«Lebensmittel-Rassismus»: Was ist dran am Nutella-Vorwurf?

Hat Nutella in Osteuropa weniger Schokolade drin? Entsprechende Qualitätsklagen hat die EU nun in einer Studie überprüft.

Seit Jahren beklagen Menschen aus Osteuropa, dass Marken-Lebensmittel bei ihnen von minderwertiger Qualität sind. Bild: AFP

Seit Jahren beklagen Menschen aus Osteuropa, dass Marken-Lebensmittel bei ihnen von minderwertiger Qualität sind. Bild: AFP

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Unter den Spitzenkandidaten für die Europawahl war der Tscheche Jan Zahradil zwar nicht der bekannteste, aber einer mit interessanten Perspektiven. Der Unterschied zwischen seinen prominenten Konkurrenten, also CSU-Vize Manfred Weber und dem Sozialdemokraten Frans Timmermans, war für ihn minimal, «wie Cola light und Coke zero». Und auch wenn der Tscheche erklären sollte, warum er und viele seiner Landsleute trotz einer Arbeitslosigkeit von 1,9 Prozent und vieler Milliarden Fördergelder die EU als überehrgeizig und übergriffig empfinden, verwies Zahradil in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» auf Lebensmittel: «Viele Osteuropäer fühlen sich herabgesetzt und als Menschen zweiter Klasse, wenn in unseren Supermärkten der Nutella-Aufstrich weniger Schokolade enthält.»

2015 gab es die ersten Untersuchungen von Konsumentenschützern und seit 2017 sind die Klagen aus dem Osten über angeblich minderwertige Qualität von Marken-Lebensmitteln, von Fischstäbchen über Buttergebäck oder Limonaden, unüberhörbar. Die polnische Zeitung Gazeta Prawna prangerte «Lebensmittel-Rassismus» an, während der damalige Landwirtschaftsminister Tschechiens sagte, sein Land fühle sich wie der «Mülleimer Europas». Im Herbst 2017 versprach EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker in seiner «Rede zur Lage der Union», etwas gegen diese «inakzeptable» Ungleichbehandlung zu tun.

Neben einem Verbot von doppelten Qualitätsstandards, das auf den Weg gebracht wurde, sollte also geklärt werden, ob wirklich gepanscht, verdünnt und betrogen wurde, um in Mittel- und Osteuropa höhere Profite zu machen. Ein Ergebnis des Auftrags von höchster Stelle ist nun in Brüssel vorgestellt worden: Fast 1400 Lebensmittel wurden in 19 EU-Ländern für eine umfassende Studie untersucht. Die Produkte reichen vom Alpenfrischkäse des Herstellers Almette bis zu «Airwaves»-Kaugummis von Wrigley's. Der knapp 500 Seiten umfassende Bericht, der trotz seiner umfangreichen Stichprobe nicht repräsentativ ist, widerlegt den Eindruck von Jan Zahradil und anderen osteuropäischen Politikern. Es existiere «kein einheitliches geografisches Muster bei der Verwendung derselben oder einer ähnlichen Verpackung für Produkte mit unterschiedlicher Zusammensetzung», halten die Experten der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission fest.

Der ungarische EU-Bildungskommissar Tibor Navracsics freut sich, dass keine «Ost-West-Spaltung bei Markenprodukten gefunden» worden sei. Es bereite ihm aber Sorgen, dass Konsumenten oft unzureichend informiert würden. Denn der von den Experten vorgenommene Vergleich der Inhaltsangaben legt offen, dass neun Prozent der Produkte, die in der EU mit identischer Packungsvorderseite angeboten wurden, in ihrer Zusammensetzung unterschiedlich waren. Berücksichtigt man, dass weitere 22 Prozent der Lebensmittel trotz einer «ähnlichen Aufmachung» unterschiedliche Rezepturen aufwiesen, liegt der Anteil bei knapp einem Drittel.

Wer lange genug blättert, findet diese Unterschiede. So enthält die Mayonnaise von Hellmann's etwa in Dänemark, Ungarn oder Italien 78 Prozent Rapsöl, während die Gläser auf Zypern 76 Prozent Sojaöl enthalten. Der US-Hersteller erklärt dies mit «unterschiedlichen Essgewohnheiten» und Feedback von Kunden. Dass Heineken sein Bier in Dänemark mit einem Alkoholgehalt von 4,6 Prozent verkauft – und nicht wie sonst mit fünf Prozent, erklären die Niederländer mit den «Normen des dortigen Marktes.» Während diverse Schoko-Tafeln von Milka identisch sind, enthalten die «Choco Cookies» in Ungarn, Frankreich und Deutschland 31 Prozent Schokolade; der Anteil in Bulgarien, Lettland oder Litauen beträgt nur 29 Prozent. Dies ist aber nur eine von wenigen Differenzen, die das weit verbreitete Vorurteil bestätigen.

Justizkommissarin Vera Jourová will weiter dafür sorgen, dass es im Binnenmarkt «nicht zweierlei Standards» gibt. Die EU-Kommission fordert Nichtregierungsorganisationen auf, Vorschläge einzureichen, wie Konsumentenschützer Produkte besser prüfen und potenziell irreführende Praktiken erkennen können. Dafür stehen 1,26 Millionen Euro bereit. Beim berühmtesten Brotaufstrich gibt es übrigens nichts zu beanstanden: Auf den Seiten 116 bis 119 ist genau dokumentiert, dass in Nutella-Gläsern genau die gleichen Inhaltsstoffe landen – egal ob diese in Supermärkten in Bulgarien, Deutschland, Polen oder der Slowakei stehen.

Erstellt: 25.06.2019, 08:24 Uhr

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