«Das ist falsch»

Nimmt er Schweizer Hotels aus, wie in der Branche geklagt wird? Jetzt nimmt Bookings Europa-Chef Peter Verhoeven Stellung.

«Von rund 4500 Schweizer Hotels sind 4000 bei uns»: Peter Verhoeven. Foto: Raisa Durandi

«Von rund 4500 Schweizer Hotels sind 4000 bei uns»: Peter Verhoeven. Foto: Raisa Durandi

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Morgen berät der Ständerat über eine Motion, die ein Spezialgesetz zur Einschränkung von Buchungsplattformen und damit auch Booking fordert. Nervös?
Seit 1996 ist aus einem kleinen Start-up ein Unternehmen geworden, das nicht mehr so klein ist. Wir haben heute eine Million Hotels in 227 Ländern und Territorien im Angebot und zählen 13'000 Mitarbeitende. Wir verstehen, dass diese Grösse und unsere neuen Geschäftsmodelle zu Diskussionen führen, auch in der Politik.

Die Politik reagiert aber auf Kritik von Schweizer Hoteliers. Diese werfen Booking Knebelverträge vor.
Wir schliessen mit Beherbergungspartnern ziemlich einfache Verträge ab. Wir verlangen keine Grundgebühr, keine Eintrittsgebühr, keine minimale Vertragsdauer. Die Kommission wird nur fällig, wenn ein Kunde über Booking eine Übernachtung bucht und im betreffenden Hotel auch übernachtet und zahlt. Weitere Kosten fallen für das Hotel nicht an. Wir glauben nicht, dass Knebelverträge so aussehen. Im Juni 2015 haben wir sogar in ganz Europa die Preisparität mit anderen Buchungsplattformen abgeschafft.

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Was bedeutet das?
Das heisst, dass die Hotels nun auf anderen Portalen oder im Telefonverkauf andere Preise offerieren können. Wir beharren einzig darauf, dass die Hotels auf ihrer eigenen Website keine tieferen Preise verlangen als bei uns.

«Bei Hoteliers haben wir wohl zu wenig Aufklärungsarbeit betrieben.»

Woher kommt denn die Unzufriedenheit bei Hoteliers, wenn die Freiheit angeblich so gross ist?
Der Wandel in der Branche ist rasant. Die Zahl der Buchungen über Onlinekanäle wächst sehr schnell. Das weiss man inzwischen, verunsichert aber dennoch da und dort noch. Zudem fragen sich einige Hoteliers, was wir für sie leisten. Hier haben wir wohl zu wenig Aufklärungsarbeit betrieben, weil wir zu sehr auf Wachstum fokussiert waren. Wir merken immer wieder, dass viele nicht wissen, welche Dienste wir anbieten, ohne etwas dafür zu verrechnen. So übersetzen wir etwa die Hotelbeschreibung gratis in 43 Sprachen. Zudem stehen Hotels auf einer telefonischen Hotline Berater zur Verfügung, wenn es mit fremdsprachigen Gästen Verständigungsprobleme gibt – abgesehen von zahlreichen Marketingtipps.

Die weite Preisparität, welche Konkurrenz durch andere Buchungsplattformen verhindert, haben Sie aber erst auf Druck der Wettbewerbsbehörden in diversen Ländern 2015 abgeschafft.
Sie haben recht. Dem gingen lange Diskussionen mit Wettbewerbsbehörden in diversen Ländern – vor allem in Frankreich und Italien – voraus. Sie kamen wie die Schweizer Wettbewerbskommission nach intensiven Untersuchungen zum Schluss, dass die sogenannte enge Preisparität gerechtfertigt ist. Wenn wir diese Absicherung nicht hätten, würde der Kunde das Hotel zwar über Booking finden, aber auf der Website des Hotels direkt günstiger buchen. Damit hätte Booking die Marketingkosten gezahlt, und das Hotel könnte gratis Trittbrettfahren.

Im Bild – die 10 schönsten Städte der Welt:

Dieses Risiko ist klein: Als globaler Konzern können Sie viel mehr IT- und Suchmaschinenpower einsetzen als ein kleines Hotel. Die Kunden landen automatisch bei Ihnen.
Umfragen zeigen, dass von den Kunden, die direkt bei einem Hotel buchen, 40 Prozent das Hotel ursprünglich auf einer Plattform entdeckt haben. Wir müssen schon schauen, dass dieser Anteil nicht grösser wird. Trotz dieser einzigen einschränkenden Klausel hat der Unternehmer bei uns viele Freiheiten. Jeder Betrieb entscheidet selber, wie er seinen Vertrieb und sein Marketing organisiert. Booking ist eines von vielen Angeboten. Wie ein Hotelier diese Plattform nutzt, ist seine Sache. Es gibt Hotels, die Booking nur teilweise nutzen. Andere verzichten ganz aufs eigene Marketing und andere Vertriebskanäle wie Reiseveranstalter und wickeln alles über Plattformen wie die unsere ab.

