Kann ich Frankreich-Ferien annullieren?

Das Attentat von Nizza just zu Beginn der Sommerferien verunsichert viele Frankreich-Reisende. Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um Reisen ins Nachbarland.

Strand von Nizza: Ferien in Frankreich sind bei Schweizern beliebt.

Strand von Nizza: Ferien in Frankreich sind bei Schweizern beliebt. Bild: Paul Pelissier/Reuters

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1. Ist Frankreich für die Schweizer überhaupt ein wichtiges Reiseland? Lange Zeit war das westliche Nachbarland das beliebteste Reiseziel der Schweizer im Ausland. Inzwischen haben Deutschland und Italien Frankreich zwar überholt. Mit rund zwei Millionen Reisen jährlich gehören Paris, Burgund, Provence und Co. aber weiterhin zu den absoluten Lieblingsorten. Fast jede siebte Auslandsreise mit Übernachtung der Bewohner zwischen Genf und Rorschach geht nach Frankreich.

2. Wie gefährlich ist denn die Lage in Frankreich für Touristen? Frankreich steht nach Angaben der Regierung in Paris als Ziel weit oben auf der Liste der islamistischen Terrornetzwerke. Dennoch ist das Land für Reisende sicher. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten hat keine Warnung ausgesprochen, wie es das für andere Länder getan hat. Bei den beliebten Badedestinationen Türkei oder Ägypten etwa erklärt es: «Trotz erhöhter Sicherheitsmassnahmen besteht das Risiko von Terroranschlägen jederzeit im ganzen Land.» So schlimm die Attacken sind, die Chance, auf der Hinreise zu sterben, ist deutlich grösser als bei einem Terrorakt. Durch die Anschläge auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» im Januar 2015, in Paris vom vergangenen November und nun in Nizza sind rund 230 Menschen gestorben. Auf Frankreichs Strassen sterben dagegen jährlich rund 3500 Menschen.

3. Ich habe Frankreich-Ferien gebucht. Kann ich jetzt noch absagen? Für ein generelles Recht auf Umbuchung muss die Gefahr imminent sein. Das ist hier nicht der Fall. Reisebüros stützen sich bei ihrer Stornierungs-Politik meistens auf die Warnungen des EDA ab. Frankreich-Ferien können deshalb nicht kostenlos umgebucht werden. Wer jedoch nach Nizza reisen wollte, hat Glück. Hier zeigen sich viele Anbieter kulant. «Allen unseren Kunden, die planen, bis Ende nächster Woche nach Nizza zu reisen, bieten wir an, kostenlos umzubuchen oder zu annullieren», sagt Sprecher Marcel Schlatter von Kuoni Reisen. Gleich verhält sich Hotelplan Suisse. «Wir bieten für Nizza-Aufenthalte mit Abreisen bis und mit 31. Juli 2016 kostenlose Umbuchung oder Stornierung an», so Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir. Gleich hält es Tui Suisse.

4. Ist es vernünftig, nun nicht nach Frankreich zu reisen? Das ist ein individueller Entscheid, der jeder für sich fällen muss. Der britische Sicherheitsexperte Simon Bennett von der University of Leicester hat aber eine klare Meinung. «Jeder sollte weitermachen wie bis anhin. Sobald wir wegen des Terrors beginnen, unsere Pläne zu ändern, unsere Art zu leben anpassen, haben der IS oder al-Qaida gewonnen», so der Professor. Die Täter wollten genau erreichen, dass wir unser Leben nicht mehr so leben können wie bisher. «Sie hassen Freiheit. Sie wollen, dass wir Angst haben und Beschränkungen unterliegen», so Bennett.

5. Bislang zielten Attentate oft auf Flughäfen, nun auch auf andere touristische Orte. Ist man als Reisender nun nirgends mehr sicher? In der Tat wurden in den letzten Monaten mit den Anschlägen auf die Flughäfen von Brüssel und Istanbul sowie auf das russische Flugzeug in Ägypten aviatische Ziele besonders oft angegriffen. Daraufhin wurden die Sicherheitsmassnahmen verschärft. Doch genau das birgt ein Problem. «Sobald man ein Ziel mehr sichert, verlagern sich Terroristen auf andere Ziele, die weniger gesichert sind», so Bennett. Deshalb davon zu sprechen, dass man nirgends mehr sicher ist, wäre aber falsch. Die Zahl der Opfer ist noch immer sehr klein.

6. Spürt das der Tourismus in Frankreich? Frankreich ist die grösste Tourismusdestination der Welt. Vergangenes Jahr bereisten 84,5 Millionen Menschen das Land. Sie gaben 85 Milliarden Euro aus. Der Anteil der Tourismusbranche am Bruttoinlandprodukt beträgt 7 Prozent. Lange halten die negativen Effekte von Terrorangriffen auf die Buchungszahlen normalerweise aber nicht an. Schon nach drei Monaten haben sich etwa die Passagierzahlen in Paris erholt. «Ein einmaliges Ereignis ist unproblematisch», erklärt Tourismusprofessor Christian Laesser von der Uni St. Gallen. Erst wenn sich Angriffe auf gewisse Ziele und Gebiete wiederholten, habe das nachhaltig Folgen.

Erstellt: 15.07.2016, 15:44 Uhr

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