Migros senkt Preise und provoziert Streit mit den Lieferanten

1500 Produkte sollen besser oder billiger werden – und der Detailhandelsriese erst noch davon profitieren.

Der Warenkorb soll einerseits billiger werden, die Produkte darin andererseits besser schmecken: Konsumentinnen in einer Migros-Filiale. Foto: Keystone

Der Warenkorb soll einerseits billiger werden, die Produkte darin andererseits besser schmecken: Konsumentinnen in einer Migros-Filiale. Foto: Keystone

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Es war eine Riesenübung, die die Migros-Zentrale letztes Jahr mit ihren Kadern unternahm. Sechs Monate lang wurde in Intensiv-Workshops getestet, ob die Migros bei den 1500 meistverkauften Produkten wirklich konkurrenzfähig sei. Dabei ging es natürlich auch um den Preis, der sich relativ einfach vergleichen lässt. Doch der Test ging wesentlich weiter.

Vertreter aus dem Management, aus Einkauf und Verkauf sowie Fachspezialisten wurden mit Produkten wie Hackfleisch oder Joghurt gefüttert. In Blindtests mussten sie herausfinden, ob die Migros-Ware mindestens so gut schmeckt wie die der Konkurrenz. Mit Sensoriktests prüften sie den Geruch, den Geschmack, das Gefühl im Mund und beim Schlucken. War die Ware schlechter als bei der Konkurrenz, wurde Ursachenforschung betrieben, die Rezeptur angepasst, allenfalls der Lieferant ausgewechselt und dann noch einmal getestet.

Das Ergebnis: neben Qualitätsverbesserungen auch eine neue Preisrunde. «Nun werden Woche für Woche die Preise gesenkt», sagt Cristina Maurer Frank, Projektleiterin bei der Migros. Die Preissenkungen gehen durch das gesamte Sortiment, seien es frische oder haltbare Lebensmittel, Schönheits- und Körperhygieneprodukte, ­Babyhygiene und -nahrung oder Wasch- und Reinigungsmittel. «Am Schluss soll der Warenkorb für jede Kundin und jeden Kunden günstiger sein», sagt Maurer Frank. Das ist auch nötig, denn die Migros ist längst nicht mehr so erfolgreich wie auch schon. Sie machte letztes Jahr nur noch 475 Millionen Franken Gewinn, ohne die ­Migros-Bank waren es gerade mal 271 Millionen. Vor zehn Jahren lag der Gewinn noch bei 846 Millionen Franken.

Wenig Freude löst die neue Preisrunde bei den Lieferanten aus. Die 50 grössten unter ihnen wurden im letzten Jahr von der Migros teilweise zu happigen Preissenkungen von bis zu 20 Prozent aufgefordert. Viele der Preissenkungen haben direkte Auswirkungen auf die Bauern. Wenn das Bio-Rindshackfleisch neu 1.90 statt 2.40 Franken pro 100 Gramm kostet, tönt das zwar nach wenig – was sind schon 50 Rappen mehr im Portemonnaie des Konsumenten? Doch ein Preisabschlag von über 20 Prozent trifft auch den Produzenten. Aktuell streitet sich die Migros mit dem Bauernverband über Senkungen beim Milchpreis. Rund drei Rappen weniger will die Genossenschaft pro Liter bezahlen.

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«Wir befürchten, dass die Preissenkungen auf die Landwirtschaft überwälzt werden», sagt Martin Rufer, Geschäftsleitungsmitglied des Bauernverbands. Die aktuellen Preissenkungen bei der Milch seien «angesichts der momentanen Marktlage gar nicht vertretbar». Maurer Frank kontert: «Die Migros bezahlt seit Jahren einen überdurchschnittlichen Milchpreis.»

Die Argumentation der Bauern stützt sich auch auf Untersuchungen von Volkswirtschaftsprofessor Mathias Binswanger. Seine Kernaussage: Seit 1990 sind die Preise, welche der Detailhandel für landwirtschaftliche Produkte bezahlt, um 30 Prozent gesunken, die Konsumentenpreise aber um 16 Prozent gestiegen. Das führte dazu, dass die Margen beim Handel und in der Verarbeitung ständig angestiegen sind. Binswanger: «Dank ihrer Marktmacht konnten Migros und Coop tiefere Einkaufspreise durchsetzen und gleichzeitig die Preise im Verkauf hochhalten. Die Margen von Migros und Coop sind mit 40 und 30 Prozent im internationalen Vergleich ausserordentlich hoch.» Migros erwidert darauf, dass sich das in den vergangenen Jahren geändert habe.

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Dafür, dass die Migros trotzdem immer weniger Gewinn macht, hat Binswanger eine einfache Erklärung: «In der Vergangenheit hat die Migros einen Teil ihrer hohen Marge mit teuren Zukäufen und Auslandabenteuern wieder vernichtet.» Die Globus-Übernahme vom 4. Juli 1997 kostete damals schon rund 700 Millionen Franken, das in der gleichen Zeit angeschobene Österreich-Abenteuer führte zu einem Verlust im dreistelligen Millionenbereich. Die Übernahmen von Schild und ­Navyboot waren auch keine Erfolgsgeschichten. «Jede Expansion ist mit einem gewissen Risiko verbunden», sagt Maurer Frank.

Heute ist die Zeit der Abenteuer vorbei, es spielt der Wettbewerb. Und der hat für die Bauern Konsequenzen. Binswanger: «Die jetzigen Preissenkungen sind auch eine Reaktion auf die verstärkte Konkurrenz durch Anbieter wie Aldi und Lidl. Die Gefahr besteht, dass dadurch auch die Zulieferer wieder unter Preisdruck kommen und wertvolle Programme wie «Aus der Region. Für die Region» in den Hintergrund gedrängt werden.»



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Erstellt: 06.07.2019, 18:57 Uhr

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