Billigrosen aus der Migros sind nicht mehr Fairtrade

Der Grossverteiler passt sein Sortiment an, um eine «eher preissensible Kundschaft» anzusprechen – mit Folgen für die Rosenbauern in Afrika.

Faire Bedingungen von der Plantage bis zur Lieferung: Rosenproduktion in Äthopien. Foto: Bloomberg, Getty Images

Faire Bedingungen von der Plantage bis zur Lieferung: Rosenproduktion in Äthopien. Foto: Bloomberg, Getty Images

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Im August hat die Migros ihre günstigen Rosen mit dem Nachhaltigkeitssiegel Fairtrade von Max Havelaar aus dem Sortiment genommen. Sie wurden durch Rosen ohne das blau-grüne Siegel ersetzt. Das bestätigt der Detailhändler auf Anfrage – und gibt an, bei den Billigrosen neu auf den Standard «Amfori BSCI» zu setzen. Bei dieser Zertifizierung werden zwar faire Arbeitsbedingungen der Rosenbauern gewährleistet und kontrolliert – eine Prämie wie bei den Produkten von Max Havelaar gibt es jedoch nicht.

Bauern, die nach den Vorgaben von Max Havelaar produzieren, erhalten eine Prämie. Diese beträgt 10 Prozent des Lieferpreises. Für die Arbeiter der ­ Rosenplantagen könnte der Wechsel auf lange Sicht tiefere Prämieneinnahmen bedeuten. Ausschlaggebend wird die Preissensibilität der Migros-Kunden sein. Wer bisher für einen Bund mit zehn Minirosen 6.90 Franken zahlte, greift wahrscheinlich eher auf das neue, günstigere Produkt mit dem Siegel Am­fori BSCI zurück. Ein Zehnerbund normale Max-Havelaar-Rosen kostet in der Migros 14.90 Franken.

Ausbau Billigsortiment

Die Migros gibt ausserdem an, zusätzlich zwei weitere Rosensorten von Max Havelaar ins Sortiment aufzunehmen. Das dürfte die Einbussen im günstigen Preissegment aber nur dann auffangen, wenn die Kundschaft künftig von den neuen Sorten mehr kauft. Doch auch diese Rosen sind teurer als jene ohne das Label Max Havelaar, wie die Migros bestätigt. Man wolle eine «eher preissensiblere Kundschaft» ansprechen, heisst es.

Bei Max Havelaar ist man verwundert über den Entscheid. In der Schweiz vergibt die Non-Profit-Organisation das Label für nachhaltig angebaute und fair gehandelte Produkte. Über die Prämie hinaus bedeutet die Zertifizierung für die Angestellten auf den Plantagen Arbeitsrechte, vertraglich geregelte Ferien, Arbeitsschutz und ein Verbot ­giftiger Pestizide. Die Fairtrade-Standards müssen nicht nur von den produzierenden Farmen, sondern von allen Akteuren der Lieferkette eingehalten werden.

Bereits 2001 war die Migros einer der ersten Detailhändler, die Fairtrade-Blumen in ihr Sortiment aufnahmen. Neben Coop zählt der orange Riese in der Schweiz zu einem der wichtigsten Abnehmer von fair gehandelten Produkten mit dem Max-Havelaar-Label. Über die Höhe der Prämie, die im letzten Jahr an die Arbeiter der Rosenplantagen nach Afrika floss, gibt die Migros keine Auskunft.

Neben Coop ist die Migros einer der wichtigsten Abnehmer von Produkten mit dem Label Max Havelaar.

Durch den Entscheid der Detailhändlerin, die günstigen Fairtrade-Rosen aus dem Sortiment zu nehmen, fürchtet Max Havelaar nun negative Auswirkungen für die Arbeiter auf den Rosenplantagen. Denn Kunden, die bisher die günstigen Rosen kauften, würden dies sehr wahrscheinlich auch weiterhin tun – in diesem Fall also die ohne Fairtrade-Siegel. «Wie sich der Entschluss der Migros auf die Prämie auswirkt, ist noch nicht absehbar, aber wir rechnen mit einem signifikanten Rückgang um Zehntausende Franken», sagt Melanie Dürr, Blumenexpertin bei Max Havelaar.

Die meisten in der Schweiz verkauften Rosen kommen aus Kenia, Tansania oder Äthiopien. Die Arbeiter sind dort auf die Prämie angewiesen. «Hauptsächlich fliesst das Geld in die Schulbildung der Kinder oder die Weiterbildung von Erwachsenen, die sich dadurch ein zweites Standbein aufbauen können», sagt Melanie Dürr. In Kenia werde zum Beispiel zudem ein Spital unterhalten.

Beim Grossverteiler ist man zuversichtlicher. «Die Migros ist im weltweiten Markt ein sehr kleiner Abnehmer von Max-Havelaar-Rosen. Daher gehen wir nicht davon aus, dass Farmer auf eine Prämie verzichten müssen», sagt ein Sprecher.

Fairtrade wächst

Dem Unternehmen liege es am Herzen, sich für Fairtrade einzusetzen. Weswegen man auch das Sortiment der Max-Havelaar-Rosen erweitere, die Zusammenarbeit mit der Non-Profit-Organisation sei gut. Insgesamt verzeichnete das Fairtrade-Segment der Migros in den letzten fünf Jahren ein Umsatzwachstum von über 30 Prozent.

Mit dem Entscheid, im günstigen Rosensegment auf das Amfori-BSCI-Label zu setzen, wolle man der Kundschaft die Wahl zwischen konventionellen und Mehrwertprodukten lassen, heisst es bei der Migros. Max Havelaar bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass den Kundinnen und Kunden der Migros ein faires Label mehr wert ist als ein tiefer Preis.

Erstellt: 09.09.2019, 11:49 Uhr

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