Der 100-Millionen-Fallschirm

Yahoo will sein Kerngeschäft abspalten – ein Rückschlag für CEO Marissa Mayer. Doch sie ist bequem abgesichert.

Unter Druck: Yahoo-Chefin Marissa Mayer bei einer Diskussion in San Francisco. (3. November 2015)

Unter Druck: Yahoo-Chefin Marissa Mayer bei einer Diskussion in San Francisco. (3. November 2015) Bild: Reuters

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Es war ein harter Tag für Yahoo-Chefin Marissa Mayer. Sie musste gestern zusammen mit dem Verwaltungsratspräsidenten Maynard Webb bekannt geben, dass Yahoo sein Kerngeschäft – die Suchmaschinen- und Online-Werbedienste – abspalten und in ein neues Unternehmen auslagern wird. Die 30 Milliarden Dollar schwere Beteiligung am chinesischen Onlineriesen Alibaba wird Yahoo hingegen behalten.

Mayers Pläne waren in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Sie hatte die Alibaba-Beteiligung abstossen wollen. Der Verwaltungsrat hat sich aber dagegen entschieden, unter anderem, weil das finanzielle Risiko beim Verkauf der Alibaba-Anteile gross gewesen wäre. Die US-Steuerbehörde IRS wollte für den Deal keine Steuerfreiheit garantieren.

Die Zukunft der einstigen Vorzeigemanagerin Mayer ist nun ungewisser denn je. Seit 2012 versucht sie, den in die Jahre gekommenen Internetkonzern zu modernisieren und den Umsatz zu steigern – bislang vergeblich. Mit dem Verkauf der Alibaba-Anteile hatte sie die unzufriedenen Yahoo-Aktionäre entschädigen und neue Investitionen tätigen wollen. Mit diesem Vorhaben ist sie nun gescheitert.

Eine neue Strategie – und Zwillinge

Trotzdem stellte sich der Verwaltungsrat gestern demonstrativ hinter Mayer. «Wir wollen ihr helfen, dieses grossartige Unternehmen an den Platz zurückzuführen, wo es hingehört», sagte Verwaltungsratspräsident Webb zum US-Nachrichtensender CNBC. Auch Mayer zeigte sich überzeugt von den neuen Plänen: Die Aufspaltung von Yahoo schaffe «grössere Transparenz, um sicherzustellen, dass die Yahoo-Geschäfte akkurat bewertet sind». Damit spielt sie auf die massive Unterbewertung von Yahoo am Markt an. Zusätzlich zur 30-Milliarden-Dollar-Beteiligung an Alibaba besitzt der Konzern eine 8,7-Milliarden-Beteiligung an der japanischen Yahoo – an der Börse ist er allerdings nur rund 32 Milliarden Dollar wert.

Mayer will nun bis Anfang nächsten Jahres eine Strategie zur Neuausrichtung des Konzerns vorstellen. Ihr stehen mehr als turbulente Zeiten bevor – in diesen Wochen sollen nämlich auch ihre eineiigen Zwillingsmädchen zur Welt kommen. Die Mutter eines dreijährigen Sohnes hat allerdings schon zu Beginn der Schwangerschaft klargemacht, dass sie sich dadurch nicht vom Arbeiten abhalten lassen wird: «Ich plane, an die Schwangerschaft und die Geburt so heranzugehen wie bei meinem Sohn vor drei Jahren, also mir nur begrenzt Zeit dafür zu nehmen und durchgehend zu arbeiten.»

«Keine Garantie, dass sie das Jahr überleben wird»

Mayer hat sich ein Jahr Zeit erbeten, um die neue Strategie bei Yahoo umzusetzen. Die grosse Frage ist nun, ob die Investoren so viel Geduld aufbringen werden. Obwohl der Verwaltungsrat sich offiziell hinter Mayer gestellt hat, «gibt es keine Garantie, dass sie dieses Jahr überleben wird», schreibt die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg. Dass der Aktienkurs nach Bekanntgabe der neuen Pläne gestern um fast 5 Prozent absackte, ist mit Sicherheit kein gutes Zeichen. Zudem hat Mayer am selben Tag einen Vertrauten im Verwaltungsrat verloren: Max Levchin war 2012 von ihr zu Yahoo geholt worden, nun verlässt er die Firma, um sich auf seine eigenen Geschäfte zu konzentrieren, namentlich das Fintech-Start-up Affirm.

Der Finanzprofessor Aswath Damodaran von der New York University spricht jedenfalls bereits vom «End Game» bei Yahoo: «Mayer sollte anfangen, über ihre Zukunft nachzudenken.» Klar ist: Darben wird die 40-Jährige nicht, komme was wolle. Sie ist mit einem Jahreslohn von 42 Millionen Dollar nicht nur eine der bestbezahlten Managerinnen, sondern hat sich für den Fall eines Abgangs auch äusserst gut abgesichert.

Sollte Mayer vom Verwaltungsrat gefeuert werden, steht ihr laut Berichten von US-Wirtschaftsmedien eine Abfindung von 25,8 Millionen Dollar zu. Noch besser erginge es ihr, sollte sie ihren Job aufgrund eines Besitzerwechsels verlieren. Das könnte durchaus passieren: Dann nämlich, wenn Yahoo sein Kerngeschäft nicht nur in ein neues Unternehmen auslagert, sondern dieses auch an einen neuen Besitzer verkauft. Darauf ist die 40-Jährige mit einem sehr lukrativen goldenen Fallschirm vorbereitet (einem sogenannten «change-in-control severance benefit»). Beim jetzigen Aktienkurs bekäme sie in diesem Fall rund 108 Millionen Dollar ausbezahlt. Das wären, wie das US-Wirtschaftsmagazin «Fortune» feststellt, rund 108 Millionen Dollar mehr, als Yahoos Kerngeschäft derzeit am Markt wert ist.

Erstellt: 10.12.2015, 13:32 Uhr

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