«Leistung macht für die Karriere nur einen kleinen Teil aus»

Wer meint, dass an der Spitze eines Unternehmens immer die fähigsten Persönlichkeiten sitzen, der täuscht sich. Anderes ist wichtiger.

Kompetenz ist nicht alles: Auch schlaues Taktieren ist nötig, um Karriere zu machen. Foto: Getty Images

Kompetenz ist nicht alles: Auch schlaues Taktieren ist nötig, um Karriere zu machen. Foto: Getty Images

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Carola Hartmann ist eine ehrgeizige Frau – aber eine, die ohne Dampfplauderei, Manöver und Verstellung an ihre Jobs im mittleren Management eines Konzerns gekommen ist. Als in ihrer Firma eine Kulturveränderung anstand, wollte sie dabei sein. Und zwar ganz oben, im Vorstand. «Denn nur dort kann ich wirklich etwas bewirken», sagt Hartmann, die eigentlich einen anderen Namen trägt.

Allerdings musste sie sich auf eine grosse Veränderung einstellen, denn bislang gingen ihre Karriereschritte immer von ihrer Leistung aus. «Top-Management ist vor allem Politik», sagt sie. Das muss man wissen – und einen Weg finden, trotzdem nicht von den eigenen Werten abzurücken.

«Goldfische» nennt Führungskräfte-Coach Gudrun Happich Menschen wie Hartmann, die als kompetente, werteorientierte und kollegiale Führungskräfte weit nach oben gekommen sind. «Aber wenn sie ins Top-Management aufsteigen, dann kommen sie in einen Haifisch-Tank.»

Denn wer meint, dass an der Spitze eines Unternehmens immer die fähigsten und geradlinigsten Persönlichkeiten sitzen, der täusche sich. «Leistung macht nur einen kleinen Teil der Karriere aus», sagt der Wirtschaftspsychologie-Professor Florian Becker. Viel wichtiger seien andere Merkmale und Verhaltensweisen.

«Wer den Vorgesetzten zu einer ungewöhnlichen Zeit antrifft, kommt schneller ins Gespräch.»Florian Becker, Wirtschaftspsychologie-Professor

«Grundsätzlich haben es Extrovertierte leichter als introvertierte Menschen», fasst er die Forschungsergebnisse zusammen. Denn sie machen ständig auf sich aufmerksam und schaffen es, die richtigen Kontakte zu knüpfen, bauen «soziales Kapital» auf. Genau dieses Netzwerk ist es, das Karrieren befördert, sagt auch Happich. Extrovertierte wüssten schon früh, wie man seinen Namen ins Spiel bringt. «So passiert es oft, dass diese Menschen an den ruhigeren Kollegen vorbeiziehen.»

Auch Auslandsaufenthalte durch die Firma beschleunigen in aller Regel die Karriere. «Die Firmen wachsen ja nicht mehr in den gesättigten Märkten», sagt Becker. «Wenn ich da bin, wo Wachstum passiert, steige ich auch schneller auf.»

Wichtig sei auch Präsenz am Arbeitsplatz. «Wer früher da ist als die anderen und länger bleibt, macht zumindest den Eindruck von grosser Geschäftigkeit.» Wer da ist, kann sich vernetzen. «Wer den Vorgesetzten zu einer ungewöhnlichen Zeit antrifft, kommt schneller ins Gespräch» und findet mit ihm mitunter genau den Mentor, der den nächsten Karriereschritt befördert. «Diese Sponsoren sorgen dafür, dass man sich im Unternehmen entwickelt.»

Entscheider gehen bei der Stellenbesetzung oft sehr wenig rational vor – da sind sich beide Experten einig. Umso wichtiger sei es für den Unternehmenserfolg, dass auch leistungs- und werteorientierte Führungskräfte in dem Spiel um die Top-Posten dabei sind. «Es geht darum, denen mehr Verantwortung zu geben, die viel zum Ergebnis beitragen», sagt Becker. Dabei sollten sie keine Rolle spielen und sich verbiegen müssen.

An der Spitze funktioniert die bisherige Arbeitsweise von Leistungsträgern oft nicht mehr.

Die meisten Führungskräfte wollen sich auch nicht verstellen, hat Happich festgestellt. Selbst das Netzwerken ist vielen ein Gräuel. Doch darauf zu verzichten, ist nicht so einfach. «Am besten gelingt der Aufstieg, wenn man eine eigene Bilanz macht.» Man müsse sich selbst als Person gut kennen, die Stärken, Schwächen, Werte. «Wer eine klare Identität hat, kann auch besser in den Top-Etagen bestehen.»

Carola Hartmanns Entschluss, auf die oberen Stufen der Karriereleiter vorzurücken, fiel mit der Diskussion um eine Frauenquote zusammen. «Das fand ich vollkommen überflüssig», sagt sie, «ich wollte nicht als Quoten-Frau aufsteigen.» Dennoch hat sie den Schub der Diskussion als Rückenwind mitgenommen und sitzt jetzt tatsächlich an einer Stelle, an der Veränderungen angeschoben werden.

Auf die ungeschriebenen Gesetze, die an dieser Stelle herrschen, hat sie sich so gut wie möglich vorbereitet. «Das ist nicht so einfach, denn es weiht einen ja niemand ein in die Gepflogenheiten», sagt Happich. Ein anderes Problem für Leistungsträger, die an die Spitze vorgerückt sind: Ihre bisherige Arbeitsweise funktioniert nun oft nicht mehr, und sie bekommen nicht mehr die Bestätigung, die sie früher gewohnt waren. «Auch an dieser Stelle fangen die Leute häufig an, sich zu verbiegen – aber sie wissen gar nicht so recht, wohin», sagt Becker.

Wer merkt, dass eine Karriere nur durch Verrat der eigenen Werte zu haben ist, sollte einen klaren Schnitt machen.

Denn nun haben sich die Rollen geändert. Es geht für die Führungskräfte vor allem darum, sich gegen die anderen zu behaupten und ihre Anliegen voranzutreiben. Und das häufig mit anderen Mitteln als zuvor. «Da kommt wieder die Politik ins Spiel, das Ausloten der Situationen und das Ergreifen von Chancen», sagt Happich. Ideal wäre es, wenn sich die Introvertierten und die Extrovertierten zusammentun. «Doch das passiert sehr selten, denn sie verstehen sich meist nicht.»

Wer merkt, dass eine Karriere nur durch Verrat der eigenen Werte zu haben ist, sollte einen klaren Schnitt machen. «Dann muss man sich einen anderen Arbeitgeber suchen», empfiehlt Happich. «Es gibt Firmen, bei denen das nicht nur ein Lippenbekenntnis ist», sagt Becker. «Sie machen Karriereentscheidungen tatsächlich transparent an rationalen Kriterien fest.» Lange leiden muss indes niemand – das ist eine der positiven Folgen des Fachkräftemangels: «Es gibt mehr Auswahlmöglichkeiten», so Happich.

Bei Hartmann ist die Strategie auch im eigenen Unternehmen aufgegangen. Sie ist aufgerückt, sie hat die Spielregeln zur Kenntnis genommen – und für sich einen Weg gefunden, Politik und eigene Werte miteinander zu verbinden.

Erstellt: 19.07.2019, 14:55 Uhr

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