Wie viele Schweizer Hotels machen bei Booking mit?
Wir bieten in der Schweiz rund 10'000 Übernachtungsmöglichkeiten, darunter auch Wohnungen, Bed and Breakfasts oder Häuser. Von rund 4500 Schweizer Hotels sind 4000 bei uns. Wir haben also fast neun von zehn Hotels unter Vertrag. Die Schweiz macht insgesamt rund 1 Prozent unseres globalen Angebots aus. Innerhalb Europas ist die Bedeutung der Schweiz für uns aber gross.

Welchen Anteil an den Übernachtungen bringt Booking den Hotels?
Ich sehe nur, was wir verkaufen, nicht aber, was das Hotel über andere Kanäle verkauft. In ganz Europa dürfte unser Marktanteil rund 9 Prozent aller Logiernächte betragen.

Wie viele zusätzliche Gäste kann ein Schweizer Hotel dank Booking erwarten?
Der Schweiz bringen Plattformen wie die unsere 5,1 Prozent oder 1,8 Millionen zusätzliche Übernachtungen pro Jahr. Die Markt- und Preistransparenz hat diesen positiven Effekt.

Sie machen den Kuchen grösser? Es ist doch eher so, dass Booking einfach die Stücke anders verteilt.
Das ist falsch. Plattformen wie Booking stellen für die Kunden Transparenz in Bezug auf Preise und Qualität her. Erst dank uns kann der Kunde mit wenig Aufwand eine Übersicht bekommen über die Hotelpreise an einer bestimmten Destination. Damit sinken sehr oft die Preise, und folglich steigt die Nachfrage.

Aber es gibt auch Verlierer ...
Verlierer ist der Hotelier, der die Chancen des Internets nicht ausprobiert. Eine Technologiefirma wie Booking unterstützt die Hotels beim Sprung in die digitale Neuzeit. Wie gross der Anteil jedes Vertriebskanals ist, muss jeder Hotelier selber herausfinden. Kein Hotelier findet alle Kunden mit Direktvertrieb.

Ihre Dienstleistungen sind aber nicht billig. Die Hotels bezahlen für jede durch Booking vermittelte Kommission mindestens 12 Prozent.
Wir verlangen in der Schweiz je nach Stadt 12, 15 oder 17 Prozent Kommission.

Das ist dennoch viel, Sie betreiben ja im Wesentlichen bloss eine Website.
Manche Leute glauben tatsächlich immer noch, unsere Firma bestehe aus einer Handvoll Nerds hinter einem Computer. So einfach ist unser Geschäft schon lange nicht mehr. Wir haben ein Webangebot, das auf 220 verschiedenen Geräten und Bildschirmen schnell und kundenfreundlich anzuschauen ist. Wir bringen so Millionen Kunden aus der ganzen Welt auf unsere Website und unternehmen dafür unsererseits sehr grosse Marketinganstrengungen. Wir arbeiten mit mehr als einer Million Hotelpartnern weltweit zusammen. Jährlich werden es mehr. Wenn es wirklich so einfach wäre, würden die kaum mit uns zusammenarbeiten.

Eine bessere Platzierung in den Suchergebnissen kann aber gekauft werden. Wo liegt das Maximum?
Die vom Hotelier selbst wählbare Maximalkommission ist 50 Prozent. Sie wird sehr selten gewählt.

Das heisst, ein mieses Hotel, das 50 Prozent Kommission zahlt, wird dem Kunden zuoberst angezeigt?
Ein Hotel mit schlechtem Angebot wird nie an die erste Stelle kommen. Das ist unmöglich. Es wird etwas weiter oben angezeigt, aber nie auf einem Spitzenplatz. Daran können wir gar kein Interesse haben. Wenn wir Kunden schlechte Hotels anzeigen, buchen sie einmal und kommen nicht zu uns zurück. Preis und Leistung müssen stimmen.

Aber mit gekauften Platzierungen führen Sie die Reisenden in die Irre.
Wir verzeichnen heute 1,2 Millionen Übernachtungen pro Tag. Das wäre nicht möglich, wenn wir die Kunden laufend in die Irre führen würden.

