Kolonisierung des Handgelenks

Mit der Apple Watch versucht Apple, sein Image als Luxusgüterkonzern zu verkaufen.

Letzte Arbeiten vor der Eröffnung eines Apple-Shops im chinesischen Hangzhou Ende Januar. Foto: Chance Chan (Reuters)

Letzte Arbeiten vor der Eröffnung eines Apple-Shops im chinesischen Hangzhou Ende Januar. Foto: Chance Chan (Reuters)

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Niemand kann die Apple Watch bereits heute beurteilen. Wie oft bei neuen Technologien werden wir erst in ein bis zwei Jahren sehen, was das Mini-Smartphone am Handgelenk bringt. Doch diesmal ist die Ausgangslage für Apple heikler als mit den bisher lancierten Geräten. Der Nutzen des iPod, des iPhone und des iPad war intuitiv klar. Sie erlaubten, Musik, Internet und Computer mobil und schnell zu nutzen. Die iWatch jedoch scheint nicht zwingend, sie könnte gar zu einem Störfaktor für die Nutzer werden.

Die Präsentation der Apple Watch dürfte bei den Konkurrenten ein grosses Aufatmen ausgelöst haben. «Apple hat keine Funktionen gezeigt, die andere Smartwatch-Hersteller nicht bereits haben oder übernehmen können», fasst James McQuivey, Analyst der Forrester Research, zusammen. Auch Nick Hayek gab sich nicht beunruhigt, als er diese Woche die eigene Smartwatch – eine vielseitige Sportuhr – vorstellte, die es dem Konzern erlaubt, seine führende Batterie- und Chiptechnologie weiterzuverbreiten. Die Apple Watch sei die bislang schönste unter ihresgleichen, sagte Hayek, doch sei der Markt gross genug für beide Anbieter.

Was auffällt bei der Apple Watch, ist das Fehlen einer Killer-Applikation, einer Anwendung, die andere Hersteller nicht haben. Der Erfolg hängt somit davon ab, was die Heerschar von selbstständigen Software-Entwicklern in den kommenden Monaten für die Uhr austüfteln. Eine wesentliche Stärke des iPhone besteht ja darin, dass es den Kunden eine permanent weiterentwickelte, einmalige Fülle von Applikationen anbietet. Die Apple Watch mit ihrem winzigen Bildschirm stellt die Software-Schreiber vor besondere Probleme. Zum einen kann die Uhr – anders als die Swatch Touch – nicht allein gebraucht werden. Sie setzt das Mitführen eines iPhones voraus. Applikationen müssen für beide Geräte geschrieben werden. Das stellt die Entwickler vor die Frage, ob sie doppelte Applikationen schreiben wollen und ob Apple sie dafür bezahlt. Die Kolonisierung des Handgelenks ist zudem für die Nutzer kein schmerzloses Unterfangen. Mit der Apple Watch nimmt die Belästigung mit unnötigen Kaufanzeigen und als News getürkten PR-Meldungen noch weiter zu. Apple würde sich hoch verdient machen, wenn die Uhr einen Störfilter enthielte.

Für die gehobene Käuferschaft

Die Verkaufsstrategie hat die gehobene Käuferschaft im Auge. Die billigste Watch Sport kostete 349 Dollar; die teuerste Watch Edition (in Gold) ist für 17'000 Dollar zu haben. Solche Preise zeigen, dass Apple sein Luxusimage nicht mehr nur ausspielt, sondern geradezu ausbeutet. Das fühlt sich nach etwas Verzweiflung an. Kommt hinzu, dass die Apple Watch nicht wie die Smartphones und Laptops durch Subventionen der Telecomkonzerne vergünstigt wird.

Deshalb nimmt die Credit Suisse an, dass Interessenten in der Regel die günstigeren Modelle erwerben wollen (oder können) und der mittlere Verkaufspreis «nur» bei 400 Dollar liegen wird. Was die teuersten Golduhren betrifft, so liefert der Luxusautohersteller Tesla ein warnendes Beispiel. Tesla musste letztes Jahr im Heimmarkt Kalifornien einen Umsatzrückgang von 27 Prozent hinnehmen. Und in China, dem grössten, auch von Apple stark bearbeiteten Luxusgütermarkt der Welt, muss Tesla wegen der schwachen Nachfrage 30 Prozent des Personals entlassen.

Der am Peterson Institute arbeitende Ökonom Justin Wolfers sieht die Apple Watch denn auch als ultimativen Ausdruck des globalen und wachsenden Wohlstandsgrabens. «Man weiss, dass die Ungleichheit hoch ist, wenn Apple einen Markt für eine 10'000-Dollar-Uhr sieht, die in einigen Jahren garantiert obsolet sein wird.» Kann sein, dass die Apple Watch dereinst als Gradmesser der Überflussgesellschaft in den Museen ausgestellt wird.

Erstellt: 13.03.2015, 20:43 Uhr

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