Libra kommt später als geplant

Die Bedenken gegen die Digitalwährung Libra seien zu gross, als dass es schon nächstes Jahr losgehen könne, sagt Libra-Manager Bertrand Perez.

«Kein Spekulationsobjekt»: Libra-Manager Bertrand Perez. Foto: AFP

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Das Projekt von Facebooks neuer Kryptowährung Libra stösst bei Regulatoren auf massiven Widerstand. Daher dürfte Libra wohl nicht wie geplant Mitte des nächsten Jahres an den Start gehen, sagt Bertrand Perez dieser Zeitung. Er ist Chief Operating Officer des Libra-Trägervereins, dessen 21 Gründungsmitglieder Anfang der Woche ihre erste Generalversammlung in Genf abgehalten und dabei Libras Führung bestimmt haben.

«Wir können nicht garantieren, dass wir unser ursprünglich geplantes Startdatum von Mitte 2020 schaffen werden. Unsere Diskussionen mit den Regulierern brauchen Zeit», sagt Perez. «Sollten wir den Start um einige Quartale nach hinten verschieben müssen, wäre das kein Drama», schliesslich sei das Digitalgeld als Langfristprojekt angelegt.

Günstigere Geldtransfers

Im Juni hatte Facebook das Projekt vorgestellt: Libra soll weltweite Geldtransfers dank Blockchain-Technologie schnell, sicher und günstig machen. Anders als Bitcoin soll Libra kein Spekulationsobjekt sein, sondern als Zahlungsmittel eingesetzt werden können, das wertstabil ist. Daher ist Libra als sogenannter Stablecoin angelegt: Tauschen Nutzer Franken oder Dollar gegen Libra, sollen mit dem Geld liquide Währungen und Wertpapiere gekauft werden. Diese Anlagen sollen die Werthaltigkeit des Digitalgelds sichern. Einen garantierten Kurs von Libra zu Franken wird es aber nicht geben.

Facebook war der Initiator der Idee. Damit die Vorbehalte gegen das soziale Netzwerk in Sachen Datenschutz Libras Start nicht erschweren, holte der Techriese prominente Finanzkonzerne wie Mastercard, Visa und Paypal als Partner ins Boot. Angesichts dieser Industrieallianz und Facebooks rund zwei Milliarden Nutzer dürfte Libra grundsätzlich das Potenzial haben, die Blockchain-Technologie massentauglich zu machen.

Kaum waren aber die Grundzüge von Libra publik, kamen Bedenken auf. Vor allem Notenbanken, Finanzminister und Finanzaufseher beäugten den Angriff aus der Techwelt auf die Finanzwelt mit grossem Argwohn. Solch ein Projekt berge «ernsthafte Risiken, insbesondere mit Blick auf Geldwäscherei, Datenschutz, Cyberrisiken, Wettbewerber (...) oder für die Finanzstabilität», schrieb EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Cœuré, der einer Arbeitsgruppe der sieben wichtigsten Industriestaaten (G-7) vorsteht. Die Expertengruppe soll Vorschläge für die Regulierung von Libra machen.

Wenn man für 100 Franken Libra tauscht und sie nach einer Woche zurücktauschen will, so ist es möglich, dass der Nutzer nicht exakt den gleichen Betrag zurückbekommt.Bertrand Perez

Ein Problem besteht zum Beispiel in dem geplanten Fonds, der die Wertstabilität Libras sichern soll. Wenn die Nutzer das Vertrauen in Libra verlieren und gleichzeitig ihr Geld in ihre Heimatwährung zurücktauschen wollen, müsste Libra alle Wertpapiere mit einem Schlag auf den Markt werfen. Das könnte ein Börsenbeben auslösen, Verluste würden drohen.

Libra-Manager Perez sieht da kein Problem: «Die Idee von Libra ist nicht, ein Spekulationsobjekt zu sein, sondern Geld aufzubewahren, zu transferieren und damit zu bezahlen. Daher sehe ich kein Risiko für die Finanzstabilität.» Zudem verweist er darauf, dass die Schweizer Aufsicht Finma bereits erklärt habe, dass Libra als Zahlungssystem mit einigen Sonderauflagen, aber nicht als Bank reguliert werden soll.

Die Finma hatte allerdings auch erklärt, dass die Verlustrisiken aus Libras Wertpapierportfolio beim Trägerverein und nicht bei den Nutzern liegen sollen. Das aber hätte zur Folge, dass Libra für solche Verlustrisiken Eigenkapital vorhalten müsste. Und das wäre teuer und ist derzeit von den Machern nicht vorgesehen.

So erklärt auch Bertrand Perez, dass Libra den Nutzern keine hundertprozentige Wertstabilität garantiere. Denn der Wert des Absicherungsportfolios würde sich im Verhältnis zu einzelnen Währungen wie etwa dem Franken immer leicht verschieben. «Wenn man für 100 Franken Libra tauscht und sie nach einer Woche zurücktauschen will, so ist es möglich, dass der Nutzer nicht exakt den gleichen Betrag zurückbekommt», so Perez.

Rückzug der Kartenriesen

Angesichts des Widerstands und der vielen offenen Fragen der Regulatoren sind Mastercard, Visa und Paypal bei Libra wieder ausgestiegen. Die Analysten des Research-Anbieters Moffett-Na­thanson sehen in der Beteiligung Facebooks bei Libra die Erklärung dafür, warum das Projekt auf so grosse Ablehnung stösst. Schliesslich habe Facebook mit dem Abfluss von Kundendaten weltweit die Regulierer verärgert. Nun könne der Ausstieg von Visa und Mastercard den Anfang vom Ende Libras markieren, meinen die Analysten.

«Der Ausstieg von Mastercard und Visa gefährdet nicht das Projekt. Wir haben 1500 Unternehmen, die ihr Interesse angemeldet haben, bei Libra mitzumachen», entgegnet Perez. Noch dominieren aber die Abgänge. Just am Tag der ersten Generalversammlung kündigte auch Booking.com seinen Ausstieg an.

Erstellt: 15.10.2019, 22:33 Uhr

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