Korrupt sind stets die anderen

Europäische Firmen sind auf Geschäfte in Asien und Afrika angewiesen. Beraterfirmen ersparen ihnen den Kontakt mit fragwürdigen Zahlungen.

Diese Lokomotiven lieferte Vossloh España nach Südafrika. Foto: André Kritzinger

Diese Lokomotiven lieferte Vossloh España nach Südafrika. Foto: André Kritzinger

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Für Peter Spuhler ist es eine ernste Angelegenheit. Es geht um den guten Ruf seines Unternehmens Stadler Rail. Am Montag berichtete Tagesanzeiger.ch/Newsnet von Vorwürfen, Stadler Rail kooperiere in Südafrika nicht vollständig mit den Behörden bei der Untersuchung mutmasslicher Schmiergeldzahlungen durch die übernommene Firma Vossloh España.

Noch am selben Tag kam Spuhler auf die Redaktion und erklärte ausführlich seine Sicht der Dinge: dass die Zahlungen im Zuge des Verkaufs von Diesellokomotiven nach Südafrika vom deutschen Konzern Vossloh getätigt wurden, noch vor dem Kauf dessen spanischen Werks durch Stadler Rail. Und dass es bei Stadler noch nie einen Korruptionsfall gegeben habe.

Das Interview mit Spuhler erschien am Dienstag. Am selben Tag antwortete auch der Vossloh-Konzern: Man habe in Südafrika einen «unabhängigen Handelsvertreter» namens S-Investment beschäftigt und ihm 5,4 Millionen Euro gezahlt. Das seien «vertragskonforme Provisionen in marktüblicher Höhe» gewesen. S-Investment habe den Lieferanten Vossloh España mit dem Kunden Swifambo zusammengebracht, den Lokomotivauftrag also vermittelt.

Ein Beweis für mutmassliche Schmiergeldzahlungen ist das noch nicht. Es riecht nur ziemlich streng.

Es gab einen Vertrag, es gab eine Leistung. Alles sauber gelaufen? Vielleicht. Es deutet nur viel auf das Gegenteil hin: Die Swifambo war nämlich gar nicht der Endabnehmer der Lokomotiven, sondern nur ein unbekannter und unerfahrener Zwischenhändler. Warum der eigentliche Abnehmer, die Personenverkehrsgesellschaft Prasa, ihn beteiligte, ist unverständlich. Alle beteiligten Firmenchefs in Südafrika sollen einander sehr nahe gestanden haben.

Beweis für mutmassliche Schmiergeldzahlungen ist das noch nicht. Es riecht nur ziemlich streng. Und es gibt einen Geschädigten: die südafrikanische Bahngesellschaft, die letztendlich über den Preis der Lokomotiven die Kosten der millionenteuren Beratung tragen musste. Dieses Geld fehlt bei anderen Projekten zur Modernisierung des maroden Eisenbahnnetzes.

Mit den Korruptionsvorwürfen hätten sie nichts zu tun, sagen Stadler Rail und Vossloh. Die beträfen nur den südafrikanischen Zwischenhändler Swifambo und den Endabnehmer Prasa. Das ist richtig. Aber nicht ganz aufrichtig. Denn natürlich wissen die europäischen Firmen, wie es in Ländern läuft, in denen eine kleine politische und wirtschaftliche Oberschicht den Staat in Geiselhaft hält. Die Oligarchie will an jedem Geschäft mitverdienen. Und sie kassiert über Lobbyisten, über Rechtsanwälte, über Berater.

Skrupellose Konkurrenz aus China

Der Wettbewerb der Schienenfahrzeug-Hersteller ist knallhart, jeder Auftrag kann das wirtschaftliche Überleben oder zumindest den Weiterbestand einer Fabrik sichern. Und die Konkurrenz aus China ist auch nicht gerade von moralischen Skrupeln geplagt. Die umstrittene Bestellung der 70 Personenzugs-Lokomotiven bei Vossloh España ist ein Klacks im Vergleich zum Kauf von 1000 Lokomotiven durch die Güterverkehrsgesellschaft Transnet, grossteils beim chinesischen Bahnbau-Giganten CRRC. Hier, berichten südafrikanische Medien, engagierten die Chinesen als «Berater» eine Firma der Familie Gupta, die besonders enge Beziehungen zu Staatspräsident Jacob Zuma unterhält.

Was sollen die Europäer also tun, wenn von korrupten Oligarchien gelenkte Staaten lukrative Grossaufträge ausschreiben? Sie können ablehnen, sauber bleiben und in Schönheit untergehen. Oder mitmachen und danach trachten, dass fragwürdige Millionenzahlungen möglichst weit weg vom eigenen Unternehmen bleiben. Bei den derzeitigen Umwälzungen in der Branche und dem Druck auf dem Markt fällt die Entscheidung nicht schwer.

Um das Beraterunwesen zu beenden, brauchte es viel mehr Druck von politischer Seite und internationalen Organisationen. Auch die EU könnte die betreffenden Länder drängen, ihre strengen Vergabegesetze zu übernehmen. Europa könnte mit gutem Beispiel vorangehen. Nur zeigen Ermittlungen in Ungarn oder Tschechien, dass das Problembewusstsein auch auf diesem Kontinent noch lange nicht überall angekommen ist. Im Gegenteil: Im Osten der EU scheint gerade eine neue Kultur der Korruption zu entstehen.

Erstellt: 17.01.2018, 19:02 Uhr

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