Krebsverdacht: Verbot von Syngenta-Pestiziden gefordert

Verkaufszahlen zeigen: Syngenta verdient weltweit Geld mit Pflanzenschutzmitteln, die hierzulande verboten sind.

Etliche der umstrittenen Syngenta-Unkrautvertilger sind in der Schweiz und in der EU nicht mehr zugelassen. In Staaten wie Brasilien, Argentinien oder Indien würden sie aber weiterhin verkauft, schreibt Public Eye. Foto: Reuters

Etliche der umstrittenen Syngenta-Unkrautvertilger sind in der Schweiz und in der EU nicht mehr zugelassen. In Staaten wie Brasilien, Argentinien oder Indien würden sie aber weiterhin verkauft, schreibt Public Eye. Foto: Reuters

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Pestizide werden weltweit eingesetzt, um Schädlinge und Unkraut zu bekämpfen. Doch so gross deren Vorteile wie Erntesicherung und Ertragsverbesserungen auch sind, der Einsatz von hochgiftigen Pestiziden birgt Gefahren. Dann zum Beispiel, wenn die umstrittenen Substanzen ins Trinkwasser oder in die Nahrungsmittelkette gelangen.

Die Nichtregierungsorganisation Public Eye hat die Verkaufszahlen von Pestiziden internationaler Anbieter untersucht – und diese mit den 310 Substanzen abgeglichen, die auf der Liste der «hochgefährlichen Pestizide» des Pesticide Action Network (PAN) stehen. Die Substanzen gelten als besonders gefährlich für Umwelt und Mensch.

Etliche der umstrittenen Syngenta-Unkrautvertilger sind in der Schweiz und in der Europäischen Union nicht mehr zugelassen. In Staaten wie Brasilien, Argentinien oder Indien würden sie aber weiterhin verkauft, schreibt Public Eye. Syngenta profitiere von schwachen Regulierungen in den Ländern.

Fast 4 Milliarden Umsatz mit gefährlichen Pestiziden

Laut Recherchen von Public Eye nimmt der Basler Agrarchemiekonzern Syngenta eine führende Rolle beim Verkauf hochgiftiger Pestizide ein. «15 der 32 bestverkauften Syngenta-Pestizide stehen auf der schwarzen Liste von PAN», schreibt Public Eye. Syngenta mit Hauptsitz in der Stadt Basel und einem Forschungsstandort in Stein AG wurde vor zwei Jahren vom chinesischen Staatskonzern Chemchina übernommen. Laut Schätzungen von Public Eye erzielte das Unternehmen 2017 «mit dem Verkauf von hochgefährlichen Pestiziden circa 3,9 Milliarden Dollar Umsatz», was etwa ein Drittel der Gesamtverkäufe wären.

Wichtigster Markt Brasilien

Brasilien ist der grösste Markt von Syngenta. Das Land setzt in der Landwirtschaft weltweit am meisten Pestizide ein. Public Eye hat vor Ort mit der Organisation Réporter Brasil die Daten des brasilianischen Programms zur Kontrolle der Trinkwasserqualität analysiert. In 85 Prozent aller Trinkwasserproben habe man die Substanz Atrazin nachweisen können. Syngenta ist weltweit führend beim Verkauf des Herbizids, das als hormonverändernd und fortpflanzungsgefährdend eingestuft wird. In der Schweiz und in der EU ist der Einsatz untersagt. Atrazin wurde in der EU 2004 verboten, weil seine Rückstände häufig im Grundwasser nachweisbar waren.

Public Eye fordert in einer Petition Syngenta dazu auf, die Produktion und den Verkauf hochgefährlicher Pestizide weltweit einzustellen. Gleichzeitig pocht die Nichtregierungsorganisation auf Massnahmen der Politik. Sie soll den Export der Pestizide verbieten. Die Genfer Nationalrätin Lisa Mazzone von den Grünen hat zum Thema bereits eine Motion eingereicht.

Bei Syngenta wehrt man sich vehement gegen die Anschuldigungen von Public Eye. «Unsere Produkte gehören zu den am stärksten regulierten der Welt. Wir stehen zu der Sicherheit unserer Produkte und der Rolle, die sie beim Schutz der Nahrungsmittelqualität und -sicherheit spielen», schreibt eine Syngenta-Sprecherin. Der Bericht von Public Eye sei politisch motiviert und bewusst irreführend. «Die Rhetorik soll die Öffentlichkeit verunsichern und die Konzernverantwortungsinitiative sowie andere politische Vorstösse in der Schweiz unterstützen», heisst es weiter bei Syngenta. Der Bericht von Public Eye basiere auf einer von PAN entwickelten Liste, die von keiner nationalen oder internationalen Organisation anerkannt werde.

Syngenta-Chef sieht «keinen zweiten Glyphosat-Fall»

Unabhängig der jüngsten Studie und Vorwürfe von Public Eye hat sich Syngenta-Chef Erik Fyrwald jüngst zum Einsatz von Unkrautvernichtern geäussert. Dies sei notwendig, und zwar auch wegen des Klimawandels, sagte Fyrwald im Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Ohne einen effektiven Pflanzenschutz und höhere Erträge steige der Landverbrauch und damit auch der Kohlendioxidausstoss in der Produktion.

In den letzten Monaten stand vor allem das Pflanzenschutzmittel Glyphosat der Bayer-Tochter Monsanto in der Kritik. Glyphosat sei ein vielgenutztes und wichtiges Instrument, erklärte Fyrwald: «Wir brauchen solche Mittel, um den Befall mit Unkraut, Krankheiten und Insekten effektiv zu reduzieren. Ansonsten können wir die Welt nicht ausreichend ernähren.» In den USA hat ein Geschworenengericht vor wenigen Wochen Bayer zur Zahlung von 80 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt, weil ihr Unkrautvernichtungsmittel Roundup, das Glyphosat enthält, bei einem Mann Krebs verursacht haben soll. Bayer zieht das Urteil weiter, trotzdem dürften weitere Klagen folgen. Ähnliche Rechtsrisiken wie bei Bayer sieht Fyrwald bei Syngenta nicht. «Die Klagen in den USA betreffen keines unserer Produkte.»

Die von Public Eye untersuchten Pestizid-Verkaufszahlen stammen vom US-Unternehmen Phillips McDougall, welches auch mit der amerikanischen Umweltschutzbehörde und der Agrarchemieindustrie zusammenarbeitet. Die Zahlen von Phillips McDougall würden nicht den kompletten Pestizidmarkt abdecken. Sie seien aber genügend repräsentativ, um die globalen Verkäufe und auch die Marktanteile von Syngenta abschätzen zu können, schreibt Public Eye.

Erstellt: 15.04.2019, 17:45 Uhr

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