Microsoft-Mitarbeiter hören Skype-Gespräche ab

Der US-Technologiekonzern lässt Externe die Sprachdaten seiner Kunden auswerten, teilt das aber nicht transparent mit.

Wer via Skype kommuniziert, könnte noch weitere Zuhörer haben. Foto: Guillaume Payen/LightRocket/Getty Images)

Wer via Skype kommuniziert, könnte noch weitere Zuhörer haben. Foto: Guillaume Payen/LightRocket/Getty Images)

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Amazon tut es, Apple und Google taten es. Wer fehlt? Microsoft. Offenbar lässt auch das vierte grosse Tech-Unternehmen Sprachaufnahmen von menschlichen Mitarbeitern abhören. Im Gegensatz zu Alexa, Siri und Google geht es aber nicht nur um Sprachassistenten, sondern auch um ein Programm, das Hunderte Millionen Menschen für berufliche und private Telefonate nutzen: Skype.

Wer seine Sprach- und Videoanrufe mit dem Skype Translator übersetzen lässt, muss einem Bericht des Onlinemagazins «Vice» zufolge damit rechnen, dass nicht nur die Gesprächspartner, sondern noch mehr Personen zuhören. Microsoft spricht von einem «maschinellen Lernprozess». Im Hilfebereich heisst es nur, dass «automatische Transkripte analysiert werden». Dass diese Aufgabe von Menschen erledigt wird, geht aus der Erklärung nicht hervor. Auch in der Datenschutzerklärung steht dazu kein Wort.

Menschliche Ohren

Die Vorwürfe basieren auf internen Unterlagen, Screenshots und Audio-Mitschnitten, die eine anonyme Quelle «Vice» zugespielt hat. Der Whistleblower arbeitet bei einem externen Dienstleister von Microsoft, wo er die Aufnahmen abhört und analysiert. Schon die Tatsache, dass er oder sie Dokumente an «Vice» weitergeben könne, zeige, wie fahrlässig Microsoft handle und welch geringe Rolle Datenschutz dort spiele, sagte die Quelle.

Ein Teil der Angestellten soll die Aufnahmen nicht einmal in einer geschützten Büroumgebung, sondern von zu Hause aus bearbeiten. Aus den Unterlagen gehe auch hervor, dass Microsoft Mitarbeiter beschäftigt, die Aufnahmen der Sprachassistentin Cortana abhörten und transkribierten.

Zuletzt hatten mehrere Medien aufgedeckt, dass hinter «künstlicher» Intelligenz überraschend oft menschliche Ohren stecken: Nach heftiger Kritik stellten Apple und Google die Praxis vorerst ein. Amazon gibt Nutzern eine Möglichkeit, die manuelle Auswertung zu deaktivieren.

Telefonsex mitgehört

Als Microsoft im Juli von Medien angefragt wurde, ob Menschen bei Cortana mithörten, antwortete das Unternehmen zwei Wochen lang nicht. Als «Vice» im April wissen wollte, wie viele Menschen Cortanas Aufzeichnungen hören können, sagte eine Sprecherin nur: «Microsoft weiss zu keinem Zeitpunkt, wer Fragen an Cortana gestellt hat.»

Auf eine aktuelle Anfrage sagte Microsoft, dass man Daten anonymisiere und von Vertragspartnern eine Geheimhaltungsvereinbarung verlange. Zudem müssten diese externen Dienstleister hohe Datenschutzstandards einhalten. Microsoft mache die «Nutzung von Sprachdaten transparent, um sicherzustellen, dass unsere Kunden informierte Entscheidungen darüber treffen können, wann und wie ihre Sprachdaten verwendet werden». Das Unternehmen hole sich die Zustimmung ein, bevor es Sprachdaten sammle. Wie Nutzer eine Entscheidung treffen können, wenn sie nicht wissen, dass man ihre Telefonate abhört, erklärte Microsoft nicht.

Wie die Enthüllungen zu den Aufnahmen von Alexa, Siri und Google enthält auch der «Vice»-Bericht Zitate von Mitarbeitern, die schockieren: «Einige der Dinge, die ich gehört habe, können eindeutig als Telefonsex beschrieben werden», so eine Quelle. «Ich habe gehört, wie Menschen ihre vollständigen Adressen verraten oder Cortana nach Pornografie suchen lassen.»

Auch Mitarbeiter von Amazon, Apple und Google hatten von Berufsgeheimnissen, intimen Szenen und gar von einer Vergewaltigung erzählt, die sie zu Ohren bekommen hätten, weil Sprachassistenten versehentlich aktiviert worden seien.

Verheimlicht, verharmlost

Die Tatsache, dass Nutzer per Skype und mit aktivierter Übersetzungsfunktion Telefonsex haben, lässt sich den Firmen aber nicht vorwerfen. Der Skandal liegt auch nicht darin, dass Menschen zuhören, um Software zu verbessern - sondern in der Tatsache, dass das jahrelang verheimlicht und verharmlost wurde. Nicht einmal Apple, das sonst stets beteuert, wie wichtig Transparenz und Datenschutz seien, hatte Nutzer darauf hingewiesen, dass ein Teil der Aufnahmen von Menschen analysiert wird.

Nutzer können aus den Enthüllungen eines lernen: «Künstliche Intelligenz» und «maschinelle Lernprozesse» sind keine Magie. Dahinter stecken nicht nur menschliche Entwickler, welche die Technik konstruieren, sondern oft auch menschliche Kontrolleure, die mit den erfassten Inhalten arbeiten.

Erstellt: 10.08.2019, 09:51 Uhr

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