Zum Hauptinhalt springen

Kein wahrer Held des Kapitalismus

Daniel Vasella enttäuscht bei seinem Abgang nicht nur bekannte Feinde, sondern auch seine Freunde.

Philipp Löpfe

Eigentlich müsste sich Daniel Vasella fühlen wie ein Held in einem Roman der russisch-amerikanischen Autorin Ayn Rand (1905–1982). Dort sind Unternehmer heldenhafte Menschen, die unerschrocken gegen korrupte Politiker, faule Gewerkschafter, heuchlerische Philosophen und schmierige Journalisten ankämpfen. Sie werden vom Mob gejagt, von den Medien verleumdet und selbst von der eigenen Mutter, Ehefrau und vom Bruder verunglimpft. Trotzdem lassen sie nicht von ihren Prinzipien ab, die da lauten: Geld und Reichtum sind gut, weil es nur diejenigen verdienen, die auch Dinge produzieren. Barmherzigkeit und soziales Mitgefühl sind schlecht, weil sie heuchlerisch sind und bloss Unfähigkeit übertünchen.

Ihren berühmtesten Roman «Atlas Shrugged» hat Ayn Rand 1957 veröffentlicht, zu einem Zeitpunkt also, in dem der Kalte Krieg am kältesten war. Wie George Orwell mit «1984» oder Aldous Huxley mit «Schöne neue Welt» wollte sie damit vor einer Zukunft mit einem totalitären Regime warnen. Doch die Welt hat sich anders entwickelt, als von Rand befürchtet: Die Gewerkschaften werden in der digitalen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts immer unbedeutender, Regierungen spielen die zweite Geige, die Macht liegt bei den multinationalen Konzernen und ihren Managern. In einer globalisierten Weltwirtschaft können sie Löhne und Steuern fast nach Belieben drücken.

Daniel Vasella ist anderer Meinung. In seiner Eröffnungsrede zur Novartis-Generalversammlung betete er das gesamte Repertoire der Manager-Ängste herunter: Die Laien verstehen das komplexe Geschäft eines multinationalen Konzerns nicht, die Regierung droht es mit zu viel Regulierung abzuwürgen, der internationale Wettbewerb ist unerbittlich, die von leeren Staatskassen gebeutelten Nachbarstaaten blasen zum Sturm auf die Schweiz und die EU setzt in Sachen Bankgeheimnis die Daumenschrauben an. Der Kommunismus mag besiegt sein, was solls. Unternehmer und Topmanager bleiben weiterhin die Opfer, unverstanden und verfolgt wie eh und je. Ach ja, ganz kurz kam Vasella auch auf seine 72-Millionen-Abfindung zu sprechen. Der Vertrag sei ein Fehler gewesen, räumte er ein. Und fügte umgehend hinzu: «Der zweite Fehler war, zu glauben, dass der Verzicht auf eine Zahlung für gemeinnützige Institutionen gesellschaftlich betrachtet etwas Positives sei.» Eine Entschuldigung hielt er nicht für angebracht.

In der Fiktion von Ayn Rand ziehen sich die frustrierten Unternehmer auf eine Ranch in den Rocky Mountains zurück. Dort warten sie mit Gleichgesinnten auf den Untergang der bestehenden Unordnung. Dieses Privileg wird Daniel Vasella nicht haben. Er hat keine Gleichgesinnten mehr, denn schliesslich ist er unter dem Druck des Mobs und der Medien eingeknickt und hat auf seine Abfindung verzichtet. Das werden ihm die wahren Helden des Kapitalismus nicht verzeihen. Niemals.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch