Keine Einigkeit unter Onkologen

Nicht alle Experten teilen die Befunde des obersten Onkologen am Unispital Zürich.

Hoher administrativer Aufwand: Ärzte müssen für Medikamente bei den Krankenkassen Kostenzusprachen einholen.

Hoher administrativer Aufwand: Ärzte müssen für Medikamente bei den Krankenkassen Kostenzusprachen einholen. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Bei einem Thema herrscht unter den Schweizer Onkologen grosse Einigkeit: Der administrative Aufwand ist enorm gewachsen. Das sagt nicht nur Roger Stupp im Interview mit dem «Tages-Anzeiger», sondern auch andere renommierte Onkologen. So spricht etwa Thomas Cerny, Chefarzt am Kantonsspital St. Gallen, von einer Überbürokratisierung. Christoph Rochlitz, Chefarzt Onkologie am Universitätsspital Basel, sagt dazu: «Unser Alltag wird von einem Wust an administrativer Arbeit überschattet.»

Wie Stupp sprechen beide das Thema Kostengutsprache an. Bei mehreren, meist teuren Medikamenten entscheiden die Krankenversicherer, ob der betreffende Patient für das jeweilige Krebsmittel infrage kommt und die Kasse die Kosten übernimmt. Die Kriterien werden vom Bund festgelegt. Cerny spricht von einem «perversen Zustand», dass Ärzte trotz der Zulassung eines Medikaments bei der Krankenkasse eine Kostengutsprache einholen müssen.

Cerny bestätigt den Befund von Stupp, dass teilweise Medikamente von den Krankenkassen nicht vergütet werden, wenn es nicht exakt in das Anwendungsgebiet passt, für das ein Präparat zugelassen ist. Anders sieht das Christoph Rochlitz. «Ich ärgere mich zwar auch über den administrativen Aufwand. Aber dieser führt in der Regel noch nicht dazu, dass die Kassen meinen Patienten die Medikamente verweigern.»

Fünf- bis zehnmal teurer

Beim Zugang zu experimentellen Medikamenten widersprechen sowohl Cerny und Rochlitz dem Kollegen Stupp. In Einzelfällen könne es möglich sein, nicht an die neusten Präparate zu gelangen, sagt Rochlitz. «Insgesamt haben wir aber einen relativ guten Zugang zu vielen neuen Mitteln, lange bevor sie zugelassen sind.» Ähnliches sagt Thomas Cerny. Das Kantonsspital St. Gallen habe eine gute Stellung bei den Phase-I-Studien. «Dort können wir den Patienten oft Therapien anbieten, die in umliegenden Ländern noch nicht verfügbar sind.»

Sowohl Cerny als auch Rochlitz gehen aber mit Roger Stupp einig, dass es immer schwieriger wird, in der Schweiz klinische Studien durchzuführen. Deren Zahl ist in der Schweiz klar rückläufig. Zwischen 2004 und 2014 haben sie von 392 auf 195 abgenommen, wie Daten der Arzneimittelbehörde Swissmedic zeigen. Als wichtigen Grund nennt Rochlitz die zersplitterte Spitallandschaft in der Schweiz, die dazu führe, dass man über keine grossen Studienzentren verfüge. «Wir in Basel sind klein schon nur gegenüber deutschen Spitälern wie etwa in München oder Heidelberg.» Komme hinzu, dass auch in diesem Bereich der administrative Aufwand enorm gestiegen sei, sagt Rochlitz. «Die Kosten pro Patient sind etwa fünf- bis zehnmal so hoch wie noch vor 20 Jahren.» Auch Cerny bestätigt diesen Befund, der auch Roger Stupp stark kritisiert.

Erstellt: 15.09.2015, 10:24 Uhr

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