich mit Milliarden subventioniert. Dafür kann er nichts, so funktioniert das System des «New Public Management», das dahintersteckt und überall versagt hat. Wofür Meyer verantwortlich ist, das ist die immer offensichtlicher werdende Vernach­lässigung der Infrastruktur.

Sowohl bei den Schienen als auch beim Rollmaterial rächen sich heute die schönen Gewinnausweise der letzten Jahre. Sie führen zu Unfällen, überfüllten Zügen und zu Unzuverlässigkeit. Dass Meyer dies auch nach dem Unfall in Baden immer wieder abgestritten und beschönigt hat, aber während Wochen Tag für Tag neue Details und Pannen ans Licht kamen, hat seine Glaubwürdigkeit zerstört.

Es braucht bei den SBB rasch jemanden, der sagen kann, wie das Lieblingsunternehmen der Schweizer endlich aus dem Krisenmodus kommt.

Nun ist es an Leuthards Nachfolgerin Simonetta Sommaruga (SP) und Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar, eine neue Führungsperson für die SBB zu finden. Zu hoffen ist, dass es jemand aus der Welt der Bahnen ist, der die Problematik der SBB kennt und richtig einschätzen kann.

Zu hoffen ist auch, dass die Ablösung schneller geht als vorgesehen. Denn es braucht bei den SBB rasch jemanden, der sagen kann, wie das Lieblingsunternehmen der Schweizer endlich aus dem Krisenmodus kommt. Das kann teuer werden, denn neue Züge und die Erneuerung der Schienen kosten schnell Hunderte von Millionen. Das braucht es, aber das kann Meyer nicht mehr durchsetzen.

Wenn bei der Post die Rechtsfälle und bei den SBB das Personalproblem geregelt sind, dann wartet bereits eine andere Leuthard-Hinterlassenschaft auf Verkehrsministerin Sommaruga, die noch viel teurer und unangenehmer wird als Post und SBB zusammen: die Energiestrategie. Hier hat Leuthard eine vage, sympathische Strategie zum Ausstieg aus der Atomenergie hinterlassen.

Sommaruga muss daraus einen Plan erarbeiten, der unpopulär sein wird. Wo werden die Wasserkraftwerke, die Solarpanels und die Windräder hingestellt, die keiner will, die es aber braucht, um die AKW zu ersetzen? Setzen wir auch auf Geothermie, die schon Erd­beben ausgelöst hat? Wer zahlt die Milliarden, die das kostet? Das wird für viel Ärger sorgen, ist aber nötig, wenn wir den CO2 begrenzen wollen. Kurz: Sommaruga hat Anfang Jahr von Leuthard ihr Wunschdepartement geerbt, doch nun muss sie zeigen, was sie kann.

Erstellt: 04.09.2019, 23:28 Uhr

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