«Wir haben überhaupt nicht vor, die Kommissionen zu erhöhen.»

Booking wächst stetig und erhöht die Marktmacht. Manche Hoteliers fürchten, dass die Kommissionen so laufend weiter steigen.
Seit 2010 haben wir die Kommissionen in der Schweiz nicht mehr angepasst. Und wir haben auch keine Absicht, sie zu erhöhen – sofern sich an den Rahmenbedingungen nichts ändert. Wenn etwa Google, Yandex oder Baidu die Preise erhöhen, müssten wir reagieren.

Liegen die Kommissionen in der Schweiz höher als anderswo?
Das Gegenteil ist der Fall. Weltweit liegen wir im Durchschnitt bei 16 Prozent. Die Schweizer Tarife liegen deutlich unter denen in den Nachbarländern.

Warum?
Als wir vor 15 Jahren in den wichtigen Schweizer Markt eintraten, wollten wir schnell auf eine respektable Grösse kommen. Darum stiegen wir tiefer ein. Das blieb bis heute so.

Dennoch gilt Ihr Versprechen?
Wir haben überhaupt nicht vor, die Kommissionen zu erhöhen. Was uns wichtig ist, sind die gleichen Preise für uns wie auf der Hotelwebsite.

Unter Onlinereisebüros kommt Booking aber in der Schweiz auf 70 Prozent Marktanteil. Das geht in Richtung Monopol ...
Laut dieser Zahl – die nicht aus unseren Erhebungen stammt – werden sieben von zehn Buchungen nicht online abgewickelt, auch wenn der Anteil wächst. Von den restlichen 30 Prozent sind ein Drittel Onlinedirektverkäufe der Hotels. Wir haben also am Ende 70 Prozent von 20 Prozent. Das ist ein tatsächlicher Marktanteil von 14 Prozent. Das ist nicht wirklich ein Monopol. Natürlich wollen wir mehr erreichen. Mit diesem Wachstum geht auch eine Verantwortung einher. Dessen sind wir uns bewusst.

Was passiert, wenn die Motion im Ständerat angenommen wird?
Der Effekt wäre eine geringere Transparenz und dadurch höhere Preise für die Hotelgäste. Das kann sich für die gesamte Branche negativ auswirken.

Und wie würde das Unternehmen Booking reagieren?
Wir sind ein seriöses Unternehmen und halten uns an Gesetze. Als Reaktion auf unseren Entscheid, die geltende Paritätsklausel anzuwenden, haben mehrere europäische Wettbewerbsbehörden vereinbart, deren Wirkung zu bewerten. Die Resultate liegen noch nicht vor. Auch die Wettbewerbskommission sagt klar, man benötige Erfahrungen über einen längeren Zeitraum.

Sie halten sich zwar an Gesetze, aber zahlen in der Schweiz überhaupt keine Steuern ...
Unsere Rechnungen an Schweizer Hotels werden vom Hauptsitz in den Niederlanden verschickt. Dort sitzen die meisten unserer weltweit 13'000 Mitarbeitenden, dort wird die Technologie betreut, von dort aus betreiben wir unser Marketing und werden die Verwaltungsarbeiten erledigt. Der grösste Teil der Leistung wird also in Amsterdam erbracht, dort entsteht der Mehrwert. So zahlen wir auch dort Steuern – in Europa also und nicht in irgendeinem Offshoreparadies. Der Sitz hat keine steuerlichen Gründe, sondern ist historisch bedingt. Unser Gründer war Niederländer.

Aber Sie beschäftigen ja auch Leute in Zürich.
Diese 26 Angestellten sind ausschliesslich im Support der Hotels tätig.

Sie zahlen auch keine Schweizer Mehrwertsteuer. Das ist umstritten, Sie bieten ja hierzulande Dienstleistungen an.
Wir halten uns in allen Ländern an die geltenden Gesetze. Momentan ist die Regelung so, dass wir hier nicht steuerpflichtig sind. Sollte sich das ändern, passen wir uns selbstverständlich an.

Erstellt: 28.11.2016, 06:46 Uhr

Zur Person

Der Niederländer Peter Verhoeven kennt die Hotelbranche aus dem Effeff. Nach der Hotelfachschule Den Haag begann er seine Karriere als Réceptionist. Nach und nach arbeitete er sich nach oben und ging nach Stationen bei Disneyland Paris und Avis zum französischen Hotelriesen Accor, wo er zuletzt in der Geschäftsleitung sass. Im Sommer 2014 wechselte er zu Booking.com, wo er das Geschäft in Europa, im Nahen Osten und in Afrika verantwortet.

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