Kommt nun die Minder-Initiative 2.0?

In den vergangenen Jahren sind die Managerlöhne trotz Abzockerinitiative weiter gestiegen. Nun denken die Gewerkschaften über eine Durchsetzungsinitiative nach.

Wer trägt wie viel Lohn nach Hause? Bei den 26 untersuchten Schweizer Firmen ist der höchste Lohn im Schnitt 49-mal höher als der tiefste Lohn. Foto: Keystone

Wer trägt wie viel Lohn nach Hause? Bei den 26 untersuchten Schweizer Firmen ist der höchste Lohn im Schnitt 49-mal höher als der tiefste Lohn. Foto: Keystone

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Selten wurde eine Volksinitiative mit einer so klaren Mehrheit unterstützt wie im Jahr 2013 die Abzockerinitiative – 68 Prozent der Stimmenden hiessen sie gut. Nur: Bewirkt hat sie kaum etwas, wie Vertreter von Travailsuisse, dem Dachverband der Arbeitnehmenden, vergangenen Freitag vor den Medien sagten. Seit 2011 – damals wurde die Initiative im Parlament diskutiert – sind die Ma­nagerlöhne um 16 Prozent gestiegen, jene der übrigen Angestellten hingegen nur um 3,8 Prozent. Das hat der Verband in seiner Studie über Managerlöhne ­errechnet.

Travailsuisse hat 26 meist börsenkotierte Unternehmen durchleuchtet. Im Durchschnitt blieben die Managerlöhne auf hohem Niveau stabil. In vielen Unternehmen öffnete sich die Lohnschere zwischen dem höchsten und dem tiefsten Lohn aber weiter. Insbesondere in den kleineren verdienten die Chefs deutlich mehr als im Vorjahr: Bei Oerlikon 37 Prozent, bei Georg Fischer 12 Prozent mehr. Im Durchschnitt verdiente der Angestellte mit dem höchsten Lohn 49-mal mehr als jener mit dem tiefsten. Am grössten ist die Lohnspanne bei der UBS, wo der Lohn von Konzernchef Sergio Ermotti 273-mal höher ist als der tiefste.

«Die Stimmenden haben umsonst auf eine Besserung gehofft, als sie die Abzockerinitiative unterstützten», sagte Adrian Wüthrich, Präsident von Travailsuisse und SP-Nationalrat. Und besser wird es aus Sicht der Gewerkschafter auch in absehbarer Zeit nicht. Der Nationalrat hat vergangene Woche die Übergangsverordnung des Bundesrats zur Ab­zockerinitiative in ein Gesetz überführt. «Dabei wurde aber verpasst, das Problem wirklich anzugehen», sagte Gabriel Fischer, er ist Leiter Wirtschaftspolitik bei Travailsuisse. Aus der Abzockerini­tiative sei ein zahnloses Gesetz geworden.

Zulässig bleiben Prämien, die Manager für Boni entschädigen, die ihnen bei einem Stellenwechsel entgehen.>

Die Arbeitnehmervertreter stossen sich insbesondere daran, dass auch mit der Aktienrechtsrevision kaum mehr Transparenz geschaffen wurde. So müssen Unternehmen Löhne, Boni und andere Vergütungen für die Konzernleitung nicht für jedes Mitglied separat ausweisen. Zudem kritisieren die Gewerkschaften, dass es mit dem neuen Gesetz ein Leichtes sei, das Verbot von Antrittsentschädigungen zu umgehen. Zulässig bleiben nämlich Prämien, die Manager für Boni entschädigen, die ihnen bei einem Stellenwechsel entgehen – etwa bei einem weiterlaufenden Bonusplan.

So sprechen die Gewerkschaften bereits von einer Durchsetzungsinitiative zur Abzockerinitiative. Allerdings könnten sie sie zurzeit nicht alleine stemmen, da sie bereits mit der Volksinitiative für einen Vaterschaftsurlaub beansprucht sind. Falls sie aber einen Partner fänden, und dabei denkt Adrian Wüthrich an Thomas Minder, den Vater der Abzockerinitiative, würden sie helfen, Unterschriften zu sammeln.

Wie Minder, heute Ständerat, auf Anfrage sagt, ist er selber auch nicht damit einverstanden, wie seine Initiative umgesetzt wurde. Wie die Gewerkschaften stört auch er sich daran, dass Antrittsentschädigungen faktisch weiterhin möglich sind. Dabei war ihr Verbot eine zentrale Forderung seiner Initiative. Minder kritisiert auch, dass Aktionäre schon zum Voraus Boni und andere variable Teile der Entschädigung absegnen, bevor das Geschäftsjahr überhaupt zu Ende ist. «Wie kann man über so etwas zum Voraus abstimmen?», fragt er. Schliesslich sollen sich Boni an der Leistung orientieren.

Minder will Schaden flicken

Trotz dieser Übereinstimmungen sagt Thomas Minder, habe er ein anderes Ziel als die Gewerkschaften: «Die riesigen Lohnunterschiede regen mich auch auf. Aber mir geht es nicht um die individuellen Gehälter, sondern um die gesamte Lohnsumme, die aus einem Unternehmen herausgelöst und an eine Konzernleitung ausbezahlt wird.» Deshalb will er, der nun selber im Parlament sitzt, erst den «Weg über Bern gehen und den Schaden über die Rechtskommission zu flicken versuchen», der er angehört. Er werde einen Rückweisungsantrag stellen und verlangen, dass die Umsetzung seiner Initiative von der Aktienrechts­revision entkoppelt werde. Sonst könne es im schlimmsten Fall so weit kommen, dass gegen diese das Referendum ergriffen werde. Würde es angenommen, würde seine Initiative überhaupt nicht umgesetzt.

Adrian Wüthrich jedenfalls prognostiziert: «Dieses Jahr wird es einen heisser Lohnherbst geben.» Er erwartet im kommenden Jahr wegen der guten Wirtschaftslage einen eigentlichen «Boni-Rausch». Von der guten Wirtschaftslage sollten aber alle Angestellten und nicht nur das Management profitieren.

Travailsuisse führt die Studie zu Managerlöhnen seit 2005 jedes Jahr durch. Dafür studiert der Verband die Geschäftsberichte der 26 meist börsenkotierten Unternehmen. Wo Daten fehlen, fragt er nach – die Post weist als einziges der 26 Unternehmen den tiefsten Lohn aus. 11 Unternehmen mochten darüber gar keine Auskunft geben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2018, 22:46 Uhr

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UBS-Chef Sergio Ermotti (12,52 Millionen Euro) und Joseph Jimenez (10,7 Millionen Euro) von Novartis liegen zwei weitere von ihnen auf den Rängen drei und fünf. «Die Schweiz ist das Vergütungsparadies in Europa», sagt HKP-Chef Michael Kramarsch.Sein Unternehmen hat die Vergütungen bei den 73 Unternehmen in den führenden Börsenindizes Stoxx Europe 50 und Euro Stoxx 50 unter die Lupe genommen. Auf Platz zwei liegt der Brasilianer Carlos Brito (12,53 Millionen Euro) vom Brauereiriesen Anheuser-Busch InBev. Der Spitzenreiter der Rangliste von 2015, Reckitt-Benckiser-Chef Rakesh Kapoor, lag 2017 mit 2,6 Millionen Euro auf dem siebtletzten Platz. (SDA)

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